Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 37 (11.9.1908)
- Date
- 1908-09-11
- Page
- Seite 435 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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; ' Der Hilfsverein der deutschen Juden hat einen - Berichterstatter "ach dem russischen Städtchen Telschi entsandt, um genaue Informationen über den Umfang des Brandunglücks zu erhalten. Der nachstehende Bericht zeigt, wie verheerend das Feuer, gewütet hat; er enthält aber auch nähere Mitteilungen über die unheilvolle Rolle, die der Jsprawnik Peschkow, der Leiter der Polizei des Kreises, bei dem Brande den Juden gegenüber gespielt hat. Er hat das Feuer in den Dienst des Antisemitismus gestellt, statt löschen zu lassen. Dem an den Hilfsverein der deutschen Juden erstatteten Bericht entnehmen wir das Folgende: „Aus Telschi zurückgekehrt, beeile ich mich. Ihnen einen Bericht über die vom Feuer vernichtete Stadt ergebenst zu erstatten. Die Bezirksstadt Telschi (Gouvernement Kowno) wurde zweimal, am 2t. und 23. Juli, von einer Feuersbrunst heimgesücht. Der erste Brand zerstörte 70, der zweite 250 Häuser. Der Gesamtschaden wird . auf 1200 O00 Rubel geschätzt. Die Stadt zählt 7000 Einwohner. 5500 Juden und 1500 Christen. Das Feuer hat an den genannten Tagen so furchtbar gewütet, daß 4498 Personen von der Katastrophe in Mitleidenschaft gezogen worden sind, und zwar 4073 Juden und 425 Christen. Von Gebäuden der jüdischen Gemeinde sind abgebrannt: die Hauptsynagoge, zwei Bethäuser, eine „Klaus", das Rabbinatshaus und die Jeschiwah. Der erste Brand wurde durch Unvorsichtigkeit verursacht; die Ursache des zweiten Brandes bleibt noch immer unaufgeklärt. Es hat sich ein — vom Kownoer Gouverneur bestätigtes — lokales Hilfskomitee unter Vorsitz des Stadthauptes, Herrn O. Geldner, konstituiert, dem angehören: Rabbiner Gordon, Rechtsanwalt Bloch, Dr. Broido, der Vorsteher der jüdischen Knabenschule Garber und die Kaufleute Rabinowitz, Perelmann, Rostowski. Die Juden in Telschi gehören zum größten Teile dem Handelsstande an und waren verhältnismäßig gut situiert. Im Gegensätze zu vielen „jüdischen" Städten des Ansiedlungsrahons hatte Telschi nur einen kleinen Prozentsatz armer Juden. Das lokale Unterstützungskomitee richtet sein Augenmerk vorzugsweise auf die Rehabilitierung der geschädigten Kaufleute. Von Bedeutung dürsten die Informationen sein, welche ich bezüglich des Verhaltens der Behörde während und nach der Feuersbrunst erlangte. Ich habe durch mehrere Zeugen festgestellt, daß der Jsprawnik namens Peschkow, die Löschapparate oft in sehr kritischen Momenten ohne ausreichenden Grund den Juden verweigerte. So nahm er zunächst die. Feuerwehr für die Reichsbank in Anspruch, obwohl bereits alle Wertsachen aus ihr entfernt und in Sicherheit gebracht waren; später, als aus der benachbarten Stadt Plungjan mehrere Löschapparate eintrafen, verhinderte der Jsprawnik ihre.Anwendung Lei brennenden Häusern und ließ sie um sein Haus aufstellen, das ganz außer Gefahr war. Als einige Juden sich uni Hilfe an ihn wandten, schrie er sie barsch an und bedrohte sie mit Ohrfeigen. .. Als er einen abgebrannten Juden weinen sah, ahmte er ihm nach und belustigte sich über ihn in rohester Weise. Zu meinem Bedauern war der Jsprawnik jetzt nicht anwesend. Ich wandte mich an das Stadthaupt mit den Worten: Man munkelt, der Jsprawnik habe die Rettungsarbeit vernachlässigt und den Juden die erforderliche Hilfe verweigert. Können Sie mir vielleicht Aufklärung geben? Darauf antwortete dieser: „Nun ja, unser Jsprawnik ist ein ausgesprochener Judenhasser. Er selbst sagte mir, er erblicke in diesem schrecklichen Brande einen Ersatz für einen Pogrom." Ich erwiderte: „Er beschuldigt demnach die Christen einer Brandstiftung, während die Juden selbst es ja-nicht tun?!" und erhielt zur Antwort: „Der Jsprawnik beschuldigt sie gar nicht, im Gegenteil, er sagt, die Juden, haben es verdient... Ich muß bemerken, die Behauptung des Jsprawnik, wonach der Brand eine Art Pogrom darstellt, entbehrt jeder Grundlage. Sie ist aber charakteristisch für die hooliganische Gesinnung des Jsprawnik, der die Christen gegen die Juden aufzuhetzcn und auch die Brandatastrophe zu antisemitischen Zwecken auszubeuten suchte. Da das . 'Stadthaupt mir die obigen Mitteilungen gemacht hat, sind sie als unbedingt zuverlässig anzusehen. Ich lese, daß Sie bereits 5000 Mark für Telschi bewilligt hab.en. Ich möchte bemerken, daß in Rußland beträchtliche Summen für die „gewesene" Stadt gesammelt werden, größere Sammlungen stehen noch bevor. Auch aus Amerika wird gemeldet, daß die dortigen zahlreichen Juden aus Telschi eine größere Aktion zugunsten , ihrer Heimatstadt einleiten." Der Hilfsverein her deutschen Juden hat in Gemeinschaft mit dem Frankfurter Hilfskomitee für die notleidenden osteuropäischen Juden unter Hinzüfügung des Ergebnisses einer Spezialsammlung für Telschi in Königsberg, veranstaltet durch Herrn Simon Eger, namens des Hilfsvereins vorab 7000 Mark nach Telschi gesandt, und die weitere Beschaffung von Mitteln für die schwer heimgesuchte Stadt gemeinsam mit der Großloge für Deutschland, die gleichfalls bereits 1500 Mark für,. Telschi zur Verfügung gestellt hat, in die Hand genommen. * Von dem Kulturkampf, der gegenwärtig unter den Juden Rußlands, wie immer im Gefolge der politischen Reaktion, wütet, hat man bisher viel zu wenig Notiz genommen. Aber gerade in den letzten Tagen kamen verschiedene Nachrichten aus verschiedenen Teilen Rußlands, die als Symptome dieses Kulturkampfes Beachtung verdienen. So hat der Rabbiner in Petrikau (Polen) einen förmlichen Feldzug gegen entblößte Frauenarme in der Synagoge eröffnet, Der Rabbiner in Jedwabno (Gouvernement Lomscha) verbietet verheirateten Frauen, die ihre eigenen Haare tragen (was nach orthodoxer. Vorschrift untersagt ist), die Synagoge zu betreten, „da es eine schwere Beleidigung Gottes ist", und droht ihnen, daß ihnen Gott, wenn sie die Haartracht beibehalten, „in der schweren Stunde, die jede verheiratete Frau durchzumachen hat", nicht beistehen werde. Auch auf anderem Gebiete macht sich der Fanatismus kund. In Drobin (Gouvernement Plock) hat der dortige Rabbiner mit Hilfe der Orthodoxen eine heftige Agitation gegen die jüdischen Blätter eingeleitet, da diese religiös freisinnig seien. In den Synagogen wird von der Kanzel herab gegen diese Blätter geeifert. „Wenn jemand durchaus Zeitungen lesen will," heißt es in einem Aufrufe des Rabbiners, „so mag er polnische, sogar antisemitische Blätter lesen, die jüdischen aber soll er nicht in die Hand nehmen". Ein junger Mann, in dessen Tasche ein jüdisches Blatt gefunden wurde, wurde durchgeprügelt und aus der Synagoge hinausgeworfen. Es ist in Rrrßland so wie anderwärts. In Stoczek, Bezirk Luckow, wütet das Scharlachfieber, dem viele Kinder zum Opfer gefallen sind. Die dortigen orthodoxen Juden kamen in einer Versammlung zu dem Schluffe, daß es eine Strafe Gottes dafür sei, daß die jungen Leute mit den Mädchen spazieren gehen. Es wurde daher eine Wache gebildet, die, selbst unter Anwendung von Gewaltmittelnzu verhindern hat, daß sich ein Jüngling in Gesellschaft eines Mädchens aus der Straße zeige. Man sieht, der Klerikalismus ist unter allen Himmelsstrichen der gleiche. Und nirgends ist er in seinen Mitteln sehr wählerisch. Aber gerade unter den russischen Juden dürfte er mit seiner Agitation wenig Glück haben. Ueber die Juden in der Türkei wird dem „Lemberger Tagblatt" aus Konstantinopel geschrieben: Die jüngsten politischen Ereignisse haben in der jüdischen Bevölkerung der Türkei eine Spaltung hervorgerufen. Der .Antagonismus, der ohnedies, zwischen den Sephardim und Aschkenasim >1 Ä -'V,1