Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 38 (18.9.1908)
- Date
- 1908-09-18
- Page
- Seite 446 (sequence 4)
- Language
- German
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'i Auch die spateren Leiden, das zweite Exil, wie es in Pen Schriften heißt, und das für Millionen unserer Brüder noch immer nicht zu “ Ende ist, auch diese mehrtausendjährigen Leiden waren nicht imstande, deü Propheten geist völlig zu ersticken. Ja,. Dank diesem Geiste, hat ■ > es tn Israel nie an Herzens kul tu r gefehlt, ist sein sittliches Niveau stets ein hohes geblieben, und in diesem Punkte hat es sich in seiner Gesatntheit als 6oj Kadäsed, als ein „heiliges Volk" bewährt. Aber diese langen, langen Leiden sind nicht spurlos an Israel vodübergegangen. In dieser schweren'Zeit ist der Glanz seiner Religion getrübt worden. ' Israels eigenartiger Gang durch die Geschichte hat es wohl erheischt, . daß. es seine Schristgelehrten mit dem Panzer der priesterlichen Satzung umgaben.' An diesem Panzer sind die Geschosse der Feinde abgeprallt. Das muß als historische Tatsache festgehalten werden. Aber daß dieser . Panzer auch in der Gegenwart noch eine Schutzwehr gegen die Angriffe auf die Religion Israels sein kann, muß aufs entschiedenste , bestritten werden. — Zurück zu den Propheten! muß unsere Losung sein.... Die prophetischen Ideen sind im Laufe der Jahrhunderte unter einem Wust von Gebräuchen, Zeremonien und Riten so vergraben, worden, daß Israel zum „Lichte der Nationen" berufen, einem Gespenste gleich unter diesen wandelte. Und seine „Religion des Geistes" erschien dem Außenstehenden als etwas Mystisches, als eine Summe von Aberglauben, als eine Karrikatur. — Denn tatsächlich hat das priest erliche Element, das seinen Ausdruck in Symbolen und Riten fand, die prophetische Lehre so in den Hintergrund gedrängt, daß breite Schichten Israels, durch Druck und Sorgen aller Art vom Denken abgewöhnt, den Mittelpunkt der Religion Israels inden Speisegesetzen erblickten. Und die Anstellung desRabbiners für die Küchenreligion war vielen notwendiger, als für die Synagoge und Schule. Da kam eine neue Zeit, und die Sonne der Freiheit und Aufklärung sandte ihre Strahlen auch in das Ghetto. Und auch der Jude wurde von einer heißen Sehnsucht nach Luft und Licht ergriffen.— Aber nicht alle waren reif für die Freiheit. Ohne allmählichen Uebergang, ohne Entwicklung, ohne Vorbereitung haben viele den Sprung aus dem tiefsten Dunkel in das Lichtmeer gewagt, und die traurigen Folgen eines so jähen Wechsels konnten nicht ausbleiben. — Auf dem Boden des Judentums entstand geradezu eine religiöse Anarchie. Die Vorschriften der Religion standen im schreiendsten Widerspruch zu den Forderungen des Lebens. Ein Teil der Gebildeten, die das Judentum nur in der mittelalterlichen Gestalt. kannten, haben ihm den Rücken gewendet. Man schämte sich der, Mutter, weil sie alt geworden. Andere haben sich um so fester an die Formen geklammert, und wieder andere sind kalt und gleichgültig den religiösen Fragen gegenüber geblieben. Aber bei allem Jndifferentismus war doch noch ein starkes Band vorhanden, das auch die Gleichgültigsten mit dem Judentum vereinigte: die Pietät gegen .die Verstorbenen. — So bedeutungsvoll und anerkennungswert eine solche Pietät war und ist, zur Erhaltung des Judentums und zu seiner Verinnerlichung hat auch diese nicht beigetragen und den Widerspruch zwischen Lehre und Leben war auch sie nicht imstande^ aufzuheben. — In der Religionsschule wurde in altem Geiste unterrichtet. Schon in die Seele des Kindes wurde der Keim des Zweifels und Widerspruchs gelegt. Der Unterschied zwischen den ethischen , Geboten und dem Zersmonialgesetz wurde gar nicht hervorgehoben. Und der arme Rabbiner sollte „fromm" für die ganze Gemeinde sein, und er sollte sörtfahren, den Kindern d'ie kleinen und kleinsten Gebote „Mizwot" als von Gott geboten einzuschärfen, wiewohl er wußte, daß ein großer Teil-der Eltern sich um dergleichen gar nicht kümmerte und er selbst in seinem innersten Herzen vielleicht auch nicht. l,Er sollte weiter der Hüter der Zeremonien und der Fleischbeschau?« der Gemeinde sein. Welche eine klägliche Rolle ein solcher Religionslehrer spielen mußte, braucht ,wohl kaum gesagt zu werden. Einem Teil der Gemeinde erschien er als ganz'überflüssig, einem andern Teile sollte er der einzige Repräsentant des Alten und Ueberlebten sein. Er sollte gegen Bezahlung, wenn es sein mußte, auch heucheln können, wenn er nicht das Objekt der Kritik der ganzen Gemeinde ^sein^PwöM.WD.aß'mnter^ .sökchen>traürigA Rabbinerkarriere^ tüchtigen.-jungen' Leuten .'nicht-, als enn allzusehr :^ lockendes Ziel erscheinen-konnte,- ist nur zu natürlich. Daß -aber: ' -I auch Pas Judentum, darunter schwer.leiden und einer inneren Zersplitterung und Auflösung entgegengehen und der gebildeten Jugend 7 > zumal als ein Anachronismus erscheinen Mußte,- ergab/Och^^M-die-^^ natürlichste Folge. ' ' Aber siehe, Israels Wächter fchlummert und schläft nicht! - Selbstlose Gelehrte erstanden in Israel, die ihre hohe Begabung / und ihren eisernen- Fleiß' der Wissenschäst des Judentums gewidmete haben. Tüchtige Taucher, wie sie waren, haben sie die Perle ans / Meerestiefe, in der sie Jahrhunderte geschlummert, ans Tageslicht ge-- . bracht Ihr Glanz hat die Welt in Verwunderung gesetzt und in Israel Wunder gewirkt/ Der Geist der Propheten und per heiligen Sänger und unzähligen Dichter und Denker war dem Grabe entstiegen. Israels Augen wurden geöffnet, sein Blick wurde auf eine 7 glorreiche Vergangenheit gerichtet, sein Selbstbewußtsein wurde ge- " ' weckt. Männer und Frauen erstanden in Israel, die reichliche Gaben spendeten, um Lehrstätten für die neue Wissenschaft , zu gründen, in der Ueberzeugung, daß die Wissenschaft frei mache . Bald wurden auch die Anforderungen an den Rabbiner andere: Unabhängig, frei von jeder Menschenfurcht soll er ein wahrer Diene r des Gottes der Wahrheit, ein Jünger der Wissenschaft sein. Aus dem unversiegbaren Jungbrunnen der ungetrübten Gotteslehre soll er schöpfen, jung und alt für die ewigen Wahrheiten des Judentums begeistern und den Widerspruch zwischen Lehre und Leben aufheben... Als Jünger der Wissenschaft, als ein Schüler Abraham . Geigers habe ich mich vor 25 Jahren bei Euch eingeführt. Damit war mein Programm klar, für mich wenigstens klar. Dank dem ' Vorbilde meines unvergeßlichen Lehrers, habe ich, wie ich glaube, allezeit meinen intensiven Haß gegen Heuchelei und Verstellung zur Schau getragen. Das Motto Abraham Geigers: „Aus der Vergangenheit schöpfen, in der Gegenwart leben und für die Zukunft wirken!" habe ich nach Kräften mir anzueignen gesucht. So bin ich zu Euch gekommen, um Euch die alte Lehre in neuer Form zu verkünden, um den Geist der Prophetenlehre in Euch erstehen zu lassen, um die Religion der Väter von Auswüchsen zu befreien, die sie zum Hohngelächter dem Außenstehenden machte und Geringschätzung derselben bei den eigenen Söhnen und Töchtern erzeugte. Eigene Und fremde Erfahrung haben mich zur Genüge gelehrt, daß die sogenannte Orthodoxie in einer freien'Umgebung nicht allein die religiöse Entwicklung hemmt, sondern allzu oft zum Bruch mit der Religion führt. Oder habt Ihr es nicht selbst mit eigenen Augen gesehen, daß Kinder orthodoxer Eltern' oft am ehesten geneigt sind, sich von jedem religiösen Bande zu befreien und daß gerade diese oft an der Spitze der Gleichgültigen voranschreiten? Wie König Hiskia ein heiliges Symbol aus mosaischer Zeit, die Kupferschlange, zertrümmert hat, weil dieses in seiner Zeit nicht mehr echt religiöses Fühlen und Denken auslösen konnte, ja, weil es dem Volke zum Götzen wurde und den prophetischen Monotheismus zu gefährden drohte, so habe auch ich zuweilen althergebrachte Symbole zertrümmern müssen, um Platz, zu machen für die Geist . und Herz erquickende, die Menschheit umfassende Prophetenlehre. Zwei hebräische Worte standen und wep-m bis zu meinem letzten Atemzuge obenan aus meinem Pflichtregister stehen: Kiddusch lla-Lehem, Heiligung des göttlichen Namens nach innen und nach außen. Dieses Ideal hat mir vorangeleuchtet, hat mir vorgeschwebt, seitdem ich mit vollem Be onßtsein dem schweren, verantwortungsvollen Berufe eines Rabbiners mein Leben geweiht habe. In stillen, heiligen- Augenblicken habe ich meinen himmlischen Vater angefleht, daß er meinem Willen Kraft, meinem Glauben Innigkeit, meiner Begeisterung Ausdauer verleihe, daß ich nicht ermüde und nicht ermatte in dieser meiner heiligen Aufgabe. — Und Gott sei Lob und Dank, daß er mich erhört hat. 25 Jahre stehe ich nun unter seinem göttlichen Beistände als Wächter auf meinem Posten in Eurer Mitte. Mit der Kraft und der Begeisterung, die mir zu Gebote standen, habe ich Gottes Werke, seine Gerechtigkeit und Liebe, seine Wundertaten an Israel, feinen heiligen Willen in Palast und Hütte verkündet. - -- ‘_-v, > *-i