Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 37 (11.9.1908)
- Date
- 1908-09-11
- Page
- Seite 441 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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So-' interessant nun dieser Gegensatz zwischen den Angehörigen zweier Völker auch ist, die um die Herrschaft ringen und so lebhaft unsere, der Deutschen, Sympathie' auch geweckt wird für den unterliegenden Teil, so lebhaft man auch erkennt, daß die Verfasserin für diese Schilderungen besonders viel gearbeitet hat und obgleich sie seit langer Zeit in Berlin wohnt,' doch noch vollständig in den Traditionen dieses Kampfes wurzelt, so kann davon in den Spalten dieses Blattes doch nicht weiter die Rede sein. Auch über den Inhalt gehe ich schnell hinweg. Es genüge zu wissen, daß, entsprechend dem Titel unseres Buches, wirklich eine Familiengeschichte gegeben wird. Herr Eduard Lowositz, ehrsamer Kaufmann seines Zeichens, wird uns mit seiner Frau und mit seinen Kindern vorgeführt. Hauptsächlich erhalten wir die Bildungs- und Entwicklungsgeschichte des Sohnes Rudolf, der, nachdem er das Gymnasium verlassen, seine Militärzeit abdient, diese aber wegen eines Unfalls bald abbrechen muß, einen Teil seiner Studentenjahre in Prag verbringt, es dort durch seinen Selbständigkeitstrieb mit der Hauptorganisation der deutschen Studenten, der Rede- und Lesehalle verdirbt und aus dem Drange heraus, sich allgemeiner auszubilden, als dies in Prag möglich ist, Böhmen verläßt und nach Berlin übersiedelt. Bei dieser Schilderung des Lebens einer jüdischen Familie wird auf manche Einzelheiten des Lebens der Juden eingegangen: wir erfahren von Trauergebräuchen, von der Tätigkeit der Heiratsvermittler, von Sabbatheiligung und manchem anderen. Warum ist der Eindruck, den Frau Hauschners Buch macht, ganz abgesehen davon, daß es kein abgeschlossenes Werk ist, sondern eben nur ein erster Teil, der nach einer Fortsetzung durchaus verlangt, aber kein so erfreulicher, wie bei Hermanns Buch? Bei der Beantwortung dieser Frage handelt es sich nicht etwa um die Feststellung eines Rangunterschiedes beider Werke, sondern um ein ästhetisches Problem. Hermann lebt in seinen Figuren, er amalgamiert sich gewissermaßen mit ihnen; ohne in sie verliebt zu sein — ein Fehler, den man bekanntlich Goethe seinen Helden gegenüber manchmal zugeschrieben hathat er sich mit ihnen völlig vertraut gemacht und versteht es dadurch meisterlich, sie anderen ins Herz zu schmeicheln. Frau Hauschner dagegen steht über diesen ihren Geschöpfen, skeptisch, kritisch, sie prüft und seziert, und das Seziermesser ist unbarmherzig. Will man in dem Vergleich bleiben, so könnte man sagen: Hermann ist der joviale, humane Praktikus, der alte Sanitätsrat, der ein Stück der Familie geworden ist, Frau Hauschner der Chirurg, der nur zu dem einen Fall zugezogen ist, der kein menschliches Interesse an dem Wohlbefinden seiner Patienten nimmt, einzig bestrebt,' des Nebels Wurzel auszudecken. Aus diesem Grunde, da sie keine besondere Sympathie für ihre Helden äußert, gewinnt auch keines ihrer Gebilde die Sympathie des Lesers. Man kann nicht sagen, das ist ein Fehler, aber man darf es wohl so ausdrücken: die Wirkung des Buches ist eine traurige, weil man mit keiner Persönlichkeit menschlich mitsühlt. Nun darf man nicht denken, daß die Figuren des Romans lauter Karikaturen sind. Sie sind nicht gerade schlecht, aber gewöhnlich. Sie vegetieren und leben nicht, weil ihnen der Sonnenschein fehlt, nicht nur der Sonnenschein des Glücks, sondern jener Sonnenstrahl des Humors, der auch das Dasein der Niedrigen vergoldet. Will man dies dem Leser glaubwürdig machen, so muß man die einzelnen Personen vorsühren. . Der Vater Eduard Lowositz ist eine verkümmerte Natur, ein sorgenvoller Kaufmann, der in seinem Handel vom Unglück verfolgt wird, in seiner Familie keine Freude genießt, ein Tyrann seinen Kindern gegenüber, verständnislos gegen seine zweite Gattin, wie er auch mit seiner ersten kein ideales Leben geführt hat. Die Tochter aus dieser ersten Ehe, Mathilde, früh Witwe geworden, ist infolge ihres traurigen Schicksals herbe, in dem Hause des Vaters, dessen Leitung sie übernimmt, ein Drache, anderen zur Pein und sich selbst nicht zur Freude; die jüngere Tochter, ein Kind der zweiten Frau, Camilla, ein oberflächliches Ding, lebenslustig und mit einem gewissen äußeren Bildungsfirnis versehen, aber im Grunde hohl, dabei erotisch lüstern, trotz ihres sogenannten idealen Sehnens nur begierig darauf, endlich von den Schrecknissen und Genüssen des Ehelebens zu erfahren und darum bereit, trotz ihrer phantastischen Träume von Liebe dem ersten besten, der vom Vater herbeigeführt wird, in die Arme zu sinken; ihr Bräutigam, ein täppischer, sinnlicher, höchst unbedeutender Geschäftsmann, der voll Begeisterung auf seine gebildete Frau sieht, ihre Lektüre und ihr Klavierspiel bewundert, freilich nur, um damit vor anderen zu prahlen, nicht weil er dadurch selbst wirklichen Genuß empfindet. Alle diese Figuren und ebenso alle Nebenpersönlichkeiten: der Onkel Jakob, der sein Leben in Kaffeehäusern verbringt, sich von den vermögenden Familienmitgliedern unterhalten läßt und die Zinsen dieser für einen älteren Mann unwürdigen Unterstützung mit Witzen und Gesellschaftsreden heimzahlt; die verschiedenen Angehörigen derjenigen Familien, die mit den Lowositzens in verwandtschaftlicher Beziehung oder in gesellschaftlichem Verkehr stehen, die Kratzler und Klauber, teils üppige Weiber, teils geschäftseifrige Männer, Durchschnittsjünglinge und gefallsüchtige Mädchen, sind in ganz hervorragender Weise gezeichnet. Einzelne Züge bei dieser Schilderung sind ungemein treu nach dem Leben wiedergegeben und höchst ergötzlich. Da ist z. B. ein junges Mädchen, das sich aus Handbüchern zu einer Ballunterhaltung vorbereitet, den Faust liebt, weil sie sich in Gretchen wiederzufinden meint; da ist ferner ein junger Mann, der nur weiß, daß die Goethe- und Schillerausgabe, die daheim in seinem Bücherschrank steht, zusammen 20 Bände hat, aber weder Kunde davon besitzt, von wem diese Editionen herrühren, noch was sie eigentlich enthalten; auch ein Berliner Theateragent verdient hervorgehoben zu werden, der zur Hochzeit eines Freundes, eines Berliner Fabrikanten, nach Prag kommt, durch seine gesellschaftlichen Geschicklichkeiten den Hochzeitsgästen imponiert, durch seine Aufschneidereien einen so günstigen Eindruck macht, daß es ihm gelingt, ein Prager Goldfischchen für sich zu angeln. Wie alle diese, um es noch einmal hervorzuheben, vorzüglich gezeichneten Nebenfiguren doch eben nur als Silhouetten interessieren, aber nicht dauernd fesseln, so läßt auch der Held, Rudolf Lowositz, den Leser kühl. Man hat gewiß kein Recht zu verlangen, daß der Held eines jeden Romans ein Ideal ist und man könnte, wenn es darauf ankäme erlauchte Beispiele vorzubringen, auf Goethes Wilhelm Meister oder Gottfried Kellers Grünen Heinrich exemplifizieren, um zu zeigen, wie sehr ein solcher Romanheld sich entwickeln, verschiedene Stadien durchmachen muß, um schließlich doch nicht ans Ende zu gelangen. Aber gerade diese beiden Beispiele verstärken das Bedenken gegen die Hauptpersönlichkeit des neuen Buches. Auch jene" Helden irren, straucheln, ja fallen, sie geraten in Umgebungen, in die sie nicht passen, aber erheben sich wieder daraus; um sie herum ist eine Füllevon Licht verbreitet, und über ihnen selbst ist Anmut und Lieblichkeit verklärend ausgebreitet. Unser Held dagegen ist eben nur ein nüchtern betrachtetes Studienobjekt, ohne Frische und Liebenswürdigkeit, ohne das innere Feuer, das ihn verzehrt und andere erwärmt. ES ist. ein