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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1908-09-25 · Heft 39 (25.9.1908) · page 3

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
72 (1908)
Issue
Heft 39 (25.9.1908)
Date
1908-09-25
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Berlin, 25. September 1908. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. 7?. Jahrgang. Nr. 39. Begründet von Rabbiner 9*. Ludwig Philipps«»». Verlags-Expedition: Berlin, Jerusalemer Str. 46/491 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums^, Berlin SW., Jerusalemer Straße zu richten. Verlag von Rudolf rnofse, Berlin. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonttemen ts-preis: durch Buchha»»del oder Post (in Berlin u. Vororten durch unsere, vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich 3 ITT. Redakteur: Gustav Rarpeles. Lum Keujshrskrltk. Berlin, 24. September, ^^^er Gedanke an die Vergänglichkeit alles Irdischen, die Einsicht, welch ein verfliegender Traum dieses Leben fei, das Bewußtsein unserer großen Unwissenheit in allem, was über dieses ganze Dasein hinausgeht, die Unlösbarkeit der schweren Rätsel, die Gott, Welt und Menschen uns vorlegen, das drückt oft unseren Geist, erfüllt ihn nicht selten mit großem Schmerz. Aber niemals fällt uns dieser Gedanke schwerer aufs Herz, als mit Beginn der herbstlichen Festzeit. Wieder ist die Welt, wieder sind wir um ein Jahr älter geworden. Dahin ist das Jahr, wie seine vorhergehenden Brüder alle, und auch wir werden dahiygehen, wie unsere vorangegangenen Ahnen. Wohin wir gehen? Wir wißen es nicht! Woher wir kommen? Keine Antwort! Alles stumm, und rings um uns her geht eine Welt von Rätseln ihren ewig gemessenen Gang. Die Sterne leuchten, die Blumen blühen, die Vögel singen, der Wald rauscht — aus unsere Fragen Haben sie keine Antwort. Dieses schmerzliche Gefühl der Hinfälligkeit, dieser niederbeugende Gedanke der Unzulänglichkeit unseres Geistes wird nur selten durch einen kurzen Aufschwung unterbrochen. Dann halten wir uns für die wirklichen Herren der Schöpfung, dann glauben wir, die wir uns das Land und das Wasser erobern, nunmehr auch die Luft erobern zu können. Aber ein starker Wind genügt, um uns aus unseren Träumen zu reißen. Ja, im Zeitalter der Luftballons und^ Flugmaschinen lernen wir erst recht die Ohnmacht unseres Geistes erkennen! Da kommt die Religion und zeigt uns über dem Tohuwabohu unserer gärenden Zeit das Walten des schaffenden Gottesgeistes, der den menschlichen Verstand zu immer höheren Sphären führt Der Gedanke an die Vergänglichkeit ist eine schmerKche Erinnerung, der Gedanke an die Zukunst eine freudige Hoffnung, wenn unser Geist sich über die Wirren der Gegenwart erhebt. Beiden Gedanken ist der Jom \ba-Sikaroii gewidmet. Wir haben da einmal Gelegenheit, aus dem Getriebe der Zeit herauszutteten und einen Blick m uns selbst, in die dunkle Kammer unseres Herzens zu richten. Aber freilich, dieser Blick ist wenig tröstlich.' Welche Verwirrung der Begriffe, welche Vermischung entgegengesetzter Weltanschauungen! Freie Gedanken und knechtische Gefühle, verrottete Vorstellungen und maßlose Einbildungen, ein klein Stücktein Weltweisheit und größd Stücke Welttorheit. Unglaube und Aberglaube, Vernunft, Dünkel und kraffes Vorurteil, Altes und Neues, Heimisches und Fremdes, Heidnisches und Jüdisches, das alles liegt durcheinander in unserem Geiste. —- In der Tat ein merkwürdiges Tohuwabohu'! Und dabei die ewige Unrast'der Bfi!' /„ •! Menschen, die fortdauernde Gärung in allen Berufskreisen, das Jagen nach sinnlichen Freuden, die nicht befriedigen, das Haschen nach Silber und Gold, das den Abgrund nicht ausfüllt, das Reden von großen Taten und das kleinliche Handeln, das Prunken mit der Humanität in unserer Zeit des rohesten Egoismus, wahrlich ein widerlicher Blick in des Menschen Herz, wie es sich zeigt in den Wirrnissen dieser Zeit. Und nicht erfreulicher ist der Blick auf unsere religiöse Zustände. Welch ein wüster und wirrer Zustand! Da ist ein Teil, der wünscht Fortschritt und gar keine Religion, da ist ein anderer Teil, der wünscht Religion und gar keinen Fortschritt, da ist ein dritter Teil, der wünscht Religion und Fortschritt. Aber sobald wir fragen: wie weit der Fortschritt, wie weit die Religion? Da zersetzt sich der dritte Teil in Atome und löst sich in Urftoffe auf. Ein jeder hat seine eigene Religion, jeder hat ein anderes Maß des Fortschrittes für sich, ein anderes für den Rabbiner, ein anderes für die Gemeinde. Es ist nur ein schwacher Trost, daß wir dasselbe Chaos und die gleiche Verwirrung, all die kämpfenden Gegensätze und schreienden Widersprüche auch in der größeren menschlichen Gesellschaft wiederfinden. Denn verstehen sich die Menschen vielleicht auf dem Gebiete der bürgerlichen Weltordnung einander besser als auf dem Gebiete der religiösen? Wißen sie da besser, was sie wollen, 'wo hinaus sie steuern? Dieselbe Ratlosigkeit, derselbe Parteienhaß, dieselbe Verblendung. Alle Jahre werden neue Versuche gemacht an dem kranken Menschengeschlecht, und dieses fühlt sich immer kränker. Aus der einen Seite werden die Grundfestender Gesellschaft erschüttert; Ehe- Familie, Eigentum, Sittlichkeit, Freiheit gehören zu den veralteten Dingen und „alles soll neu werden!" So lautet der Schlachtruf der Zeit. Und auf der anderen Seite heißt es wieder im Zorn darüber, daß die Säulen der alten Weltanschauung wanken: ,-alles ins alte zurück". Die modernen Menschen gleichen einem Schiff, welches das diesseitige Ufer, an das - es fest gebettet lag, verlassen hat und nun aus hoher See unsicher steuert, hin und zurück, und nicht weiß, wohin es gelangt, ob zu einer Insel sonnenheller Glückseligkeit oder zu einem Eiland mitternächtiger Wildnis.; Nur eins kann uns aus dieser Jrrnis und Wirrnis erlösen. Das ist der Ausblick zu jenen höheren Regionen des Gottesgeistes, der über dem Tohuwabohu der Menschheit in einsamer, ewiger Reinheit erstrahlt. Mit diesem Aufblick schwindet der Schmerz der Erinnerung, wächst die Freude der Hoffnung. Wenn wir uns recht klein Vorkommen und unbedeutend, so sehen wir uns am Tage der Erinnerung in diesem Gedanken doch aber reicher an klarer Erkenntnis und

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