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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1908-09-11 · Heft 37 (11.9.1908) · p. Seite 442

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
72 (1908)
Issue
Heft 37 (11.9.1908)
Date
1908-09-11
Page
Seite 442 (sequence 12)
Language
German
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befähigter, nervöser junger Mensch, haltlos, der von einem Extrem zu dem anderen übergeht, heute für Schopenhauer schwärmt -und morgen den Sozialdemokraten sich anschließt, von Größenwahn erfüllt, ohne doch irgendwie zu zeigen, daß er wirklich etwas zu leisten imstande ist. Wie , e* drwch sein geistiges Leben abstößt, so ist er auch in seinem sittlichen Verhalten nicht erfreulich. Nicht das wird man ihm übelnehmen, daß er in den Zeiten erwachender Mannbarkeit Befriedigung seiner Sinne verlangt, und man wird rigoristisch nicht die Art verdammen, wie er seine Triebe stillt — aber auch in diesen . Momenten nichts von überschäumender Lebensfülle, nichts von - jener kindlich naiven Liebenswürdigkeit, die Wilhelm Meisters . Abenteuer so zauberisch verklären. Und wie den Frauen und Mädchen gegenüber ist Rudolf widrigem Verkehr mit seinen Genossen: bald kriechend und streberisch,, bald herrisch und auffahrend. Ebenso unleidlich wie im Kreise seiner Gefährten, , inmitten seiner Familie. Gegen seine Stiefschwester Mathilde auffahrend, zur Schwester Camilla etwas gönnerhaft, trotzig und aus seine größere Bildung Pochend im Verhältnis zu seinem Vater. Nur zwei Figuren sind mit wirklicher Liebe gezeichnet. Und das Seltsame bei diesen beiden ist, daß sie, um nicht direkt zu sagen, verrückt, doch sicherlich abnorm sind. Die Eine, ein Philosoph Dr. Marcus, der fernab, von dem Menfchengetriebe lebt, sich eine eigene Weltanschauung zimmert, seinen Sohn in Freiheit dressiert und ihn dadurch unglücklich macht, und wie ein moderner Diogenes in völliger Abgeschiedenheit von dem Wesen seiner Gattung einsam Haust; die Andere, Frau Jettka Lowositz, die Nichte eines Großindustriellen, die den früheren . Glanz ihrer Familie nicht vergessen kann, ihre etwas dürftige Lebensart, zu der sie in Prag verurteilt ist, als eine Degradation und als ein Exil betrachtet, sich in ihrer ganzen Umgebung höchst unglücklich fühlt, durch ihre geistige Sympathie, wenn diese nicht etwa auch zu einem unplatonischen Verhältnis geführt hat, für einen begabten aber charakterlosen Mann, einen Dr. Rausnitzer, Anstoß erregt, schließlich gemütskrank wird und in einer Heilanstalt sich selbst den Tod gibt. Es ist ein sehr feiner Zug der Dichterin, daß der Held unseres Buches gerade durch diese beiden hochbegabten aber abnormen Menschen feine Hauptanregung erhält: durch Dr. Marcus seine Weltanschauung, durch die Mutter, die er freilich wenig kennt, zu der er aber durch eine tiefe Sympathie gezogen wird, das quälende Unbehagen gegenüber dieser ganzen Gesellschaft. Eine hochpoetische Stelle ist das Erinnerungswort, das Rudolf bei der Hochzeit seiner Schwester inmitten einer stupiden Gesellschaft der Mutter weiht: „Ohne an sein Glas zu klopfen, ohne aus die Festfeier Bezug zu nehmen, fing er an, mit leisen Worten von ihr zu sagen. Die wie eine zarte Blume, die man aus dem Heimatboden reißt, im fremden Erdreich nicht gedeihen konnte. Und langsam welkte. Die so schweigsam war und deren Augen doch so eine wundervolle Sprache sprachen. Deren Seele aus dem . Notwendigen heraus und nach dem Ueberflüssigen verlangte. Nach Licht und Freude. Und deren Lieblichkeit ein Teil der höchsten Schönheit war, die unvergänglich ist. Ein ewiges Gedicht. Das nie verklingt und nie vergessen werden kann". Der aufmerksame Leser jedes Romans möchte wissen und hat wohl das Recht zu erfahren, wie es zu Ende geht. Das , neue Werk entläßt den Leser ohne Entscheidung. Nur soviel kann man sagen, von einer Verklärung des Judentums, die . ja auch in dem ersten Bande an keiner einzigen Stelle sich zeigt, kann durchaus keine Rede sein. Vielmehr sind Andeutungen genug vorhanden, daß Rudolf sich ein Christusbild gezimmert hat, dem er nachstreben will. Ein Roman ist kein Meligionshandbuch.. Es -wäre vermessen, einer Dichterin eine religiöse Ueberzeugung vorschreihen zu wollen und daher unerlaubtder Verfasserin etwa, einen Vorwurf daraus zu' machen, daß sie ihren Helden nicht. als eine Messiasfigur bezeichnet. Sie gibt ihre Weltanschauung, ihre Auffassung, des Judentums; das ist ihr Recht, das man anzuerkennen hat. Jedenfalls ist das Werk, wenn es auch nicht erquickend und befreiend wirkt, von ganz ungewöhnlichem Interesse. Es legt Zeugnis ab von einer außerordentlichen Kraft des Anschauens und des Darstellend, wenn es auch in Kreise führt, die uns nicht erfreuen und von Persönlichkeiten redet, die tpir nicht gern als die unseren bezeichnen. Gedicht ohne Reim und ohne Tendenz. Von Marquis N. B. San Giorgio. Ä je* Kampf ist zu Ende! In der Ferne ertönen die letzten Schüsse; der letzte Kanonendonner, der mehr und mehr verhallende Schlachtenlärm verrät den Abmarsch der Regimenter vom Kampfplatz. Indessen senkt, die Nacht ihre dunklen Schatten hernieder, in denen die, Strahlen der untergehenden Sonne verglimmen. Auf der Erde, in Blut gebadet, verworrene Gestalten von Menschen und Pferden, die hier und dort, hin und wieder sich regen, und dazwischen zertrümmerte Waffen und zerstückelte Gliedmassen. Ein Geräusch, wie Stampfen von fliehenden Pferden — von Hunger gefoltert, von Schrecken gepeinigt, den Kopf gesenkt, rasen sie übers Feld, strauchelnd über die herabhängenden Zügel und über tote Leiber. — Sie rasen weiter, weiter — — —! Eines von ihnen bleibt trotz äußerster Anstrengung, den anderen zu folgen, abseits hinter der Schar zurück: ein menschlicher Körper, der mit dem Fuße im Bügel hängt, hindert es am Laufen. Das Tier bleibt stehen, dreht ängstlich den Kopf und erblickt die Leiche dessen, der ihm Herr und Freund war — es wiehert und schlägt von neuem Galopp an. Und der Tote wird so in hüpfender Bewegung hinterhergezerrt, seine Arme strecken sich bald weit aus, bald hängen sie am Körper herab; sein Haupt schlägt rechts und links an die Steine des Feldes, so daß Fetzen von Haut und Haaren und Blut den Weg zeichnen. Da unten aber in einem Winkel der Normandie, da sprechen zwei Alte, arm durch Krankheit und Entbehrung, vom Hunger ausgezehrte Gestalten von dem Sohne, der unter Frankreichs Banner kämpft, der aber gewiß nach Hause kehren wird, wenn der Krieg zu Ende ist. Und die Sonne des Ueberflusfes und der Freude wird noch einmal unter dem einsamen Dache wiederstrahlen, wenn der Sohn zurückkehrt. Dieser wird zur selben Zeit als Leichnam geschleift, mit dem Fuße verwickelt im Bügel des fliehenden Pferdes. Die Engel Gottes schweben durch die Luft herab auf das Feld der Blutschlacht: paarweise sich bei den Schultern fassend, den Blick gesenkt. Ihre Flügel erglänzen in den Farben der aufgehenden Sonne; mit goldenem Haar und strahlend im goldenen Heiligenscheine, so schweben sie hernieder. Und es ertönt ihr Lied, das auf Erden nicht verklingt, sondern ein Echo im Jenseits weckt, wo die Genossen des ewigen Friedens miteinstimmen: „Ehre sei Gott in der Höhe, Friede aus Erden allen Menschen, die das Gute wollen. Kommet zu ihm-

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