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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1908-09-18 · Heft 38 (18.9.1908) · p. Seite 453

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
72 (1908)
Issue
Heft 38 (18.9.1908)
Date
1908-09-18
Page
Seite 453 (sequence 11)
Language
German
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reineren.Gottesverehrung im Widerspruch mit der herrschenden Anschauung an und leitendamit die neue Aera des nachexilischen Judentums/wie wir sehen werden, ein. Im mosaischen System ist das in allen Heiligtümern herrschende Priesterritual das allein zu Recht bestehende,, und bilden Gebet und Sündenbekenntnis bloß eine gelegentliche Einzel-Zütat, der nur im Vorhof .des Heiligtums ein Platz angewiesen ist. . Ja, selbst vom erhebenden Gesang und den Musikchören der Leviten ist im Pentateuch neben dem primitiven Schofarhorn und der Posaune keine Rede. Aller Wahrscheinlichkeit nach lag dieser rigorosen Einfachheit eine Absicht zugrunde. Erfahren wir ja aus den Propheten so gut wie aus der klassischen Literatur, welche Rolle gerade die Musik in den kanaanitischen Orgien spielte, welche wilde Leidenschaften sie im heidnischen Volke erregte. Dazu eben sollte der schlichte mosaische Opserkultus einen schroffen Gegensatz bilden. Darum erscheint das vorgeschriebene Ritual für die Festtage so kahl. Nur das Frühlingsfest aus der nomadischen Zeit, das zu einer Erinnerungsfeier der Erlösung aus Aegypten u'mgewandelte . Paffahfest Hat ein reicheres Ritual. Im übrigen haben die drei Ackerbau-Feste nichts Volkstümliches; es sind an den Tempel geknüpfte Opferfeste, bei denen es sich nur um die Zahl der verschiedenen Tieropfer und Oelspenden handelt. Der Gesetzgeber hat eben sein Augenmerk nur auf die Regelung des priesterlichen Kults gerichtet. Bei der volkstümlichen Feier der Erntefeste treten sozial-ethische Rücksichten in den Vordergrund. Zum frohen Genuß der neuen Gaben des Feldes und desWeinbergs werden die Hab- und Heimatslosen, die Witwen und Waisen als Teilnehmer eingeladen und die Ecken der Felder wie die Nachlese ihnen als Eigentum zugewiesen. An der Hand vergleichender Religionsforschung jedoch läßt sich auch hier dem Entwicklungsgang der schönen Sitte Nachspüren. Heidnischer Brauch weihte das Letzte der Ernte dem Früchtbarkeitsdämon, also dem Baal oder Adonis bei den Semiten, und wurde ein solches Gartenbündel unter bald furchtbar ernsten bald lasciven Darstellungen der Gottheit feierlich verbrannt. Das mosaische Gesetz macht die Hilf- und Schutzlosen zu Repräsentanten der Gottheit und schafft also einen neuen Grundsatz der sozialen Solidarität der gemeinsamen Interessen der Bevölkerung. Auch beim Hüttenfest mit seinem Pflanzenbund weisen viele Spuren darauf, daß die volkstümlichen Festlichkeiten des Wasserschöpfens und Wassergusses, die während des zweiten Tempels einen eigenartigen, die Geister erregenden Charakter trugen, in einer uralten semitischen Regen fei er wurzeln, bei der die Bachweide die Hauptrolle spielte. An solchem volkstümlichen Pomp aber hatte die priesterliche Gesetzgebung eben kein Interesse; das Volk jedoch bestand aus seinem durch Ueberlieferung geheiligten Recht, und die Volksheiligen, die Chasidäer, durchhauchten die Sitte mit neuem Geist. Beim biblischen Sühnfeste zeigt sich eine eigentümliche Verknüpfung eines primitiven altsemitischen und eines rein monotheistischen Ritus. Der dem Azazel, dem bocksgestaltigen Wüstendämon, in die tiefe Felsenschlucht der Oede nachgesandte Sündenbock hatte sicherlich ursprünglich keine andere Bedeutung als der beim Aussatz in die Wüste hinausgesandte Vogel (Leviticus 14, 53); er sollte die Krankheit, das physische Nebel, in die Wüste hinaustragen zum Beginn des mit dem Sühnsest beginnenden neuen (Sonnen-) Jahres (vergl. Leviticus 25, 9—10 und Ezekiel 40, 1). Aehnliches findet sich im babylonischen, ja, altasrikanischen Sühnritual. Siehe Alfred Jeremias, .„Das alte Testament im Lichte des alten Orients", S. 270, R. Smith, „Religion of the Semites*, 402 Note, Orelli, Religionsgeschichte", S. 760 und Artikel Azazel in „Jewisli Encyclopedia“. Während nun auch hier das Volk in Brauch und Sage zähe' an den' Azazel-Ritus sich anklammerte, wie aus der Mischnah Joma 6, 3—7, vergl. Enoch 10, 4 und Taanith 4, 5, noch zu ersehen, verlieh das priesterliche. Gesetz dem Sühnritus einen vorzüglich auf das Heiligtum sich beziehen-., den hierarchischen Charakter, den erst nach langem Kampf mit dem Sadducaismus die Pharisäer umzugestalten vermochten. Erst diese erhoben den Festtag zu einem erhebenden Tag innerer Reinigung und göttlicher Sühne. Der einzige Tag, der als eine echt jüdische Institution ohnegleichen im Heidentum dasteht, ist der Sabbat. Er wird ausdrücklich als ein Zeichen des Bundes zwischen Gott und Israel dargestetlt (Exodus 31, 16—17). Mag sein, daß er aus einem bloßen Trabanten des Neumondsfestes zu einer selbständigen Feier sich im israelitischen Volksleben entwickelt hat; mag sein, daß der Tag mit dem Namen Sabbat in Babylonien seinen Ursprung hat; der mosaische Sabbat ist im Gegensatz zum babylonischen, der als ein Tag ernsten Stillstandes, der Unterlassung aller Tätigkeit für den Priester-König der Nation angesehen wurde, zum Tag der Ruhe und Erholung für das gesamte Volk, mit Einschluß des Sklaven, des Fremden und des Viehs geworden. Er soll Zeugnis ablegen, daß das Weltall das Werk des Einzig-Einen, und daß der in Gottes Ebenbild geschaffene Mensch zur Freiheit geboren sei. ■ -b. . Eine wirkliche Zeremonie für den Sabbat jedoch hat das Gesetz wiederum nur für den Priester vorgeschrieben, der außer dem Zugabsopfer für den Tag das neugebackene Schaubrot an Stelle des alten, jeden Sabbat auf den goldenen Tisch hinzulegen hatte (Leviticus 24, 8—9). Natürlich nimmt das Passah fest als Erinnerungsfeier des Auszugs aus Aegypten einen hervorragenden Platz unter den Jahresfesten ein. Viele der alten Frühlingsfestbräuche find zu Trägern sittlich-religiöser Lehren bereits von der Schrift erhoben, die dem jüdischen Haus ihre besondere Weihe für alle Zeit verliehen. Das primitive ungesäuerte Brot, über das Tylor in feiner „Anthropologie" Seite 267 Licht verbreitet, ein wahres „Brot der Armut", wurde wie die übrigen Festbräuche zum geschichtlichen Symbol von der Wundersage verherrlicht. Aber das Pässahopser blieb doch die Hauptsache. Es erübrigt noch die Besprechung der Zeremonien, die als Zeichen für die Person des Einzelnen vorgeschrieben sind. Das wichtigste darunter ist das abrahamitische Bundeszeichen. Um dessen Bedeutung als Erziehungsmittel zu würdigen, muß man den im Gebot an Abraham, Genesis 17, 11 ff., vorgeschriebenen Ritus mit dem bei den Völkern Arabiens, Afrikas und Australiens heimischen Brauch vergleichen und die Spuren der primitiven Urform auch in älterer biblischer Zeit verfolgen. Da weisen die von Zipporah und Josua gebrauchten Steinwaffen (Exodu8 4, 15 tmb Josua 5, 2), wie Tylor „Early History of Mankind“ Seite 217 zeigt, auf die ganz primitive Kultur des Steinalters hin, und die Geschichte der Sichemiten irt Genesis 34 läßt noch den alten Zusammenhang der Beschneidung mit der Verheiratung durchblicken. Die der Zeremonie zugrunde liegende Idee ist die Weihe der Manneskraft zur Zeit der Pubertät und möglichst nahe der Verehe-' lichung, und galt es besonders in jenem primitiven Volksleben, die Mannhaftigkeit des jungen Mannes gerade durch schmerzhafte Operationen auf die, Probe zu stellen. Der jüdische Gesetzgeber oder Volksgenius sucht offenbar, im vollen Gegensatz zu jener alten Sitte, für die Vornahme des Ritus das zarteste Kindesalter aus, wo das Schmerzbewußtsein auf ein Minimum reduziert ist, während Jsrnael, der Vater des Beduninenstammes im dreizehnten Jahre beschnitten wird. So wird, der Akt zur. Würde einer feierlichen Einweihung des

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