Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1908-09-11 · Heft 37 (11.9.1908) · p. Seite 434

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
72 (1908)
Issue
Heft 37 (11.9.1908)
Date
1908-09-11
Page
Seite 434 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3228798-3228836--64868-3276952
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

schaftliche Wirksamkeit in der hisherigen Weise nicht mehr möglich erscheint" (wörtlich so heißt es in der.Mitteilung des Ausschusses) unter diesen Umständen klug gehandelt, daß ev,üm einen Teil der gedeihlichen Wirksamkeit wenigstens zü retten, die Einsetzung einer Art Schiedskommission vorgeschlagen hat, und, wir wollen hoffen, daß, wenn sich auch einzelne Teile zurückziehen, alle andern, um das eigentliche Heiligtum geschart, weiter aushalten und . den Ausbau der gemeinsamen Institutionen fördern. Die bevorstehenden hohen Festtage werden der Welt wieder einmal zeigen-daß um dieses Heiligtum geschart, ganz Israel in der ganzew Welt einig ist und diese Einigkeit erhalten will. Mögen diese ernsten. Tage, in denen die Herde einig den Weg zum Heiligtum sich bahnt, auch die Hirten, die Rabbiner, zur Einigkeitmahnendamit das Schisma, auf welches, wie bereits in den Korrespondenzen unseres Blattes aus Bayern .betont wurde, die Sehnsucht einiger süddeutschen Orthodoxen gerichtet ist, in letzter Stunde noch vermieden werde. Hat denn, um zwei hochgeniale Theologen beider Richtungen anzuführen, die unüberbrückbare ungeheure Verschiedenheit ihres religiösen Standpunktes zwei Männer, Heroen des Geistes, wie Samuel David Luzzatto und Abraham Geiger, gehindert, ein halbes Menschenalter miteinander gemeinsam an einem und demselben Quell der jüdischen Wissenschaft friedlich zu arbeiten, unbeschadet ihrer religiösen Ueberzeügung? Nur die fanatische Beschränktheit, welche keine höheren geistigen Güter kennt, ist intolerant, und stets haben solche kurzsichtigen Eiferer auf Spaltungen und Trennungen hingearbeitet. Was ist dabei herausgekommen? Nichts. Wo ist bei uns eine Spur von Zerstörungssucht seitens der sogenannten Neologen zu erblicken? Im Gegenteil, das Aufhören des Jndifferentismus unter den norddeutschen Liberalen ist für uns ein gutes Zeichen dafür, daß auch hier das religiöse Leben wieder erstarkt. Die deutschen Rabbiner sollten nach wie vor, ähnlich wie die beiden geistigen Führer, die wir oben genannt haben, ihnen nacheifernd an Einmütigkeit für die gemeinsamen Ideale trotz verschiedener religiöser Praxis, dem religiösen' Jndifferentismus entgegentreten. Nicht die Kluft zu erweitern, sondern einen Weg zum Frieden zu bahnen, ist die Aufgabe der Führer in Israel! Dir Woche. Berlin, 8. September.?^^er nationalökonomische Heros der Agrarier ist bekanntlich Professor Ruhland, der Mann, dem die Wissenschaft sogar ein System der politischen Oekonomie verdankt. Im dritten Bande dieses Werkes sind die Symptome der verschiedenen Völkererkrankungen und die Diagnosen derselben zusammengestellt. Eine einzige Stichprobe wird genügen, um den Geist dieser antisemitischen Wissenschaft zu charakterisieren. Sie lautet wörtlich: 1. Aus der jüdischen Geschichte. Symptome: a) Allgemeines Streben nach Geldreichtum bei zunehmender Einführung des Goldgelbes. - d) Ueberwiegen der Handelstätigkeit. Alles ist eine-beliebig verkäufliche Ware geworden, o) Zunehmende Verschuldung des Volkes bei Wucherzinsen. Ver- ... nichtung des selbständigen Mittelstandes, Ausbreitung der Sklaverei. * . -dj Lätifündienbildung und wachsender Reichtum weniger, immer;\£- f schärferer Gegensatz zwischen der Armut der Massen und, dem - - Reichtum weniger. _ e). Der Staat führt Krieg im Interesse des Reichtums, des Königs und der Großkapitalisten. , k),Wachsende Ausbreitung-der-internationalen Handelsbeziehungen.; g) Zunehmender Luxus.;1 h) Hungersnöte in wachsender Zahl. i) Die guten Sitten ' der Säter werden - durch Uebernahme der/> ' Sittenlosigkeit der kapitalistischen Nachbarvölker verdrängt. k) Zunehmende Steuerlast des Volkes. : l) Flucht der Bevölkerung vom Lande nach der Stadt und Abwanderung nach dem Auslande. m) Wachsende, handelspolitische Abhängigkeit vom Auslands. * .n)" Zunehmende Unzufriedenheit des Volkes. Ansammlung -von arbeitslosen Proletariern in der Hauptstadt, ihre Unterstützung aus, öffentlichen Funds-, Ausbreitung des Sozialismus und Anarchismus. Aus der Diagnose: .. Die zeitgeschichtlichen Quellen sprechen: vom- „Tanz des Volkes ums goldene Kalb"; von der Unmöglikcheit, „Gott und dem Mammon dienen zu können"; von der Tatsache: „Die Geldfürsten von Juda und Israel regierten das Land und der König hatte wenig mehr zu sagen." . - -^- Auch nicht ein Satz, istin diesem Programm, beidem nicht- ^durch die historischen Tatsachen das direkte, Gegenteil nachgewiesen, werden könnte, ja^ längst nachgewiesen worden ist. Und das nennt sich „objektive" Wissenschaft! Ueber die Begriffe Religion und Konfession herrscht bei den Antisemiten eine heillose Verwirrung. Sie erblicken im Christentum offenbar keine Religion, sondern eine Konfession. Nur durch Bildung dieser Fiktion wurde ihnen zum Beispiel das Taschenspielerkunststückchen möglich, daß sie den vielbesprochenen Erlaß betreffend die Avancementsverhältnisse in der preußischen Armee, worin zum Ausdruck gebracht sein soll, daß kein Unterschied in der Konfession gemacht werden solle, dahin auslegten, daß er sich nur aus Protestanten und Katholiken beziehen könne. Die gleiche skurrile Auffassung vertritt jetzt das Organ der Mittelstandsvereinigung, die „Deutsche Volkspost", gegenüber einer Auslassung des Geh. Rat Dr. Küster, der angeblich den Standpunkt vertreten hat, daß auch die Mittelstandsvereinigung nach dem Grundsatz handeln müsse, Religion sei Privatsache. Mit dieser Auffassung konnte sich aber das mittelständlerische Blatt, wie letzthin mitgeteilt, nicht befreunden und es ist daher jetzt überglücklich, eine Zuschrift des Geh. Rats Küsters veröffentlichen zu können, worin dieser ihm mitteilt, „er habe nicht gesagt Religion, sondern der konfessionelle Glaube sei Privatsache".' Dazu bemerkt das Blatt erfreut: „Darin befinden wir uns mit Herrn Geh. Rat Küster in voller Uebereinstimmung. Die Spaltung in der christlichen Kirche, die das deutsche Volk gewissermaßen in zwei Teile scheidet, ist, das wird jeder, der es. mit seinem Christentum ernst meint, uns. zugeben, tief bedauerlich." Mit dieser Interpretation seiner Aeußerung dürste nun wahrscheinlich Geh. Rat Küster wieder nicht ganz einverstanden sein, dem es jedenfalls, als Begründer der gegen die antisemitischen Studentenverbindungen gerichteten A. D. B.- Burschenschaften, vollständig fern gelegen haben wird, das Judentum aus der Reihe der religiösen Bekenntnisse ar;szuscheiden. „ LMM

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.