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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1908-09-25 · Heft 39 (25.9.1908) · p. Seite 458

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
72 (1908)
Issue
Heft 39 (25.9.1908)
Date
1908-09-25
Page
Seite 458 (sequence 4)
Language
German
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W8HWKWWZWW8MMKWDWWMM^N^^MWNN^WdW * edlen Gefühlen. Eine reinere Erkenntnis' der höchsten Dinge erfreut uns: Wir haben die Vernunft in ihr angeborenes Recht eingesetzt trotz der Aufregungen und Leidenschaftenin welche ünsdie? Zeitereignisse versetzen, ist das. Herz empfänglicher geworden durch die Erziehung, welche die Zeit uns gab. Viel Haß ist daraus -entschwunden, viel Liebe und Brudersinn darin ausgenommen worden., Wir lieben im Menschen''den Menschen, .das Ebenbild des einzigen Gottes — welch ein Gewinn für die Menschheit, welch ein Gewinn -für die . Religion! Und wenn wir nun weiter blicken über ganz Israel.. Ist es nichteine neue Schöpfung, die da war und sich wieder gestaltet? Ist es . nicht der Geist, der überall die tausendjährigen Hüllen und Bande durchbricht, um. frei zu. werden. Gewiß, aus diesen widerstreitenden Bestandteilen, aus diesem Ringen und Kämpfen wird sich das neue Judentum groß und herrlich'heräüsbilden; über dem Tohuwabohu unserer Tage waltet erhaben der religiöse Gedanke. Ihn zu bewahren und zu tragen ist Israel auserkoren in der menschlichen Gesellschaft; und auch in dieser wird' aus den kämpfenden Nebeln sich die Sonne einer besseren Zeit durchringen. Laßt uns darum nicht verzagen! Daß wir den Ausweg nicht kennen, . .daß keiner von uns sagen kann, was sich aus dieser gärenden Zeit herausarbeiten wird, das gerade erscheint uns als ein sicherer Beweis, daß über der verhüllten Freiheit ein ordnender Geist waltet. Und wenn wir am Tage der Erinnerung diese viel getadelte Zeit nach allen ihren Richtungen und Bestrebungen mit sinnendem Geiste überschauen, werden wir da nicht froh und dankbar die Urstoffe zu besserer Gestaltung der Dinge, zu einer neuen Schöpfung, zu einer harmonischeren Weltanschauung begrüßen müssen. Die Zeit ringt nach. Aufklärung. Wer will es leugnest? Nach Freiheit! Wer will es tadeln? Nach Verbrüderung und Annäherung der Völker! Wer will es nicht froh begrüßen? Nach einer gerechteren Verteilung der Lebenslasten und Lebensfreuden! Wer erkennt nicht darin die Pflicht des Menschen, das Gebot des Gottesgeistes, der gestaltend webt über den Irrungen unserer Tage? . 8 , Und wir Juden, müssen wir nicht erkennen, daß der Geist der Wahrheit und Liebe, des Friedens und der Gerechtigkeit, der Geist der messianischen Zeit trotz aller Kämpfe und .Verdunkelungen sich doch zum Lichte durchringen und siegen wird? Liegt nicht darin, daß bei. der Befreiuung einer so .schwachen Minderheit der Geist gesiegt nicht die rohe Gewalt, .die frohe Bürgschaft, daß dieser Geist immer weiter und weiter seine Siege feiern werde, bis jener bessere Zustand .hergestellt sein wird, von dem wir am Neujahrstage sprechen: „Dann werden die Gerechten es schauen und sich freuen und die Redlichen werden frohlocken und die Demütigen werden in Jubel ausbrechen, das Laster aber wird verstummen und alle Verfolgungen wie ein. Rauch sich auflösen, denn Du wirst sortschasfen die Herrschaft des Uebermutes von der Erde." Darum fassen wir Mut an diesem erhabenen Tage und treten wir mit Zuversicht in das neue Weltenjahr! Mag das Getriebe der Zeit sich noch wirrer gestalten, wir verzagen nicht, wir schauen empor zu dem Gottesgeiste, der über der Menschheit waltet, wir beteiligen uns mit Eifer und Liebe an allen besseren Bestrebungen der Zeit, an allen Errungenschaften der Menschheit. Wir helfen an unserem Teil mitbauen an. dem großen Werke der Neuschöpfung, indem wir den Menschen in uns besser, immer'besser, den Juden in uns immer religiöser, den Weltbürger in uns immer begeisterter und hingebungsvoller gestalten für alle großen Angelegenheiten unserer religiösen Gemeinschaft, unseres Vaterlandes und der ganzen Menschheit! WNWWW^^^^M. * Berlin, 22. SepteryberA jlfjie lange ist es her, daß allgemein'-bon.einem kaiser-5 lichen Erlaß gesprochen wurde, wonach, künftig'^ die konfessionelle'Zugehörigkeit-hei der .Auswahl', der Reserveoffiziere keine-Rolle mehr spielen soll? ' Selbst - konservative und antisemitische Blätter haben damals die Existenz dieses Erlaßes behauptet. Und heute wird derK „Frankfurter Zeitung" aus der - Pfalz folgender Vorfall ge-' meldet: ' „Ein Rechtsanwalt israelitischer Konfession in Landau, der Sohn einer angesehenen dortigen Familie, war -zu den diesjährigen Uebungen als Vizefeldwebel beim- 18. Infanterieregiment eingezogen ' und machte die Kaisermanöver mit. Am vergangenen Dienstag, dem Tage vor seiner Entlassung, ließ ihn der Oberst durch den Regimentsadjutanten zu sich rufen und eröffnete ihm, daß, obwohl er stets ein guter Soldat gewesen und gegen seine militärische Conduite nichts elnzuwenden sei, : er ihn - als - Reserveo ffizier doch nicht Vorschlägen könne, weil er nicht den genügenden Beweis dafür erlangt habe, daß er das gesellschaftliche Taktgefühl für einen Reserveoffizier; habe. Zur Illustration sei - be- ' merkt: Siebzehn Vizefeldwebel machten . die Uebung als Offiziers-. ( aspiranten mit; einer davon, der Pfarrer, wird, trat zurück, fünfzehn wurden vom Regiment als qualifiziert befunden, einzig und allein/ — der junge Anwalt nicht. Liegt nach der gegebenen Motivierung nicht die berechtigte Vermutung nahe, daß, seine Eigenschaft als Jude die Ablehnung herbeigeführt hat?" ' Und wie wäre eine solche Ausschließung in Einklang zu bringen mit dem. obenerwähnten Erlaß des Kaisers? Und wenn schon dieser Erlaß etwa in Bayern unbeachtet bleibt, mit welchem Recht, so fragen nicht wir, sondern das Blatt, das die Nachricht zuerst gebracht, ',erlaubt sich ein Oberst, den Ausschluß eines tüchtigen Soldaten und in seiner bürgerlichen Stellung angesehenen Mannes mit Gründen zu versehen, die der unverdienten Zurücksetzung obendrein auch noch schwere persönliche Kränkungen hinzufügen? Andere Menschen brauchen bestenfalls nur keinen Mangel an gesellschaftlichem Taktgefühl gezeigt zu haben, der Jude wird disqualifiziert, weil er nicht den „genügenden Beweis" erbracht; hat, daß er das Taktgefühl hat. Wo das „gesellschaftliche Taktgefühl" in der hier gegebenen Begründung einer Ablehnung liegt, die sich sachlich nicht hat rechtfertigen lassen, entzieht sich unserer Beurteilung. Und daß es so ist, das ist ganz selbstverständlich, denn es gibt zweierlei gesellschaftliches Taktgefühl, ein bürgerliches, das wir kennen, und ein militärisches, das wir nicht kennen." : Die Freisprechung des nationalistischen Reporters Gregori, der .Alfred Dreyfus ermorden wollte, wirft kein günstiges Licht auf die französischen Zustände. Gregori ist von jeher ein wütender Antisemit gewesen, der in der Zeit des Dreyfus- Rummels gegen das „Syndikat der jüdisch-protestantischfreimaurerischen Presse" heftig gekämpft hat. Im übrigen war er ein verbitterter, neidzerfressener Streber. Der Ausgang 'der Dreysus-Assäre scheint ihm den Rest des Verstandes genommen zu haben. Das erklärt vielleicht seine Freisprechung. Die vollkommene Aufrollung des Drehsusprozesses, die „Revision der Revision", wie Gregori es nannte, verhinderte der Gerichtsvorsitzende. Er verwehrte Gregori und seinen Entlastungszeugen aber nicht, das Urteil des höchsten Gerichts als eine Fälschung zu bezeichnen, Dreyfus einen überführten Verräter zu nennen, die unsinnige Geschichte von der im' Schlafzimmer des Kaisers in Potsdam von einem französischen Besucher Müller-Mertian aus Lille, gefundenen Nummer der.

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