Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 39 (25.9.1908)
- Date
- 1908-09-25
- Page
- Seite 459 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Wsr v*'*' ' „Libre Parole" mit der Blaustift-Randbemerkung von d.es < / Kaisers Hand: „Sie haben Drehfus gefaßt" wieder auf- ' zutischen. Ein Zeuge konnte auch mit fürcherlichem Ernst — unter seinem Eid! — aussagen, Graf Münster, Fürst , von ' - Derneburg habe Erinnerungen hinterlaffen, „die endlich die v ganze Wahrheit über Drehfus^ Verrat enthüllen", ein Verleger ' habe sie aber im Aufträge der 'deutschen Reichsregierung für 300000 Franken angekaust und — vernichtet. Die Partei, die am . IRuber ift, tieft feltfamei’toeife gewühren. Sie tat nichts, um den Verhandlungssaal den Nationalisten streitig zu machen. Die Partei hat gesiegt und sieht nicht ein, weshalb sie nach dem Siege noch kämpfen soll. Sie überläftt den Schwurgerichts saal den Nationalisten. Die v Ministerien, die beiden Parlamentssäle, das Elysee genügen ihr. Ein praktischer Standpunkt. . Und doch — wer weift, ob er sehr voraussichtig gewählt-ist. In Paris, das ist nicht zweifelhaft, hat die Regierung. keinen Anhang. Die oberen Klassen verabscheuen in ihr die Verfolgerin der katholischen Kirche und sehnen die schlimmsten Katastrophen herbei, vorausgesetzt, daß sie den Räubern der Ordensgüter einen schrecklichen Untergang bereiten. Der Mittelstand grollt der Republik aus Dummheit, weil er den Blödsinn glaubt, den. ihm seine demagogisch-antisemitischen und nationalistischen Soublätter von der Allmacht der Juden, der Ausländer, der Freimaurer, von der diebischen Verwaltung der Republikaner, von der dauernden Verschwörung gegen Frankreich vorschwefeln. Aber Paris macht nicht mehr allein die Politik Frankreichs, und die Provinz folgt längst nicht mehr allen albernen Launen und bösartigen nationalistischen Verstiegenheiten der Hauptstadt.; 4» Bulgarische Blätter bringen aus Mazedonien Lobesartikel über die Sympathien, die die Saloniker jüdische Bevölkerung den bulgarischen Gästen gegenüber an den Tag gelegt hat, , und danken den mazedonischen Juden, daß sie sich gegen die Griechen auf die Seite der Mazedobulgaren stellen. Aus Saloniki wird nach - Sofia telegraphiert, daß jüngst Hetzspitzel die dortige griechische Bevölkerung zu antisemitischen Ausschreitungen angeeifert haben, und daß das Jungtürkenkomitee für alle Fälle Gegenmaßregeln trifft. Die spaniolischen Juden Mazedoniens sind dem wüsten politischen Getriebe ihrer Heimat bisher stets ferngeblieben und werden gut tun, sich auch in Zukunft passiv zu verhalten, namentlich keine Partei für eine, der Nationalitäten, welche immer es sein möge, zu ergreifen; zu. gewinnen hätten sie nichts dabei. Denn im Grunde genommen sind alle Parteien im gegebenen Falle einig, wenn es gegen die Juden geht. Die schlimmsten sind freilich die Griechen und die muß man nach dem bekannten Sprichwort fürchten, auch wenn sie Geschenke bringen. 4 Wir haben schon in der vorigen Woche berichtet, daß am Morgen nach der Proklamation des neuen Sultans, von Marokko der Gouverneur von Tanger ein Telegramm an den Oberrabbiner sandte, worin er ihn ersuchte, in der Alcazaba, dem Regierungsgebäude des Gouverneurs, zu erscheinen. Die „N. I. K." berichtet nun über den Empfang daselbst: . „Am Nachmittag kam Rabbi Mordechai Bengio, der älteste,Rabbi, ein sehr ehrwürdiger Mann, der sich in Marokko allgemeiner Achtung erfreut, in der Alcazaba an. Er war begleitet von den hervorragendsten Mitgliedern der jüdischen Gemeinde Tangers. Bei seiner Ankunft wurde der Rabbi mit Freudenrusen und Hochrufen aus den Sultan begrüßt. Alle Mauren und alle Juden, welche zur Begrüßung des greisen Rabbi herbeigeeilt waren, trugen Fahnen »'der verschiedensten Farben,-und eine Musikkapelle, lieft fortwährend ihre Weisen ertönen. Der Gouverneur' Hadh Abdeslam Ben Abdessadak erwartete den Rabbi am Eingang seines Empfangszimmers, welches aus diesem Anlaß besonders reich mit Teppichen geschmückt war. Außer dem Gouverneur waren noch sämtliche anderen Herren der Regierung anwesend. Als der Rabbi und die Repräsentanten der jüdischen Gemeinde angekommen waren, lud der Gouverneur sie nach herkömmlicher Weise ein, Platz zu nehmen, und eröffnete ihnen dannoffiziell, daß Marokko jetzt einen neuen Sultan habe, der nach alte.r überlieferter Tradition fortsahreg wolle, in den Juden Freunde des Landes zu sehen und sie mit Gerechtigkeit und Freundlichkeit zu behandeln. Rabbi Bengio dankte dem Gouverneur sehr herzlich, dann sprach er ein Gebet und erteilte dem neuen Sultan seinen Segen. Das Gebet und der Segen wurden vom Rabbi natürlich hebräisch gesprochen, und mit tiefer Aufmerksamkeit und Andacht hörten der Gouverneur und seine Begleitung den Segenssprüchen des Rabbi zu, während die ganze jüdische Deputation sich von ihren Sitzen erhoben'hatte. Bei ihrem Weggange schüttelte der Gouverneur jedem einzelnen Mitglieds der Deputation die Hand und dankte ihnen für ihren Besuch und die Versicherung ihrer Treue für den neuen Herrscher von Marokko. Der Gouverneur sprach während einer geraumen Zeit mit Mr. Jsaac M. Mahon, einem der hervorragendsten Mitglieder der jüdischen Gemeinde mit dem er auf sehr freundschaftlichem Fuße steht, und wiederholte ihm, daß die Juden nicht zu befürchten brauchten, während des neuen Regimes nach irgendeiner Richtung hin belästigt zu werden." | gflnitätsrat Keumann. m Berlin, 21. September, it dem scheidenden Jahre hat uns ein Mann verlassen, dessen Name einweithin leuchtender in unserer Glaubensgemeinde und darüber hinaus gewesen ist. Dieser Name ragte noch aus einer besseren Zeit in die unsrige hinein, aus einer Zeit, in der es nicht an bedeutenden Männern fehlte, die in anderen Lebenskreisen sich Ansehen und Ehren erworben, die aber mit allen Fasern ihres Herzens am Judentum festhielten, die an dessen Leiden und Freuden den innigsten Anteil nahmen, die noch genug jüdisches Wissen besaßen, um auch für die. Wissenschaft des Judentums sich zu begeistern. Der Typus eines solchen Mannes war Salomon Neumann. Sein Leben wird vorbildlich bleiben für lange Zeit. Es ist uns heute unter dem unmittelbaren Eindruck der Trauerkunde nicht möglich, dieses Leben nach allen seinen Ausstrahlungen zu schildern, wir müssen uns vielmehr damit begnügen, nur in kurzen Zügen den Verlauf desselben zu skizzieren, indem wir die Ausführung des Bildes dem dazu. Berufenen überlassen. Salomon Neumann wurde als der Sohn frommer Eltern am 22. Oktober 1819 in Pyritz in Pommern geboren. Er besuchte zuerst die Schule in seiner Vaterstadt, dann das Gymnasium in Frankfurt a. O. Sein Reifezeugnis erwarb er auf dem Berliner Friedrich Wilhelm-Gymnasium, von dem er 1838 zur Universität entlassen wurde. Während der ersten fünf Halbjahre studierte Neumann in Berlin. -Zu Lehrern hatte er Johannes Müller, Schlemm, Hecker, Schönlein, Wolfs, Jüngken. Aber schon damals erweiterte er das Studienbereich des Mediziners durch zwei besondere Kollegien. Er hörte bei Eduard Gans über neuere Geschichte und bei Karl Ritter,