Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 38 (18.9.1908)
- Date
- 1908-09-18
- Page
- Seite 456 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3228798-3228837--64899-3276984- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
' Er bat sie höflich, Platz zu nehmen und bemerkte, däß sie von ihrem alten Reiz und ihrer großen Schönheit auch nichts eingebüßt hatte. Sie war anmutig und verführerisch w früher, nur daß über ihre großen blauen Augen ein Schleieri . der Trauer gebreitet war. Jemehr er sie. betrachtetedesto-e mehr wurden die Bilder seiner Studienzeit mit all ihrem Kummer undihren Enttäuschungen in-seiner Seele wach. Freilich, die Heiterkeit Margits, als sie am Klavier Operettenarien spielte und durch die Anmut ihres Tanzes alle Welt entzückte und auch ihm das Blut feuriger in den Adern rollen ließ, war dahin. „Sie kennen unser Unglück", sagte sie nach einigen Minuten. „Unsere Angelegenheit befindet sich ja in Ihren Händen. Ich bin zu Ihnen gekommen, Umwegen meiner Mitgift und meiner Aussteuer bei Ihnen zu intervenieren, weil mir dieselben aus der Masse zukommen. Vielleicht können Sie, eingedenk unserer früheren freundschaftlichen Beziehungen, mir.helfen." Der Anwalt fühlte, daß er ihr jetzt hätte sagen müssen: O, meine gnädige Frau, seit neun Jahren erwarte ich den Tag, an dem ich Ihnen meine Liebe gestehen könnte... Ich hätte Ihnen das vor neun Jahren schon sagen können, aber damals besaß ich keinen anständigen Rock, und Sie hatten eine Mitgift von 100 000 Gulden, außer der glänzenden Aussteuer. Damals hatte ich es . aus tiefster Seele gewünscht, daß Sie blutarm gewesen wären. Ihre Jourfixe habe ich nicht besucht, obschon Sie mir versicherten, daß Ihr lieber Mann mir auch gewogen sei,.und habe ich mich nicht-zttmRitter an Ihren goldblonden Höf verdingt — nein, das hätte ich nicht ertragen können! Aber jetzt, wo Sie verlassen und vom Unglück so heimgesucht sind, jetzt kann ich vor Ihnen aufs Knie sinken und sagen, - was mein Herz vor Ihnen befiehlt: ich liebe Sie heiß und innig... Aber Rechtsanwalt Dr. Samuel Gärtner sagte das nicht. Wohl lebten in ihm die Erinnerungen des einst „Täg" essenden Studenten wieder mächtig auf. Aber zu stark war doch einerseits der sittliche Geist, den die Erziehung im jüdischen Schulhause der winzigen Gemeinde unauslöschlich ihm eingepAiZt hatte, anderseits das eiserne Pflichtgefühl, das er von dem verstorbenen Vater geerbt. Und mit zitternder Hand langte er nach Papier und Bleistift und sagte zu der vor ihm sitzenden Dame: „Bitte, gnädige Frau, diktieren Sie mir Ihre Ansprüche." Literarische Mitteilungen. — Beruria. Gebet- und Andachtsbuch für jüdische Frauen und Mädchen. VonDr.M. Grünw ald. Verlag von Josef Schlesinger in Wien, I., Seitenstettengasse 5. Universitätsprofessor Dr. Martin Philippson in Berlin schreibt über dieses Gebetbuch an den Verfasser: „Tiefempfundene Poesie, glühende Begeisterung für unsere Lehre und unsere unvergleichliche Gebet-Ueberlieserung» von echt religiösem Geiste getragene Philosophie vereinigten sich hierzu einer Um-und Neuschöpfung, die geradezu bewundernswert ist. Es ist mir ein Herzensbedürfnis, Ihnen dies zugleich mit meinem aufrichtigen Dank auszusprechen. Auch die so notwendige stille und doch einschneidende Polemik gegen die übermütig herrschende Tochterreligion fehlt nicht. Möchte doch das vortreffliche Erbauungsbuch seine segensreiche Wirkung auf viele Tausende unserer Schwestern ausüben, die Gläubigen unter ihnen stärken und erheben, die .Schwankenden befestigen, die Abgewandten wiedergewinnen! Gerade der weibliche Teil unserer Gemeinschaft hat solche Gabe bitter nötig!" Frau Rabbiner Dr. Bertha Kahserling-Philippson schreibt: „Mir ward durch Ihre „Beruria" ein Sabbat wahrhafter religiöser Erhebung und. echt Poetischen Genusses. Möchte .das Buch./ unter'den Frauen Israels große Verbreitung finden und somit Trost und Er-, bauung spenden und Liebe zum Judentum befestigen!" Die literarischbibliographische Revue „Jerusalem" II. Jahrgang, Heft 1 urteilt darüber: Hnbl? N21DN Hn ‘THdPJ TlHTn^mT . •Dito 2D2 nanttS dttdö- . * * — Einen sehr interessanten und lesenswerten Aussatz über unsern unvergeßlichen M o r i tz L a z a ru s bringen die „Mitteilungen des Vereins für die Geschichte Berlins" in ihrem letzten Heft (9), aus der Feder des unermüdlichen und für seine Aufgabe in hohem Grade begabten Biographen Professor Dr: A. Leicht in Meißen. Der Aussatz schildert hauptsächlich Lazarüs Leben in Berlin und seine Beziehungen zu der Reichshaupt- ' stadt, in der er den größten Teil seines arbeitsreichen Lebens zubrachte. Aber er ist mehr als das: er ist ein förmlicher Leitfaden durch das Leben des Philosophen und von besonderem Interesse durch die neuen Mitteilungen über die Berliner Universitätsverhältnisse jener Zeit, in der trotz aller Anerkennung, trotz seiner großen Beziehungen, zweiöder dreimal die Lehrkanzel der Philosophie an der Berliner Universität nach dem Tode Trendelenburgs, Lotzes und Hothos nicht, wie allgemein erwartet wurde, Lazarus, sondern anderen Universitätslehrern übertragen wurde, bloß weil man sich nicht, entschließen konnte, einen Juden zum Ordinarius zu ernennen. Leider haben sich diese Verhältnisse seither nicht nur nicht gebessert, sondern eher noch verschlechtert. Der Aufsatz bringt auch die Wiedergabe des herrlichen Lazarus-Bildes von Fr. Len bach. & Das Buch von Wilhelm Münz „Einsames Land. Erzählungen und Stimmungsbilder" (I. Kauffmann, Frankfurt a. M.), das wir auch in unserem Blatte gewürdigt haben, wird von dem bekannten New 2)orker Dichter Morris Rosenfeld ins Jiddisch übertragen und so weiten Kreisen der anderen Hemisphäre zugänglich gemacht. Sprechest. Verehrter Herr Redaktenr! 3ch habe soeben festgestellt, daß entgegen den Angaben in zwei mir vorliegenden Nekrologen, als Geburtstag Moritz Veits auf dem Grabstein der 13. September angegeben ist. Dieser Tag wird daher wohl der richtige sein. . ' Ergebenst 4r ringend gewarnt wird vor einen ganz raffinierten Schwindler namens Paul Jakobs oder David Daniel, der verschiedene Orte, unter anderem Düsseldorf, beziehungsweise Höchst am Main als Geburts- und Wohnort angibt. Alter etwa 37 Jahre, sicheres und gewandtes Auftreten. Besucht vornehmlich Private, seltener Kassen, weil er in der schwarzen Liste als steckbrieflich verfolgter Kellner oder Metzger aus Haddenbrock figuriert. Versteht mit beweglichen Worten seine Notlage zu schildern — alles erdichtet und erlogen. Als Ausweispapiere dienen ein gefälschtes, ärztliches Attest (Neuwied) sowie ein Gabenverzeichnis, beides behufs Kurgebrauch seiner Frau in Nauheim. Worms. L. Oppenheimer. Sehr geehrte Redaktion! ^n meine beiden. Düsseldorfer Kunstberichte haben sich einige störende Druckfehler.eingeschlichen: In Artikel I Seite 370 lies, statt. Handleuchter Standleuchter; in Artikel II Seite 404 statt günstigen.geistigen Inhalt; Seite 405 statt zieren zeigen. Dr. Sam uel- Essen, den 23. August 1908. . Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. verantwortlich für die Redaktion: Max Bauch witz in Berlin. ML üi —==