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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1908-09-18 · Heft 38 (18.9.1908) · p. Seite 447

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
72 (1908)
Issue
Heft 38 (18.9.1908)
Date
1908-09-18
Page
Seite 447 (sequence 5)
Language
German
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-'->Dankmeinem'Vaterim Himmelhabench^Feiertagsstimmüngen erlebt :- Hier im, Gotteshause, aberauch in der Religionsschule, in" herzlichster '7 Bereinigung mit einer auf meine Worte lauschenden,• zum.allergrößten , Teil begeisterten Jugend. WaS aus .dieser i.m Namen Gottes ausgestreuten Saat geworden ist,, und was aus ihr im Laufe der Zeit noch werden wird, darüber zu urteilen kommt mir nicht zu. Und ob ein anderer an meiner Stelle nicht bessere Resultate erzielt hätte ‘— auch das weiß ich'nicht. . *' 7 .7- Aber was' ich weiß, und wasichhl er auszusprechen wage, ist, daß mein Wille gut war. - - Und dieser gute Wille beseelt mich auch heute, und ich kenne keinen heißeren Wunsch als den, die Zeit, die mir zu wirken noch beschieden jft, der Erhaltung und der Ehre der Religion der Väter zu weihen. Allein, der Wille, des einzelnen, wenn er noch so gut und noch so rein ist, kann spurlos sich abnützen, wenn er nicht ein Echo in gleichfuhlenden und gleichdenkenden Menschen findet. .Einsam ist auch der Starke schwach, um wieviel mehr ich, der weitaus entfernt ist, sich zu den.Starken zu zählen. Aber mit Euch kann auch ich stark sein. Darum lasset uns mit vereinter Kraft dem großen Ziele entgegenarbeiten. Wir Juden sind das größte Rätsel der Weltgeschichte. Und dieses Rätsel wird noch und muß noch gelöst werden. Nicht etwa durch feige Fahnenflucht. auch nicht durch Gleichgültigkeit können wir es lösen, sondern durch klare Erkenntnis unserer Aufgabe, und durch energisches, zielbewußtes Arbeiten an dieser Aufgabe. Wir sind aus Aegypten befreit worden, aus dem Lande der Toteü- .kammern, der Pyramiden, der Mumien, um zum Sinai zu wandern, um das Gesetz des lebendigen, heiligen-Gottes zu empfangen. Seit jener Zeit haben wir -den Beruf, die Lehre von einem Gott und einem Vater und von einer in Gott geeinten Menschheit zu verkünden. Seit jener Zeit find wir Anhänger des Geistes und nicht des Buchstaben. Seit jener Zeit, sind wir die.Träger der religiösen Idee an die-Menschheit .... Und wer berufen ist, anderen den Weg zur Lebensquelle zu zeigen, der muß selbst aus dieser schöpfen und sein Lechzen und Dursten nach Gott aus dieser Quelle stillen.. Wohl weiß ich. daß unsere vielbeschäftigte Zeit täglich neue Aufgaben stellt, neue Wissensgebiete eröffnet, neue Kämpfe bringt, neue Zerstreuungen bietet, so daß keine Zeit zur religiösen Vertiefung bleibt ... Da möchte ich Euch aber folgendes zu'erwägen geben: Jeder Staatsbürger legt sich die Frage vor, welcher Partei er nach seinen Ueberzeugungen sich anschließen solle, und er verwendet in eifrigster.Zeitungslektüre einem beträchtlichen Teil seines Lebens auf die Aneignung seines politischen Glaubensbekenntnisses. Ich will das an dieser Stelle weder loben/ noch tadeln — ich will bloß das Faktum konstatieren. Allein, gibt'S denn außer dem Kampf ums Dasein, und außer den politischen und sozialen und. wissenschaftlichen Fragen nicht noch eine viel wichtigere Frage? Ist es nicht Pflicht eines jeden denkenden Menschen, sich die Frage vorzulegen: Wie ist dein persönliches Verhältnis zu Gott gestaltet? Hast du in Wahrheit Religion? Und wenn dem so ist, was ist der Inhalt deiner Religion? Als denkender Mensch kannst du dich wohl nicht begnügen mit einer religiösen Weltanschauung, die man dir in die Wiege gelegt hat. Zum mindesten mußt du das väterliche Erbe prüfen und durch eigene Geistesarbeit in den wahren.Besitz desselben gelangen. Sage nur nicht, daß du einer solchen Prüfung am liebsten aus dem Wege gehst, dein religiöses Gebäude könnte sonst vollends einstnrzen. Wenn du so denkst, dann kennst du deine Religion gar nicht. Sie hat wahrlich das Licht des Tages und das Licht der Wissenschaft nicht zu scheuen. Die Offenbarung Gottes, seines heiligen Willens, die ewigen Moralgesetze, die sittliche Weltordnung, wie sie von Israels Propheten am klarsten vernommen und verkündet wurde, bilden einen so festen, unerschütterlichen Grund, daß keine Macht auf Erden ^hn unterwühlen kann. Wohl soll der menschliche Geist forschen und prüfen, aber er vergesse nimmer, daß seinem Erkennen eine unübersteigbare Grenze gesetzt ist. Denn nur das Sinnfällige liegt ihm als Objekt der Forschung vor, was aber jenseits der Erscheinungen vorhanden ist, das Ding an sich, wie das genannt wird, ist der Wissenschaft unzugänglich. Und die hellsten Köpfe unter den Repräsentanten der Wissenschaft mahnen zur Demut, und Bescheidenheit und rufen den Allwissern iljrvignoramus zu. Es ist nicht, zu leugnen/-.-daß' wir. der exakten Forschung die Helle Einsicht in' die sichtbare -Welt>5 verdanken, aber. zur. Erhebung über dir. Welt und. zur Weltüber-^ Windung gelangen wir nur durch die Religion. — Darum sage ich noch einmal: prüfet, forschet vor allem:. denket^ . Das Denken ist nicht gefährlich. Der . größte Feind der Religion ist und bleibt, der Jndifferentismus. Das ist augenblicklich Israels größte Krankheit. Die Gleichgültigkeit der führenden Geister wirkt verderblich auf die breiten Massen der Nachahmer. Begeisterung weckt Begeisterung und facht religiöses Leben' an. Stillstand, geistige Bedürfnislosigkeit, gedankenloses Festhalten an Ueberlebtem, wirken erschlaffend und lassen keine Stunden der Weihe, keine Festtagsstimmung" aufkommen. Darum lasset uns gemeinsam . den Kampf aufnehmen gegen die Gleichgültigkeit. Je mehr diese schwindet, um so energischer wird das religiöse Gefühl nach Befriedigung suchen. Und das religiöse Bedürfnis wird wieder erwachen. Und einmal erwacht, kommt es nicht zur Ruhe, bis es uns innerlich ergreift und unser Gewissen erschüttert. Dann wird es Licht in uns und um uns. Unser. Leben erhält Sinn und Bedeutung. Wir haben uns wiedergefunden; denn wir haben Gott gefunden. Darum auf Jakobs Haus! Laßt uns im Lichte Gottes wandeln! Lasset uns den Namen Gottes 'heiligen! Lasset uns sestklammern an den Wurzeln unserer Kraft! Lasset uns den Namen Israels ehren, und mit unseren Söhnen und Töchtern lasset uns auch in Zukunft zum Bau des großen Weltendomes schreiten, von dem der Seher in Namen Gottes geweissagt: Mein Haus soll ein Bethaus für. alle Völker sein! Dir Woche. . Berlin, 16. September. Zwischen den Polen und den Juden in den geinischtsprachigen Provinzen ist es zu einer gewissen Verstimmung und zu Auseinandersetzungen gekommen. Die Polen glauben der jüdischen Bevölkerung vorwerfen zu dürfen, daß diese sich am Kampfe gegen das Polentum beteilige, mindestens aber nicht Neutralität wahre. Ja, manche seien sogar „wütende Germanisatoren", meint der „Dziennik Poznanski" und fährt dann fort: „Gedenken wir zum Beispiel der Umtaufung von Jnowrazlaw in Hohensalza. die nur vermittels der Unterstützung der jüdischen Stadträte zustande gekommen ist. Auch in Posen-läßt die Haltung der jüdischen Stadträte, sobald, es um Angelegenheiten der polnischen Bevölkerung zu tun ist, viel zu wünschen übrig. Unter diesen Umstünden wäre ja doch ein folgerichtiger Boykott der. jüdischen Geschäfte seitens der ' polnischen Bevölkerung begreiflich, um so mehr, da ein solcher nur eine Notwehr jener Bevölkerung sein würde, welche seit.einer Reihe von Jahren in den. Ostmarken einer systematischen . Politik des Anshungerns preisgegeben wird. Von einem solchen Boykott kann, wenigstens vorderhand, ,keine Rede sein. Ueberzeugen wir uns doch täglich, daß es in manchen jüdischen Geschäften förmlich wimmelt von polnischen Kunden. Und es wäre eine arge Täuschung, wenn einer meinen sollte, diese Kundschaft rekrutiere sich lediglich aus der Landbevölkerung und überhaupt aus den Völksklassen, in denen einerseits das nationale Bewußtsein noch nicht ge> nügend entwickelt oder bei denen anderseits ein Preisunterschied, wenn auch nur ein minimaler, von Belang wäre. Nein, wir müssen auf Grund bestimmter und glaubwürdiger Bekundungen erklären, zu den Stammkunden der jüdischen Kaufleute zählt eine bedeutende Menge von Vertretern und insbesondere von Vertreterinnen unserer Intelligenz, ebenso der ländlichen wie der . städtischen. Es ist schwer zu verstehen, wie man angesichts solcher bekannten Tatsachen von Boykott und Antisemitismus reden kann. Es ist damit jedoch die' Möglichkeit und Wahrscheinlichkeit nicht ausgeschlossen, unsere Gesellschaft werde mit der Zeit aus derartigem haßerfüllten Vorgehen unserer jüdischen Mitbürger uns gegenüber, wie die Auseinandersetzungen des Verfassers des in der „Posener Zeitung" aufgenommenen

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