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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1908-09-18 · Heft 38 (18.9.1908) · page 3

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
72 (1908)
Issue
Heft 38 (18.9.1908)
Date
1908-09-18
Page
– (sequence 3)
Language
German
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72. Jahrgang. Nr. 38. Allgemeine Berlin, 18. September 1908. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnemen ts-^lr eis: durch Buchhandel oder Post (in Berlin u. Vororten durch unsere Verkriebssiellen) bezogen vierteljährl. 3 M. AeSakteur: Gustav riarxeles. Begründet von Rtkbbiner D». Ludwig j)hilipr»son. Veilexs-LMMom Berlin, Jerusalemerstr. 46/49. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums*, Berlin SW., Jerusalemer Straße zu richten. Verlag von Rudolf rNofse, Berlin. Lin moderner lkekormrsbbiner. Berlin, 15. September, ir haben vor einigen Wochen anläßlich seines hundertsten Geburtstages das Bild eines alten Reformrabbiners aus der Zeit der großen geistigen Bewegung des vorigen Jahrhunderts entworfen. Bei dieser Gelegenheit mochte wohl mancher Pessimist die Gegenwart mit scheelen Blicken betrachtet und die Frage aufgeworfen haben: Gibt es auch heute noch solche Führer in Israel? Nun, wir sind in der erfreulichen Lage, diese Frage unbedingt bejahen und heute das Bild eines modernen Reformrabbiners vorführen zu können, das sicher von allen Liberalen als ein schönes und erfreuliches wird begrüßt werden. „Noch ist Israel nicht verwaist!" Bor wenigen Wochen feierte Herr Professor Dr. G. Klein, Oberrabbiner in Stockholm, das fünfundzwanzigjährige Jubiläum seiner gedeihlichen Wirksamkeit in jener Gemeinde. Bei dieser Gelegenheit hielt der gelehrte und allgemein beliebte Seelsorger eine Rede, die auf Wunsch der Gemeinde gedruckt wurde. Unser Korrespondent in Stockholm sendet uns einen Auszug aus dieser Rede, die ohne Zweifel allgemein interessieren und zeigen wird, wie ein moderner Rabbiner das Judentum auffaßt. Zum Texte wählte der Redner Psalm 71, 14—19: „Herr, Du hast mich gelehrt von meiner Jugend an und bis hierher verkündige ich deine Wunder". In der Einleitung wurde auf den Inhalt der vor 25 Jahren gedruckten Antrittspredigt hingewiesen und das „Einst" mit dem „Jetzt" verglichen. Dann fuhr der Redner fort: „Ich habe in meiner ersten Predigt die Aufgabe eines modernen Rabbiners gekennzeichnet; denn als solcher bin ich in Eure Mitte getreten. Und als solcher stehe ich heute vor Euch mit der Forderung: Die neue Zeit bedarf neuer Menschen. Wenn es eine Zeit gab, die an Israel große Forderungen stellt, so ist es unsere Zeit. Wir sind es unseren Vätern, die in den Gräbern schlummern, die für unsere Freiheit gelitten und gestritten, wir sind es ihnen schuldig zu zeigen, daß -sie nicht für ein Phantom gekämpft, daß wir reif sind für die Freiheit, daß uns die Strahlen dieser Sonne nicht blenden, sondern daß sie uns erleuchten und erwärmen und uns mit Begeisterung ersüllen. das Erbe der Väter freiheitlich auszugestalten, daß es auch uns eine „Erquickung der Seele" sei. — Und wenn irgendwo, so können nur schwedischen Juden oder wir jüdische Schweden ein Befreiungssest im eminentesten Sinne des Wortes feiern. Hier sind wir hineingewachsen in die Verhältnisse des Vaterlandes. Unsere Menschenrechte sind uns verbürgt und kein Vernünftiger wagt an diesen zu rütteln. Unserem Patriotismus schenkt man allenthalben das ungeteilteste Vertrauen. Uneigennützig beteiligen sich die Besten unserer Söhne und Töchter an der Arbeit für das Gemeinwohl. Da gilt es, der Welt zu zeigen, daß wir unseren Anspruch auf die Achtung und das Vertrauen unserer Mitmenschen erheben, nicht trotzdem wir Juden, sondern weil wir Juden sind. Denn das muß ein jeder, der Pietät hat und einen historischen Sinn, sich selbst sagen, daß Freiwerden mit Preisgeben seiner Religion, das hätte Israel zu allen Zeiten erreichen können. Unsere Väter hätten sich manches bittere Martyrium ersparen können, wenn sie nicht Ueberzeugungstreue und Charakterstärke an den Tag gelegt und einer ganzen, feindlichen Welt gegenüber, mit den Psalmisten gesprochen hätten: „Ich will nicht sterben, sondern leben will ich, damit ich verkünde die Werke Gottes." Allein, meine Freunde, die Werke Gottes, die wir zu künden haben, sie unterscheiden sich in der Form ganz gewaltig von der Art, wie sie von unseren Vätern verkündigt wurden Ich sage: der Form, aber nicht dem Inhalte nach. An der Form können und sollen wir rütteln, wenn diese sich überlebt, wenn sie unserem religiösen Fühlen nichts mehr bietet, wenn sie ein Joch geworden. das uns drückt, eine Fessel, die unsere Entwicklung hemmt. Ihr müßt folgendes vor Augen haben. Zwei Stände hatten in alter Zeit bereits die geistige Leitung und Erziehung Israels in Händen: Priester und Propheten. Die Propheten religion war uni versell, die Priester lehre national. Der Priester faßte den Heiligkeitsbegriff mehr äußerlich. Der Prophet forderte Heiligkeit, Reinheit des Herzens. Für den Priester waren die kultischen Pflichten von hoher, ja, von der allerhöchsten Bedeutung. Der Prophet dagegen kannte keine arideren als ethische Pflichten. Als der Tempel in Jerusalem noch stand, haben die Priester hauptsächlich den Opserkult versehen, waren sie die Mittler zwischen Gott und Israel, und mit dem Blute der Opfer haben sie die Sünden des Volkes gesühnt. Aber neben den Priestern hat es nie in Israel an heiligen Männern gefehlt, welche die Religion des Geistes gepflegt, denen es mit Flammenschrist im Herzen eingegraben war. daß Gott Liebe will und nicht Opfer. Mit dem völligen Verlust der Selbständigkeit Israels galt es bei den Zerstreuten, die Religion der Väter ohne Priester und ohne Altar zu erhalten. Das war eine der schwierigsten Aufgaben, die je an ein Volk gestellt wurde. Soweit wir die Geschichte der Religionen kennen, war überall die Religion mit dem Volk aufs-innigste verwachsen. Mit dem Verschwinden der Nation verschwand auch die Religion, und. die Besiegten haben in der Regel die Religion der Sieger angenommen. Wie in anderen Stücken, so macht Israel auch in diesem eine Ausnahme. Die Leiden des ersten Exils sind, nicht bloß spurlos an Israel vorübergegangen, sondern dort in Babel, in der Fremde ist erst Israel zum Bewußtsein seiner weltgeschichtlichen Aufgabe geworden. 'Dort ist seine Religion geläutert worden von den Schlacken des Aberglaubens und des Götzentums.. Das war ein Sieg der prophetischen Religion des Geistes, die, losgelöst vom Volkskörper, ihre Triumphe feiern konnte.

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