Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 36 (4.9.1908)
- Date
- 1908-09-04
- Page
- Seite 3 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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die politische Gegnerin ihres in den Reichstag gewählten hochkonservativen Sohnes Otto Gustedt empfinden mußte. ' 7 o. Dortmund, 31, August. In das Seehospiz- Duhnen bei Kuxhaven wurden am 10. d. M. 40 Kinder israelitischer Eltern von hier und aus der Umgegend unter Leitung des Herrn Lehrers Emanuel Goldschmidtbefördert. Die Kinder. Knaben und Mädchen, wurden nach ärztlicher Untersuchung Won dem hiesigen Komitee für erholungsbedürftige israelitische'Kinder für das Hospiz bestimmt. Auf Ersuchen des Rabbiners Dr. Jacob, hier, ließ die Eisenbahndirektion Essen in den fahrplanmäßigen Zug einen Waggon einstellen, der die Kinder, ohne daß stein Hamm, Münster und Bremen umzusteigen brauchen, bis Geestemünde bringt, von wo aus die Küstenbahn benutzt wird. Das Seehospiz Duhnen ist von einem Verein in Hamburg für Kinder israelitischen Glaubens gegründet. Wie wohltuend und kräftigend der Aufenthalt in dem Seehospiz wirkt, geht wohl am besten daraus hervor, daß die Kinderwelche im vorigen Jahre' das Hospiz aufgesucht halten, während ihres vierwöchentlichen Verweilens daselbst durchschnittlich acht Pfund an Körpergewicht gewonnen hatten. Die heute dorthin beförderten Kinder bleiben bis zum 7. September dort und werden wieder von einem Lehrer abgeholt. _ Al. Hamburg, 28. August. Der Israelitische Verein für Obdachlose hat ein Grundstück in der Nähe des Hauptbahnhofes erworben, um dort ein eigenes Heim für Durchreisende zu errichten. Mit diesem neuen Heim wird einem lang gehegten Bedürfnis weiterer Kreise Rechnung getragen. In dem neuen Hause soll zugleich auch die Bekleidungsabteilung des Vereins untergebracht werden. — Professor Dr. M. Kutnewskh ist zum Direktor der Stiftungsschule von 1815 an Stelle des vor Jahresfrist verstorbenen Dr. Dränert gewählt worden. Die. Wahl des neuen Direktors ist bereits vom Senat bestätigt worden. Als Vorgänger des Herrn Dr. Dränert war der unvergeßliche Dr. Anton Ree, der als Schulmann und Politiker weit über Hamburg bekannt war, Direktor der Schule. — Düsseldorf, 22. August. Vor kurzem traf bei der hiesigen Polizeiverwaltung ein Telegramm aus Köln ein, wonach einer dortigen Geschäftsfrau drei Koffer mit Inhalt entwendet worden und die Diebe wahrscheinlich nach Düsseldorf gereist seien. Als dann in derselben Nacht der Reisende Arndt einer Schirmfabrik mit drei Musterkoffern aUf dem hiesigen Hauptbahnhofe eintraf, wurde er verhaftet und der Bahnpolizei vorgeführt. Trotz vorgewiesener Legitimationen wurde er in einer Zelle des dritten Polizeibezirks die Nacht über interniert und am folgenden Morgen im grünen Wagen dem Amtsrichter vorgeführt, der endlich seine Freilassung verfügte. Als Arndt auf der Bahnpolizeiwache seine Legitimation vorzeigte, äußerte sich der wachthabende Polizeisergeant Karl Töpfer: „Das ist ja alles Judenschmus!" Auf Grund dieser Aeußerung hatte Arndt eine Beleidigungsklage gegen den Beamten angestrengt, die heute vor dem Schöffengerichte mit der Verurteilung des Polizisten zu zehn Mark Geldstrafe endete. Der polizeiliche Mißgriff, betreffend Festnahme des Reisenden, unterliegt zurzeit noch der gerichtlichen Untersuchung. w. Frankfurt a. M>, 31. August.' Anfang Oktober wird eine neue Schöpfung in dem an Wohltätigkeitsanstalten reichen Frankfurt eröffnet werden können. Eine hochherzige Dame, Frau Clara Bermann, hat testamentarisch ihr Haus für Begründung eines Israelitischen .Lehrerinnenheims bestimmt, welches . deutschen israelitischen Lehrerinnen, Erzieherinnen, Kindergärtnerinnen. Haus- und sonstigen Beamtinnen sowie anderen weiblichen Angestellten höherer Bildung, wenn sie in ihrer Arbeitsfähigkeit durch Alter oder aus einem sonstigen Grund beschränkt sind, oder wenn sie dieselbe eingebüßt haben, ein Heim zum dauernden oder vorübergehenden Aufenthalt gewähren soll. Bald nach dem Tode der edlen Stifterin bildete sich aus der bereits in Frankfurt bestehenden Ortsgruppe des Berliner Lehrerinnenheims ein Verein, der das Haus übernahm und es zunächst zur Aufnahme von acht Damen einrichtete. Am 1. Oktober soll nunmehr das Heim eröffnet werden, das hoffentlich zu reichem Segen im Sinne der edlen Stifterin wirken wird. Bereits ist über die Hälfte der Plätze Bestimmung getroffen worden; weitere Bewerberinnen mögen sich in ihrem eigenen Interesse baldmöglichst an den Vorstand des Vereins' Israelitisches Lehrerinnenheim zu Frankfurt a.M." Herrn Dr. Martin Mayer, Stein weg 5, wenden. n. München, 30. August. Die „Augsburger Postzeitüng" hat vor einigen Wochen bei der Besprechung der Frage, ob man in Preußen Juden als Offiziere zulasse, gegen den General Ottolenghi eine Bemerkung gemacht, welche geeignet ist, ihn im Grabe zu beschimpfen. . Die Verwandten haben darauf folgendes Schreiben an das Blatt gerichtet: „In unserer Eigenschaft als Bruder und Reff? des verstorbenen Generals. Ottolenghi und auch . im Namen seiner Witwe, protestieren wir hiermit bei Ihnen gegen die dem General in Ihrer Zeitung zugeschriebene Phrase, daß er nämlich gesagt habe, „er würde lieber einen Soldaten in einem öffentlichen Hause sehen, als in einer katholischen Kirche". Wir und alle, welche den General Ottolenghi gekannt haben, können versichern, daß solche Worte von ihm niemals ausgesprochen sein können. Die große Mehrheit der italienischen Soldaten ist katholisch und unser seliger Verwandter dachte zu edel und hatte zu viel Takt, daß jemals solche Worte Hütten über seine Lippen kommen können. Wir nehmen gern an, daß Ihr guter Glaube von schlecht informierten Berichterstattern getäuscht worden ist und erwarten, daß Sie in der nächsten Nummer Ihrer Zeitung, von der wir uns ein Exemplar erbitten, Ihre falsche Mitteilung berichtigen werden. Auf der Brust unseres teuren Verstorbenen glänzten alle Arten hoher Ordensauszeichnungen, darunter zwei deutsche, welche ihm Seine Majestät Kaiser Wilhelm, der den General Ottolenghi persönlich kannte, eigenhändig angelegt hat, anläßlich der Besuche, welche er unserem König in Rom gemacht hat." i. Karlsruhe, 28. August. Das letzterschienene Verordnungsblatt (Nr. VII.) des Großherzoglichen Oberrats der Jjraeliten enthält den ausführlichen Bericht überdie fünfte Tagung der badischen Landesshnode, die so viel Staub aufgewirbelt und in der der Oberrat trotz der Ablehnung des. neuen Gebetbuches unzweifelhaft einen moralischen Sieg davongetragen hat, während die Gegner, wie es scheint, ihres Pyrrhussieges nicht recht froh werden. Der Verlauf der Verhandlungen bietet ein interessantes Bild : die Hauptführer der Richtung, welche für die Orthodoxie und gegen das Gebetbuch eintreten, gehören in ihrer eigenen Lebensführung durchaus nicht der von ihnen mit solchem Aufwand von Pathos vertretenen religiösen Richtung an; sie scheinen also dem bekanntlich einer anderen Konfession entlehnten Mahnruf zu huldigen: „Richtet Euch nach meinen Worten, nicht nach meinen Taten!" * GesterretlH-Nnsaw. HI Wien, 31. August. Der Held des deutschnationalen Antisemitismus in unserem schönen Oesterreich. Herr Georg Schönerer hat nicht nur seine Rolle als politischer „Ritter Georg",' wie er sich von seinen alldeutsch-antisemitischen Knappen in Oesterreich gern nennen hörte, ausgespielt, er ist auch aus der „völkischen" Turnbewegung, das heißt der Organisation der antisemitischen Turner, deren Mitbegründer er gewesen ist, .ausgeschieden, da.man dort seine Verdienste um die „rassenreine Turnsache" mit schnödem Undank gelohnt hat. In „nationalen" reichsdeutschen Blättern lesen wir darüber:, „Die Ursache bilden heftige. Angriffe des Bundes gegen Schönerer. Auf dem Bundestage, der zu Ostern in Eger stattfand, gab der Vertreter des Brandenburger Gaues offen die Erklärung ab, daß es absurd sei, in Wort und Schrift stets von den Grundsätzen „Jahns, Bismarcks und Schönerers" in einem Atem zu sprechen. Hierbei kam es zu einer Debatte über die Person Schönerers, wobei sein persön» liches und politisches Verhalten und sogar seine Familienverhältnisse kritisiert wurden. Schönerer verlangte infolgedessen die Streichung seines Namens aus der Mitgliederliste. Der Vorschlag der Anhänger Schönerers. einen besonderen Schönerer-Turngau zu schaffen und ihn der Organisation des deutschen Turnerbundes anzuschließen, wurde von letzterem abgelehnt." . Also selbst die reichsdeutsche antisemitische Turnerschaft will von Schönerer nichts mehr wissen. Armer Rjtter Georg! — Die „liberale" deutsche Stadt Teschen hat wahrscheinlich Neid auf die antisemitischen Heldentaten des gemütlichen Wiens