Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 38 (18.9.1908)
- Date
- 1908-09-18
- Page
- Seite 455 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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/ttt den Blättern bekannt. Als Alster seinen alten Kameraden Merblickte, begrüßte und umarmte'er ihn, indem er sägte: . ' „Ei, sieh da. Du bist es ja; „wir sind, so scheint es, sehr x alt'geworden, man sieht Dir's nur zu genau an!" / Sie begaben sich in. den Kiosk, wo Alster aus die Gesundheit seines früheren intimen Freundes ^trank und der Lehrer - - immerfort von seinem Sohn, dem Studenten, erzählte. „Ich. gratuliere Dir, daß Dü einen so sieißigen Sohn hast. Bitte veranlaffe ihn, daß er mich eines Tages nach Tisch besucht." Samuel beeilte sich, dieser Einladung des reichen Bankiers, der auf der vornehmsten Straße der Hauptstadt eine glänzende und mit allem Luxus eingerichtete Wohnung innehatte, zu folgen. Der arme Student kam aus dem Erstaunen nicht heraus, als er alle diese Pracht, von der er bisher keine Ahnung hatte, erblickte. _ „Guten Tag, mein lieber Samuel", mit diesen Worten begrüßte ihn Herr Alster, „setzen Sie sich doch auf diesen Divan und erzählen Sie mir . etwas". Dann klingelte er, und die Kammerzofe brachte für seinen Gast den Kaffee. . Unser, schüchterner Studiosus wagte kaum zu sprechen, . desto beredter war jedoch der Hausherr, der von alten Zeiten plauderte und den Himmel pries, daß er aus dem grauen Elend herausgekommen und soviel Glück gehabt habe, während ' der alte Lehrer, wie es scheine, noch immer am Hungertuch nage. . Doch seien beide damals vielleicht zufriedener gewesen wie jetzt, wo neue gewaltige Sorgen über sie hereinstürmten. . Samuel wollte sich verabschieden, doch Alster bat ihn, noch einen Augenblick zu verweilen. Er klingelte und ließ seine Tochter zu sich herein bitten. - Schon nach einigen Minuten erschien ein etwa fünfzehnjähriges bildschönes Mädchen, die beim Anblick des Fremden verwundert stehen blieb. Sie war blondhaarig und hatte blaue Augen, und ihr rosiges Antlitz, sowie die ganze Anmut die über ihre Gestalt ausgegossen war, verfehlten ihre Wirkung auf das Herz des jungen Mannes nicht.' Herr Alster stellte den Studiosus seiner Tochter vor und sagte dann: „Sehen Sie, junger Freund, das ist mein kleines Mädchen, die zwar sehr artig ist, über von der Naturgeschichte absolut nichts weiß. Was nützt aber aller Verstand, wenn einem die naturgeschichtlichen Vorkenntnisse fehlen? Sie, mein lieber Sohn, habe ich nun dazu auserwählt, daß Sie ihr die Kenntnisse von dieser Wissenschaft beibringen. Ich bitte Sie, vom nächsten Montag ab zweimal wöchentlich zu uns zu kommen und in Gegenwart der englischen Erzieherin meine Margit in den Realwissenschaften zu unterrichten. Nun, liebe Tochter, reiche Deinem zukünftigen Lehrer die Hand." Die finanziellen Verhältnisse Samuels besserten sich jetzt von Tag zu Tag, aber alles in allem genommen fühlte er sich doch nicht glücklicher. Je öfter er im Hause Alfters verkehrte und all den Luxus und die vornehme Lebensart, die dort gewahrt wurde, kennen lernte, desto unerträglicher erschien ihm die armselige Umgebung, in der er im Hause seiner Tante lebte. Hierzu kam noch der Umstand, daß er zum erstenmal von jener großen Passion ergriffen wurde, die. man Liebe nennt. Mit den Studien wollte es gar nicht vorwärts gehen, denn immer und immer beschäftigte ihn nur das Bild des reizendem jungen Mädchens, Wenn die Lektionen mit Margit zu Ende gingen und sie ihn mit ihren großen hellblauen Augen anblickte, war er überselig, aber zugleich auch unglücklich, daß eine, solche soziale Kluft zwischen ihnen waltete. Ab und zu erhielt er Einladungen zum Frühstück oder zum Souper bei dem Bankier, wo dann eine größere Gesellschaft anwesend war. In jenen Augenblicken schlug sein Herz höher, denn er glaubte zu bemerken, daß auch Fräulein Margit ein gewiffes Interesse für ihn empfinde. Eines Tages jedoch nahm die Idylle ihr Ende. Ein junger Bankier aus Wien freite um die Hand Margits bei ihrem Vater, und Herr Alster zögerte keinen Augenblick, sie ihm zu geben und dazu eine Mitgift von 100 0001 Gulden, nebst einer . glänzenden Aussteuer. Dieser Wiener Bankier wurde zugleich Associö des alten, so daß die Firma von jetzt ab signierte: Emil Alster & Co. Als die junge Frau sich'von ihrem bisherigen Lehrer verabschiedete, um mit ihrem Gatten die Hochzeitsreise nach Italien zu unternehmen, reichte sie ihm die Hand, indem sie ein wenig befangen sagte: „Ich danke Ihnen aus vollem Herzen für Ihre Güte und Liebenswürdigkeit, die Sie mir gegenüber betätigt haben. . . . Nach meiner Rückkehr hoffe ich. Sie bei uns öfter zu sehen, denn auch mein Gatte interessiert sich sehr für Sie." ... Alles ist dem Wechsel unterworfen, und das Glück ist veränderlich, besonders im kaufmännischen Leben.. Und so kam es denn, daß auch die millionenreiche Firma Enkit Alster L Co. eines Tages zugrunde ging und den Konkurs anmelden mußte. Die Passiva betrugen zwei Millionen, denen etwa 800 000 Gulden Aktiva gegenüberstanden. Der Sturz des weltberühmten Bankhauses zog eine ganze Reihe anderer kleinerer Bankgeschäfte in der Provinz mit in den Abgrund. Der alte Alster war seitens der um ihr Hab und Gut gekommenen kleinen Leute derartigen Insulten ausgesetzt, daß er Wochen hindurch es kaum wagte, seine Wohnuug zu verlassen, und sein Schwiegersohn und Associe Leon Bay, der wie allgemein behauptet wurde, die Hauptschuld daran trug, daß die allgemein beliebte Firma zugrunde gehen mußte, verschwand spurlos, indem er nach Amerika flüchtete Sein Gewissen war nicht rein und er fürchtete die Arme des Staatsanwalts. Um jene Zeit aß Samuel keine „Täg^ mehr. Er war inzwischen Rechtsanwalt geworden und hatte eine jährliche Einnahme von 18 000 Gulden. Von Siebenbürgen aus, wo er als Advokat gleichfalls bekannt war, wurde ihm sogar ein Reichstagsmandat angeboten. Er war eine begehrenswerte Partie. Der pietätvolle Sohn ließ den alten Vater zu sich nach Budapest kommen und ihm eine behagliche Wohnung einrichten. In der ganzen Leopoldstadt zog man vor dem Rechtsanwalt Dr. Samuel Gärtner tief den Hut, deNn er war ein gar großer Herr, von Macht, Einfluß und Reichtum. Als er zum Massekurator der bankerotten Bankfirma Emil Alster & Co. ernannt wurde,, tauchten in seinem Gedächtnis plötzlich das Palais des Bankiers Alster sowie die reizende, blauäugige und blonde Tochter desselben auf. Als er die verschiedenen .Schriftstücke des fallierten Hauses durchstudierte, murmelte er: „Das waren doch schöne Zeiten als ich „Täg" aß und fünfzehnjährigen Mädchen naturgeschichtlichen Unterricht erteilen durfte!" ...; Neun Jahre ist eine lange Zeit, und so war es nicht zu verwundern, daß, als eines Tages in der Sprechstunde des Rechtsanwalts eine hübsche blonde Frau mit gerötetem Antlitz sich bei. ihm meldete, er. dieselbe nicht erkannte. „Womit kann ich Ihnen dienen, gnädige Frau?" fragte er sie.; „Erkennen Sie mich nicht?" antwortete die Klientin. Nun dämmerte es in der Erinnerung des Anwalts. Erregt sprang er von seinem Sitz auf. „Verzeihen Sie, gnädige Frau," stammelte er, „in der Tat habe ich Sie nur schwer erkannt."