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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1908-09-18 · Heft 38 (18.9.1908) · p. Seite 448

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
72 (1908)
Issue
Heft 38 (18.9.1908)
Date
1908-09-18
Page
Seite 448 (sequence 6)
Language
German
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Briefes in sich bergen, angemessene Schlüsse ziehen, infolgedessen erst ein richtiger Antisemitismus unter der hiesigen polnischen Bevölkerung festeren Fuß fassen wird. Wir glauben, es läge im.Jnteresse der Juden, eine solche Möglichkeit nicht aufkommen zu lassen." In nicht mißzuverstehender Weise werden also die jüdischen Mitbürger mit schwerster, wirtschaftlicher Schädigung bedroht, wenn sie nicht ihre deutsche Gesinnung verleugnen.. Wir sind überzeugt, daß diese Drohung ihren Zweck verfehlen wird. Aber immer wieder muß betont werden, in welch schwieriger Lage sich die Juden in den Ostmarken befinden. Auf der einen Seite werden sie von dem Polentum hart bedrängt, auf der anderen Seite von den Deutschen keineswegs als gleichberechtigte Kämpfer für das Deutschtum angesehen und behandelt. Trotz der Mahnungen eines der Begründer und Leiter des Ostmarkenvereins, des Herrn von Tiedemann, und des Ministers von Rheinbaben, herrscht dort nach wie vor ein schädlicher Kastengeist und starke Voreingenommenheit, gegen die jüdische Bevölkerung, die in der Beamtenschaft und im Agrariertum ihre hauptsächlichste Stütze findet. Um so höhere Anerkennung verdient es, daß die politische Haltung der jüdischen Kaufleute in der Provinz Posen durch derartige Drohungen nicht beeinflußt wird; die Juden werden sich vielmehr genau so, wie sie es stets getan haben, auch in Zukunft als Stützen des Deutschtums in der Ostmark erweisen, wenn auch die Engherzigkeit, die Vorurteile und die Abgeschlossenheit der führenden Klassen ihnen das nicht selten schwer genug machen. Sie werden sich darin von Antisemiten und Agrariern auch nicht beeinflussen lassen. So meint z. B. die „Deutsche Tageszeitung": „Daß die Juden sich als Stützen des Deutschtums erweisen werden, das ist jedenfalls zuviel gesagt. Das Deutschtum bedarf solcher Stützen im eigentlichen Sinne des Wortes nicht; es würde vielmehr bedenklich sein, wenn es auf solche Stützen angewiesen wäre. Wenn die Juden das Bedürfnis empfinden, im Kampfe für das Deutschtum mit tätig zu sein, so mögen sie das tun; als Stützen des Deutschtums dürfen und sollen sie sich aber nicht fühlen." Die Juden der Ostmark lassen sich von dem Agrarierblatte gewiß nicht vorschreiben, als was sie sich fühlen sollen, und was ihre Aufgabe ist; das wissen sie besser als die Argrarier, die ihre Güter an Polen verkaufen. Sie wissen auch sehr wohl, welche Bedeutung sie für das Deutschtum der Provinz haben und danach werden sie in Zukunft handeln; der'Antisemitismus der Bureaukratie und des Agrariertums wird sie, wie gesagt, darin, nicht beirren. * ■v Was Rußland an den auswandernden Juden verliert und was Amerika an ihnen gewinnt, das beweist besser als die umfangreichsten nationalökonomischen Abhandlungen das folgende kleine Geschichtchen, das ein südrussisches Blatt dieser Tage gebracht hat: . „In den achtziger Jahren trieb sich in den Straßen Taganrogs ein kleiner Judenjunge, namens Jakob, herum, der kurz hintereinander Vater und. Mutter verloren hatte und um Brot bettelte. Eines Tages fand sich.ein gutherziger Mensch, ein Hutmacher, mit Namen Mann, der den Knaben zu sich nahm und ihn in seinem Handwerk unterwies. Trotzdem Mann dem Jungen liebevoll zugetan war, entschloß sich der Knabe, als er 16 Jahre alt geworden war, seine Heimat zu verlassen. Er wanderte nach Amerika aus. Lange, lauge Jahre war von Jakob nichts zu hören. Er galt als verschollen. Vor einigen Wochen erhielt der Rabbiner von Taganrog einen Brief folgenden Inhalts: „Ich heiße Jakob, bin 36 Jahre alt, Jude und in Taganrog geboren. In meiner. Jugend lernte ich das Hutmacher-Handwerk bei einem gewissen Mann, der in meiner Heimat Meister war. wärtig bekleide ich den Posten eines Gouverneurs in Boston und Senators der Vereinigten Staaten. Ich habe den Wunsch, mich meinem Erzieher dankbar zu erweisen, und bitte, ihn ausfindig zu machen und mir seine Adresse mitzuteilen. Ich möchte ihm Vorschlägen, zu mir zu ziehen,, damit er ber mir sein Alter in sorgloser Ruhe verleben könne." Der Rabbiner stellte Nachforschungen an. Da fand sich, daß; Mann vor drei Jahren aus Not seinem Leben ein Ende gemacht hatte: er hatte sich erhängt. Seine Frau war ein Jahr später gestorben. Dem Gouverneur von Boston ist die Dankbarkeit vom Schicksal also leicht gemacht worden." In der Türkei herrscht reges Leben auch bei den Juden seit Beginn der neuen Aera. Die in Deutschland verbreitete Mitteilung, daß die gegenwärtigen Rabbiner von Jerusalem, Damaskus und Saida auf Betreiben des Chacham Baschi Nahoum abgesetzt worden seien, ist allerdings unwahr, wie uns das Deutsche Bureau der A. I. U. mitteilt. Die Absetzung war vielmehr von dem Justizminister in Vorschlag gebracht worden, aber der Kaimakam Chacham Baschi Nahoum hat sich dem wiedersetzt und eine genaue Untersuchung verlangt. Man kann sich denken, von welcher Tragweite dieser Entschluß ist. Möchte es nur gelingen, für die Vertreter des starren Herkommens überall auch moderne Männer zu finden, die in besonnener Weise und mit Schonung der Traditionen eine Wandlung in den Gemeinden anbahnen und diese der allgemeinen fortschrittlichen Bewegung zuführen. Um ein Beispiel dafür zu geben, wie wichtig diese Bestrebungen gegenwärtig sind, mögen aus der Rede, die der Scheich-ul-Jslam, wie schön erwähnt, bei dem. Antrittsbesuch des neuen Chacham Baschi gehalten, nach dem Jewish Chronicle noch folgende Sätze angeführt werden: „Sie haben eine große und edle Aufgabe übernommen, und ich zweifle nicht, daß es Ihrer Begabung und Ihrem Takte gelingen wird, sie würdig zu lösen. Ich hege aufrichtige Bewunderung für die Juden in'der Türkei wie in anderen Ländern. Die Juden haben viel leiden müssen, weil ihre Führer nicht immer würdig waren, sie zu regieren. Sie wissen, was vorgekommen ist, und sie kennen auch Ihre Pflicht. Beginnen Sie damit, daß Sie das Unrecht gutmachen, das Ihren Glaubensgenossen geschehen ist. Sie sind ehrliche, arbeitsame Menschen und können dem Vaterlande wertvolle Dienste leisten. Pflegen sie unter ihnen die Nächstenliebe, wie Ihre heilige Schrift sie gebietet. Die Grundsätze unserer Religion stimmen ja mit denen der Ihrigen überein. Ich wünsche, es möge keine Schranke mehr zwischen Muselmann und Jude bestehen bleiben, und daß sie wie Brüder einander lieben und helfen. Sind wir denn nicht Kinder desselben Vaterlandes? Versprechen Sie mir darum, daß Sie für dieses Ziel arbeiten werden. Zähleu Sie dabei auf meine Mitwirkung, und glauben.Sie mir, daß es mir eine Freude sein wird, Sie recht oft begrüßen zu können." * Der Hilfsverein der Deutschen Juden übersendet uns die nachstehende Mitteilung: Wiederholentlich war es vorgekommen, daß bei der Landung in Jaffa die türkischen Beamten.Persönlichkeiten, die sie für Juden hielten, den Patz abnahmen und ihnen zur Legitimation auf dem Lande statt des Passes einen roten Zettel gaben. Die Einrichtung war darauf zurückzuführen, daß die türkische Regierung .eine Masseneinwanderung von Juden in Palästina zunächst zu kontrollieren und alsdann zu verhindern wünschte. Bei dieser Prozedur ereignete es sich nicht selten,, daß auch. Reisende, die gar keine Juden waren, nur weil/hr Aeußeres jüdisch aussah. oder weil ihr Name den türkischen Beamten jüdisch erschien, sich die zeitweise Konfiskation ihres Hasses und die Ausstattung mit dem roten Zettel gefallen,, lassen mußten

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