Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 37 (11.9.1908)
- Date
- 1908-09-11
- Page
- Seite 443 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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dem Schöpfer und Väter, zu ihm kommet, ihr armen, armen Märthrex der Pflicht!". - Da oben in einem Winkel der pommerschen Lande reden zwei Frauen, von denen die eine im Herbst, die andere im Lenz des Lebens.steht, von der einzigen Hoffnung ihres Daseins, vom Sohne und vom Verlobten, den sie vielleicht niemals Wiedersehen werden — niemals wieder! Und soll das Licht der Freude nicht von neuem einkehren unter dem unwirtlichen Dache? .Nur hin und wieder zaubert die Hoffnung oder der Trost ein Lächeln oder eine Träne in das Antlitz der Aermsten. Wo wird er jetzt weilen, wo weilt er, der Heißgeliebte? Wo? Da — da auf dem Schlachtfeld, ganz nahe bei einer brennenden Bauernhütte, wo das Knistern des 'flammenden Holzes mit dem Knirschen des zu Tode Getroffenen sich mischt, da liegt unbeweglich etwas mitten unter stöhnenden Menschen. Er ist grausam verwundet! Das Blut rinnt und rinnt aus seinen Adern und wird langsam vom Erdreich aufgesogen, welches dadurch schon weich geworden ist. Da liegt er auf dem Rücken, die Hände geballt, die Augen weit offen und mit hilflosem Ausdruck zum Himmel starrend. Dort oben ziehen die Wolken, vom Winde getrieben; sie eilen, lösen sich und zerreißen, sie nähern sich einander, um sich von neuem zu trennen. Majestätisch ziehen sie, so . weit das Auge ihnen folgen kann. Ihm, der so da lag mit gebrochener Kraft, erschienen sie wie übers Feld dahinjagende Pferde und Attacken von feindlichen Reitern. Der Feind des Vaterlandes, für welches er gestritten hat, und für das er im Tode liegt — in der Blüte des Lebens — fern von den Lieben, bei denen seine Gedanken weilen, die gewiß gerade von ihm sprechen, und die bald voll Verzweiflung um ihn weinen werden. Dort fern in einem Winkel Pommerns um ihn, der für das . deutsche Vaterland, dem er Arm, Herz und Blut geweiht, den Heldentod erleidet, wie so viele andere seiner Glaubensbrüder, die Gott allein anrufen, und denen man wenigstens doch erlaubt, fürs Vaterland zu sterben. Er hat seine Pflicht als deutscher Soldat getan, die Ereignisse der letzten Stunden kehren in sein Gedächtnis zurück. Sie marschieren zum Angriff aus eine Batterie; sein Leutnant schreitet, den Degen schwingend, einige Schritte voraus und ruft: „Vorwärts! vorwärts!" —-Ein Feuer und ein Höllenlärm! Er dringt stürmend vor unter den Farben des preußischen Banners, das Augen der Bewunderung und eine Stimme für ihn zu haben scheint, um ihn zum Kampfe anzufeuern. Er marschiert und dringt stürmend vor, als er, über einen Leichnam stolpernd, beinahe zu Falle kommter bleibt stehen, wird stutzig. Da ruft ihm jemand leise ins Ohr: „Du bist feig', Jude!" Von dieser Schmach ins Herz getroffen, macht er einen Sprung vorwärts, bis er sich an der Seite des Leutnants sieht, eines jungen Helden von 20 Jahren, der immer ruft: „Vorwärts! vorwärts!", und auch er stürmt immer weiter vorwärts. Ja, ein Jude, aber Deutscher so gut wie alle jene, die in deutschen Landen geboren sind und Söhne eines deutschen Vaters. Vorwärts! vorwärts! Ein heftiger Stoß in die Seite streckt ihn dazu Boden, während der Offizier, dem er immer noch nahe war, den Degen fallen läßt und mit der Hand aus der Brust rückwärts niedersinkt. So fallen Christ und Jude in gleicher Weise dem Tode zur Beute als Märtyrer der Pflicht — für dasselbe Ideal. Aus das Schlachtfeld herab schwebten die Engel Gottes, sich fest umschlingend, das Haupt gesenkt, um die mit dem Tode Ringenden zu beschirmen, und lassen Blumen der Versöhnung und des ewigen Fnedens auf sie niederfallen. Und sie sangen: „Ehre sei Gott, Friede denen, die im Bewußtsein der Pflicht gefallen sind!" Vom Durst verzehrt, im Todeskampfe, der schnell eingetreten, stürzt er den Inhalt seiner Feldflasche hinunter. Die Kräfte verlassen ihn, seine Augen umfloren sich; nur mühsam kann er die Hände bewegen. Doch er bewegt sie, die Erde betastend, gleich als ob er jemand suchte, der ihm Beistand leiste — die Mutter, ja die Mutter, deren letzten Kuß er vermißt. „Mich dürstet," flüstert da in der Nähe eine Stimme, die ihn wieder zu sich bringt und ihn tief bewegt selbst im Augenblick des Todes. — Denn diese Stimme ist ihm wohlbekannt. Mit Mühe wendet er den Kopf nach der Richtung, von welcher die Stimme kommt; er sammelt die ganze Schärfe seiner Augen, und wie in einem letzten Traume erkennt er seinen Offizier. Dieser liegt mit zerschossener Brust rücklings am Boden, so wie er selbst vor kurzem noch ein Ruhmesgenosse, jetzt sein Gefährte in den Schauern des Todeskampses. Und der arme Soldat regt sich mühsam und macht Anstrengungen, sich ihm zu nähern, um ihm zu trinken zu geben. — Er schleppt sich mit Aufbietung der letzten Kräfte und fällt auf die Brust des anderen nieder, so daß sein Haar und seine Augen vom Blut benetzt werden. Er ist genötigt, seinem Offizier die Feldflasche an die Lippen zu halten, und jener schlingt den Arm um seinen. Hals und flüstert zärtlich: „Hab' Dank, mein Bruder!" Und der Tod mit seinen gekrallten Fingern beugt sich nach den beiden, die gerade ihre Seele aushauchen, noch vor der Sonnenhöhe ihres Lebens — für dasselbe Ideal — Christ der eine, Jude der andere, beide Deutsche, jung und tapfer. Verbrüdert durch den Ruhm, so hauchen sie zu gleicher Zeit ihre letzten Seufzer aus unter dem Kusse des Todes — sie, die in dem Zeitalter der Liebe ihr Leben dem gemeinsamen Vaterlande geopfert haben. Und zwei Engel mit Flügeln, wie Morgenröte strahlend, setzen den goldenen Nimbus von ihrem eigenen Haupte den beiden Toten aus und erlösen die Seele des Christen und die Seele des Juden und bringen sie zu Gott, der sie in seine Arme zieht und mit gleicher Liebe küßt. Lin herbktbriek. Nh-Taarbaek bei Kopenhagen. Lieber Freund! ieder fliegen uns Ihre Badebriefe mit den Herbstfäden zu und wecken Erinnerungen an fröhliche Begegnungen und an anmutige Plauderstunden in der schönen Ferienzeit. Ledig aller werktäglichen Pflicht und Hast gibt man sich wohlig der Muße des Nichtstuns hin und findet in dieser völligen Ungebundenheit einiger Wochen den besten Heilfaktor für die : Gebrechen des ganzen Jahres. Wir atmen auf, entzückt schweift das Auge über Berg und Tal oder über die spielenden Meereswellen. Gern lauschen wir den tausend Stimmen der Natur, lassen die rastlosen Sinne von ihnen beruhigen und uns in süßen Kinderschlaf wiegen. Aber nur gelegentlich genießen wir solche Seelenbäder an den sommerlichen'Sammelpunkten . der großen Welt, denn der stille Naturgenuß wird arg bedrängt von dem Komfort des Lebens, den wir mit vielen hiev gemeinsam finden. Und wollten-wir auch die täglichen Gewohnheiten einmal aufgeben, der — wie Sie wissen — konservativ “2shzx i.k reu -- '“V \ - -