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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1908-09-18 · Heft 38 (18.9.1908) · p. Seite 452

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
72 (1908)
Issue
Heft 38 (18.9.1908)
Date
1908-09-18
Page
Seite 452 (sequence 10)
Language
German
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Aeber drn Ärlprung und die Srdeutüng der Leremonirn im Judentum. Von Rektor Dr. K. Köhler in Cincinnati. in. Das mosaische Zeremoniell. as mosaische Zeremonialsystem, so mächtig auch der Eindruck der göttlichen Urheberschaft des Gesetzes und so . erhaben auch die weltgeschichtliche Macht ist, die darin sich offenbarte, spricht trotzalledem eine religiöse Sprache, die nicht mehr die unsere ist. Wir müssen es, um es uns anzueigneu, in unsere eigene Denk- und Gefühlsweise übertragen. Es beruht ganz wesentlich auf dem Opserwesen, gegen welches unser religiöses Bewußtsein sich auflehnt. Es hat seinen Grund in Vorstellungen einer Priester-Heiligkeit und Priester-Reinheit, die wir längst verworfen haben. Es 'beschränkt die Gottesverehrung auf den Priesterstamm und den Tempel, statt Gottes heiligendes Wesen dem Volke, ja jeder von Himmelssehnsucht erfüllten Menschenseele nahe zu bringen. Der ganze Mosaismus mit seinem Zentralpunkt im Tempelkultus ist für uns — und hierin liegt der wesentliche Unterschied zwischen dem Reform- und dem orthodoxen Judentum — eine Vorstufe für das rabbinische Judentum, dessen Mittelpunkt die Synagoge bildet, und das moderne Judentum, dessen religiöse Lebenskraft nach vielen Richtungen hinstrebt, um das ganze vielseitige Leben der' Menschengesellschaft zu umspannen. - ■ - Diejenigen, die uns Mosaiten oder Karaiten zu nennen belieben, haben weder vom Karaismus noch vom Reform- ' Judentum einen klaren Begriff. Wir glauben an die ewig ^wirksämen.Gesetze der historischen Entwicklung und erkennen /gerade in,der —.'jetzt so viel verschrienen — Assimilation ..den. im Judentum, so.mächtig wirkenden Prozeß ewiger Fortentwicklung^ und -Neugestaltung. So istdenn der gesamte Opferkultus des Pentateuchs das Ergebnis eines Assinnlations- -prvzesses. Eingehende Forschungen„ und Vergleichungen des babylonischen, phönizischen und altarabischen. Opferrituals mit denn mosaischen haben die unwiderlegliche Tatsache festgestellt, daß die. vom' Gesetzgeber vorgeschriebene Priesterliche Praxis im alten Israel dieselbe war, wie sie tausendjähriger Brauch, bis auf die Namen, festgesetzt hatte; nur wurden alle jene heidnischen Elemente, die mit Götzendienst, Zauberei und dem 'abscheulichen Astarte-Dienst in Zusammenhang standen, ausgemerzt und hier und ba die Form und der Charakter des /Kultus so verändert, daß ihm eine .höhere und mehr geistige Bedeutung beigelegt werden konnte. Das Grundprinzip,' daß . alle. kultuellen.. Handlungen durch eine Stufenleiter von Reinheit und Heiligkeit auf ein göttliches Urbild der Heiligkeit -Hinweisen l und ihren Gipfelpunkt in der Verehrung eines ^Heiligen Gottes finden sollen, dessen Heiligkeit vom Tempel, seinem irdischen Wohnsitz, ausstrahlen und dem ganzen Volke .imweiten Lande sich mitteileu soll, verlieh dem mosaischen Opferkültus einen eigentümlichen, erhabenen Charakter; das System' selbst als eine religiöse Maschinerie war den Völkern ringsum entlehnt oder als altes Priestergut allen gemeinsam. 'Die dem ganzen Opferwesen in der semitischen oder noch .weiter zurückreichenden Urreligion zugrunde liegende Idee ist, . hast nur das Blut als die Lebenskraft des Menschen wie des „Tieres die Macht besitzt, den Menschen mit Gott zu vereinen, wie es im Urzustand die Menschen untereinander verbrüdert. Nur'mit Hilfe des Bluts, lehrt das mosaische Gesetz, wird das Werk der Sühne vollbracht (nevüieus 17, 11); Blut allein besiegelt jeden Bund und^beschützt das Haus, die Person und die Herde gegen böse Geister. Man lese die persönlichen- Beobachtungen, die S. D. Kurtiß in seinem höchst interessanten. Werke: „Ursemitische Religion im Volksleben des heutigen Orients" zusammengetragen/oder Clay Trumbells „Pke Blood Covenant“ utib?The Threyhold Covenant“,uttb man wird zu manchen dunklen religiösen Bräuchen .des alten Israel den Schlüssel finden. Neues Licht fällt von da auf das 12. und 13. Kapitel des Buches Lxodus, wonach das Blut des Passahlamms auf die Türpfosten und -Schwelle des Hauses gesprengt und das Blut der erstgeborenen Lämmer und Rinder, die zum Frühlingsseste geopfert werden, auf die Stirn und den Arm der Menschen gestrichen werden, um als Schutzzeichen zu dienen. Noch heute nämlich bringt man in Palästina, Syrien und Arabien die Erstgeborenen der Herde als Erlösungsopfer (----- Fedu, dasselbe was hebräisch kidioo) dar, taucht die Hand in das hervorquellende Blut, um mit dem Zeichen einer Hand oder eines kreuzartigen Tav die Türschwelle, die Stirn der Kinder und die Schaf- oder Viehherden zu bestreichen. oder zu bespritzen und. so Uebel von ihnen abzuwenden oder ihnen Himmelssegen zuzuführen. Wo ein neues Zelt zum Wohnsitz ausgeschlagen oder ein junges Ehepaar ein neues Haus begründet, da wird der Opferritus mit der Vlutbesprengung der Türschwelle vollzogen und die bösen Geister, die das Haus bedrohen, damit abgewendet. Sünde und Krankheit werden durch das sühnende Opferblut losgekauft, sei es nun, daß man den Kranken oder das erbetene, und dem Ortsheiligen (einem Ueberbleibsel des Baalimkults) geweihte Kind mit einem Lamm oder einer Ziege oder in ärmeren Verhältnissen mit einem Hahn oder einer Henne auslöst. So lassen sich am heutigen Volksbrauch die alten Sitten und Anschauungen der biblischen oder vorbiblischen Zeit erkennen und nachspüren. Und das gilt nun auch von den an den Feldertrag geknüpften Jahresfesten. Schon Maimonides hat mit divinatorischem Blick im dritten Büch seines Moreh darin die Weisheit göttlicher Erziehuugskuust erkannt, daß das mosaische Gesetz die altheidnischen Bräuche als Mittel benutzt, um das israelitische Volk für höhere religiöse Anschauungen und Sitten allmählich zu gewinnen oder dieselben so umgestaltet, um dem Rückfall in heidnische Laster und Roheit vorzubeugen. Vor allem müssen wir den nicht genug zu betonenden Umstand berücksichtigen, daß das semitische Altertum keine andere Art der Gottesverehrung kannte als das Opfer. Mochten auch die großen Propheten Israels die heidnische Anschauung verdammen, die da vermeinte, durch Blut- und Oelspenden der Gottheit Gunst erkaufen zu können, und statt dessen auf einen gerechten, sittlichen Lebenswandel als einzige Bedingung der göttlichen Huld dringen; ah sch affen konnten und wollten sie den Opferkultus deswegen nicht. Sie stellten in ihren Rügen der äußerlichen Gottesverehrung Gesang und Gebet auf gleiche Stufe.mit dem blutigen Opfer. Selbst der große Seher des Exils (Jesaiah 56, 7) sieht in seiner Vision der Zukunft, da das Haus Gottes zum Gebets hause für alle Völker erhoben sein wird, noch immer die Rauchsäulen vom Altäre, bedeckt mit Ganz- und Schlachtopfern emporsteigen wie ehedem. Ebenso erscheint dem letzten der Propheten (Maleachi 1, 11) der Räucherdust, der zu Ehren der Gottheit vom Aufgang der Sonne bis . zu deren Niedergang himmelwärts steigt, als das Merkmal einer universalen Gottesverehrung. Bloß einzelne chasidäische Psalmendichter — siehe Psalm 40, 7 und 50, 1—22 — stimmen den Ton einer

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