Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 37 (11.9.1908)
- Date
- 1908-09-11
- Page
- Seite 440 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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so dürfen Sie lediglich den Grund darin suchen, daß ich Ihr Werk, ury dafür zu danken, auch verstanden haben wollte. Da mir aber leider dazu die Kenntniß der norwegischen Sprache abgeht, so wandte ich mich an einen jungen Freund, den Herren Zeiße in Copenhagen, der mir denn auch mit liebenswürdiger Bereitwilligkeit versprach, so bald als möglich ans Werk zu gehen, und mir eine deutsche Uebersetzung zu schicken. Bis jetzt hat er, da seine Zeit sehr beschränkt ist, nur den ersten Act übersetzt, der mir aber hinlänglich zeigt, daß mir beim Durchlesen des Ganzen ein großer geistiger Genuß bevorsteht. Es ist mir ein großes Bedürfniß, mich' geistig zu beschäftigen, Und meine höchste Freude besteht darin, mich mit den Schriften der edelsten Geister aller Nationen und Zeiten bekannt zu machen. Man sollte in der Jugend, schon aus dem Grunde recht viele Sprachen lernen, um so recht an der Quelle schöpfen zu können; denn wie weit steht auch die beste Uebersetzung dem Original nach, und wie entgeht einem gerade die schönste Farbe, der poetische Hauch, die Blumen. Das habe ich so recht lebhaft gefühlt, wenn ich Meisterwerke unseres Schiller und Goethe in französischer Sprache lese. — Nie werden die Franzosen dadurch unsere Litteratur gehörig kennen und schätzen lernen, so viel Urtheil sie sich auch darüber erlauben und in die Welt schicken» wenn sie sich nicht ans Werk machen und unsere Sprache lernen. — Leider ist das, was man in der Jugend versäumt, nur sehr schwer im Alter nachzuholen, ja oft ganz unmöglich, und so bin ich dem Herrn Zeiße doppelt verpflichtet; denn ohne ihn hätte ich wenig Aussicht gehabt, mich Ihres Werkes zu erfreuen. So weit meinen Dank, und den tiefgefühltesten für Ihre poetische Gabe; aber wie soll mein Herz Ihnen danken, wie möchte ich mir die Begeisterung eines Gottes wünschen, um Ihnen, hochgeehrtester Herr, ausdrücken zu können, wie Ihre Bestrebungen für das unglük» liche gedrückte und geschmähte Volk, zu dem ich mich so gern und freudig bekenne, bei mir, und bei allen denen unter uns, die Ihr edles Streben zu würdigen wissen, wie tief wir von Dank gegen Sie durchdrungen sind.^ K-... , , , Nicht daß ich glauben sollte, es gäbe nicht noch viele gute mit Ihnen gleichgesinnte Menschen in Norwegen, die keinen Haß und Verfolgung gegen ein ganzes Volk, gegen Bruder, Geschöpfe Eines Gottes, den sie täglich anbeten, hegten: allein solcher Männer, die so von ächter Humanität durchdrungen sind, daß sie es nicht unterlaßen können, auch dafür zu streben, und öffentlich als der unschuldig mit Schmach Ueberhäuften Anwalt aufzutreten, d ieß ist Ihr Werk unter mehr als einer Million Menschen, die Ihr Königreich enthält, ganz allein, und ich gönne Ihnen so recht von ganzem Herzen dieses beseeligende Gefühl, das solche Bestrebungen hinterläßt. Künftig, und die Zeit wird ganz gewiß kommen, denn das Gute und edle bahnt sich seinen Weg, wenn auch langsam und unter Kämpfen, wird es kein wehmüthiges Gefühl mehr bei uns erregen, wenn uns von Reisenden Norwegens großartige Natur und die altpatriarchalische Gastfreundschaft seiner Bewohner geschildert wird. Wie manche norwegische Landschaft von Ewerdingen habe ich mit Entzüken, und doch mit einem stechenden Gefühl betrachtet. Auch von den Werken Ihres Landsmanns Dahl, von dem früher in Hamburg viele Bilder zu sehen waren, und der durch seine poetische Auffassung, wenn ihm auch die hohe Meisterschaft Ewerdingens abgeht, seinen Bildern einen solchen eigenthümlichen Reitz zu geben wußte, fühlte ich mich sehr angezogen und konnte gar nicht begreifen, wie nicht der Anblick so großer und erhabener Naturschönheiten, worin und wodurch sich unser aller Schöpfer mit der deutlichsten, aller Menschen leserlichen Schrift uns offenbart, wie die Lieblosigkeit, und eine so barbarisch eonsequente Verfolgung so tiefe Wurzel fassen können. WZ Wir haben gehofft, Sie hoch geehrtester Herr, auch einmal in Deutschland begrüßen 'zu können, und würde ich mich sehr freuen, Ihre persönliche Bekanntschaft machen zu können. Wenn Ihnen eine einfache Einrichtung und eine herrliche Aufnahme genügt/ so sollen Sie uns ein lieber sehr willkommener Gast sein. Die Leichtigkeit, mit der man jetzt auch im Norden durch die Verbindung vermittelst der Dampfschiffe und Eisenbahnen reist, macht eine solche Reise, und mit kleinem Aufwand von Zeit, so leicht möglich. Im künftigen Jahr, l .so Gott will, wollen wir einen lang gehegten Lieblingswunsch ttt7 Erfüllung bringen und die Schweitz bereisen. Wie viel mehr noch * würde ich mich freuen, wenn es uns erst gesetzlich gestattet ist, auch Ihre Berge und Thäler zu durchwandern. Wir wollen der Zeit und Ihren Bestrebungen vertrauen und getrost der Zukunft entgegen gehen. Wenn ich durch die hohe Wichtigkeit und Bedeutung unserer Angelegenheit mich vielleicht habe zu sehr Hinreißen lassen und Ihre/, Zeit zu sehr in Anspruch genommen habe, so nehmen Sie es freundlich auf, und erhalten Sie uns Ihre Teilnahme und Wohlwollen. . Altona, den 15. November 1843. Hochachtungsvoll Hannah Steinheim geborene Matthießen. Lwri mm Somsm? Von Professor Ludwig Geiger. 7 II. wäre ungerecht, wenn man von Frau Hauschner und Herrn Arthur Schnitzler, die beide je einen Judenroman geschrieben haben, behaupten wollte, sie wären durch Georg Hermann beeinflußt. Freilich, ein Vorwurf wäre mit dieser Behauptung durchaus nicht verbunden, sondern eben nur das allgemein literarische Gesetz von gewiffen Strömungen konstatiert, in die ein Schriftsteller hineingeriffen wird, ohne daß er sich selbst Rechenschaft darüber geben kann. Jedenfalls ist es von großer Bedeutung, daß jüdische Autoren, die sich bisher niemals mit jüdischen Fragen beschäftigt, sondern als deutsche Schriftsteller ihre Themata gewählt hatten, so gut wie ihre Genossen sich auch einmal ihres jüdischen Ursprungs erinnern und jüdischen Fragen zuwenden. Nicht nach Berlin und nicht in eine längst entschwundene Zeit, die man .mit einer Art Romantik wieder beleben muß, führt uns die Verfasserin, sondern in das Prag der 70 er und 80 er Jahre des 19. Jahrhunderts. Die Kämpfe der Deutschen und der Tschechen geben den Hintergrund ab, zwei Ereignisse, die in diesen Streitigkeiten eine gewisse Berühmtheit erworben haben: der Kaiser Josef-Kommers 1880 und der sogenannte Kuchelbader Ueberfall 1881 werden bei dieser Gelegenheit geschildert. Ob diese Darstellung ganz treu ist, geht den Lokalhistoriker an, nicht den Romankritiker; dieser hat nur freudig zu konstatieren, mit welch außerordentlicher Geschicklichkeit diese Ereignisse in die Geschehnisse des Romans hineinverwebt werden. Es zeugt von einer rühmenswerten Gewandtheit und gründlichster Kenntnis des Milieus, wie diese Kämpfe zwischen Deutschen und Tschechen in ihrer Rückwirkung auf die Juden geschildert werden; die einen verhärten sich völlig in ihrem Deutschtum, die anderen schwärmen für den Kaiser Josef, weil er den Juden durch sein Toleranzedikt den ersten Schimmer von Freiheit gab, sie zuerst lehrte, daß* sie Menschen seien. Einige wenige schließen sich aus Geschäftsinteresse den Tschechen an, ein einziger, der eigentliche Held, wägt kühl und nüchtern die Anschauungen der beiden Parteien ab und kann die Verstiegenheiten der einen Partei ebensowenig mitmachen wie die Alleinherrschaftsgelüste der anderen. Er ist in seinem Wesen deutsch und dabei doch in eine Tschechin verliebt, bringt * es aus Neigung zu ihr fertig, in einem tschechischen Theater bei der Eröffnung und dem ersten Auftreten seiner Diva als Statist mitzuwirken und im Kreise ihrer Genossen zu verkehren. 0 Die Familie Lowositz; Roman von Auguste Hauschner. Berlin, Egon Fleischel L Co. 1906.