Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 36 (4.9.1908)
- Date
- 1908-09-04
- Page
- Seite 2 (sequence 16)
- Language
- German
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die edle Gäbe seltener Beredsamkeit/ dü'rch die Vorzüge seines Geistes- Und die Attribute , seines Herzensalle an sich zu fesseln. Hierzu gesellte sich die Lauterkeit seines Charakters, seine vornehme Denkungsweise, die Liebenswürdigkeit seiner kollegialen Gesinnung und sein - bescheidenes Wesen. Königliche Gnade-gab ihm den roten Adler- Orden IV. Klasse. „Solch ein Mann stirbt nicht, in der Erinnerung und im Gedächtnis lebt er fort!" Dem . Sarge voran gingen die Chargierten der akademischen Vereinigung (bereit alter Herr er war) und eine Trauerschar von nah und fern, die Zeugnis ablegte von der Liebe, die sich der Verklärte erworben. s. Berlin, 28. August. Sanitätsrat Dr. Jacob Caspar Jacusiel, der am 20. d. M. hier gestorben ist, nahm ans Grund seiner vielseitigen Begabung und seiner bemerkenswerten persönlichen Eigenschaften unter den Berliner Aerzten eitte besondere Stellung ein. Ausgestattet mit einem nie versagendenschlagfertigen Humor, und im Besitz einer Umfassenden medizinischen nnd literarischen Bildung, war er in allen ärztlichen Versammlungen ein gern ge» hörten Redner, der stets seiner Wirkung auf die Zuhörer sicher sein konnte, ob er nun in der gelehrten medizinischen Gesellschaft seine Ansichten vertrat oder in einem Standesverein für die freie Betätigung und gegen alle Bestrebungen auftrat, die auch nur entfernt an Zünftelei erinnerten. So war er ein Verfechter der freien Arztwahl und, wie schon seine Schrift aus dem Jahre 1887 „Die preußischen Aerztekammern" erweist, ein Gegner dieser damals zur Einführung gelangenden Standesvertretung. Er war am 21. März 1849 in Berlin geboren, hatte hier feine Ausbildung erlangt,, im 'Jahre 1873 war er Arzt geworden. Viele Jahre übte er die allgemeine Praxis im Zentrum Berlins aus, später, folgte er seinen Patienten, bei den er hoch geschätzt war, nach dem Westen. Er hatte einen scharfen Blick für das Nötige und Erreichbare und hat auf manches hygienische Bedürfnis aufmerksam gemacht, lange Zeit, bevor der großen Menge, auch der Berufsgenofsen, die gleiche Einsicht kam. Zu seinen Gründungen gehört der Verein für ärztliche Nachhilfe im Zentrum Berlins, der schon seit 31 Jahren überaus segensreich wirkt. Sein Lieblingsgebiet war die Schulhygiene, seine Schrift über die „Deutsche Schule der Zukunft" erschien schon 1886. vor vielen Jahren schloß er sich mit Gleichgesinnten zur'Förderung der Schulgesundheitspflege zusammen und veröffentlichte eine größere Zahl hierauf bezüglicher Aufsätze. Von den größeren hierzu gehörenden Arbeiten sei erwähnt „Spielen, Turnen, Sport und ihr Wert für die Gesundheit unserer Jugend". Trotzdem Jacusiel oft genug eine der Mehrheit seiner Berufsgenossen entgegengesetzte Ansicht vertrat, war sein Rat begehrt und vielfach wurden ihm Ehrenämter übertragen. Im Geheimen betätigte er sich auch mit Erfolg auf dem Gebiet der Belletristik, unter dem Pseudonym Caspar Jmmerwahr. Nachdem sein Leben jetzt, viel zu früh, abgeschlossen ist, kann nicht mehr bezweifelt werden, daß er sich diesen Namen init gutem Recht beigelegt hatte. s. Berlin, 1. September. Die Jüdische Arbeiterkolonie in Weißensee, die sich im siebenten Jahre ihres Bestehens befindet, hat bis jetzt 2800 dem Wanderbettel verfallene Personen ausgenommen und in einem ihrer verschiedenem Betriebe, als da sind: Möbelpoliererei, Rohrflechterei, Stockfabrikation und dergleichen, beschäftigt. Die Arbeitsräume werden Unternehmern kostenlos zur Verfügung gestellt. Zurzeit ist Gelegenheit zur Einführung eines neuen Betriebes geboten. Auskunft erteilen das Bureau des Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes, Berlins. 35, Steglitzer Straße 85, sowie der Vorsitzende der Kolonie, Herr Fabrikbesitzer und Handelsrichter Moritz Rosenow, Berlin 8., Ritterstraße 87. ff. Posen, 28. August. Unter äußerst reger Beteiligung aller Kreise der jüdischen Bevölkerung feierte am Sonnabend den 15. d. M. das Moritz Scherksche Ehepaar in voller Rüstigkeit und Gesundheit, umgeben von einer zahlreichen Familie, das seltene Fest der goldenen Hochzeit. Herrn Scheck, der seit 53 Jahren in demselben Geschäftslokal, Breitestraße 1, ein Manufakturwarengeschäft betreibt und seit 50 Jahren in demselben Hause wohnt, sind als langjährigem Vorstandsmitglied vieler Vereine mannigfache Ehrungen dargebracht worden, auch hat der Gemeindevorstand es sich nicht nehmen lassen, die Plätze des Jubelpaares zu schmücken und durch den assistierenden Rabbiner Dr. Blum durch eine besondere auf den Tag bezügliche Festpredigt züchten. Vor kurzem feietite ein alter hiesiger :' Bürger Herr'Raphäel Jeesell seinen Ä0. Gebürtstag. Herr Jeesel, ein geborener Posener, erfreut sich noch' heute bester Gesundheit unß liest noch, wie man uns versichert, ohne Brille die Zeitung. Besonders interessant ist es, hierbei festzustellen, daß Herr Jeesel, ein früherer Lehrer, wegen eines Lungenleidens schon vor vielen Jahrzehnten seine Lehrtätigkeit aufgeben mußte;,er wurde dann Kaufmann. Von seiner damaligen Krankheit hat er-sich-vollkommen wieder erholt, so daß er jetzt geistig und körperlich vollständig gesund seinen Lebensabend in stiller Zurückgezogenheit verbringt. Herr Jeesel hat im- Jahre 1845 in Schildberg geheiratet, im Jahre 1895 konnte er mit seiner treuen Lebensgefährtin noch das Fest der goldenen Hochzeit begehen, aüs welchem Anlaß ihm die Ehejubiläumsmedaille verliehen würden Äei dev Gebetverrichtung ittf Aenipel richtete Herr Rabbiner Caro an den Jubilar herzliche Worte und dünkte ihm- Nametts des Vorstandes für' den gespendeten ThotaschMuck. — Durch den Wegs gang des Königlichen Kreisarztes Ätedizinülrat Dr- Mich a elf ö hti von Wreschen nach dem Kreise Meseritz verliert Unsere jüdische Gemeinde ein bedeutsames Mitglieds Herr Dr. Michaelsohn war hier zirka 20 Jahre tätig und bekleidete mehrere Ehrenämter in der Stadt. — Zu Repräsentanten wurden daselbst gewählt,die Herren: Mendel Miodowski, Sali Gersohn,Emil Brückmann, Heimann Kaliski und Heimann Abramczyk.— Der Neubau der Synagoge Hohen salz a schreitet rüstig vorwärts und geht seiner Vollendung entgegen. Gegenwärtig werden, schon die Materialarbeiten im inneren Teile der Synagoge - ausgeführt. In kurzer Zeit werden auch die Synagogenplätze aufgestellt werden. Die feierliche Einweihung des neuen Gotteshauses findet voraussichtlich noch vor den hohenHerbstfeiertagen statt. . . ----- Weimar, 30. August. In unserer Stadt, in der der latente Antisemitismus' in Bürgertum und Beamtenschasv so viele Anhänger hat, sollte man das beherzigen, was die Baronin Jenny von Gustedt in ihren, soeben von Lily Braun herausgegebenen Memoiren (1812—1891) darüber sagt. Sie war eine, natürliche Tochter des Königs Jerüme von Westfalen und kam in früher Kindheit mit ihrer verwitweten Mutter nach Weimar, wo sie als Gespielin der nachmaligen Kaiserin Augusta, als Jugendfreundin des späteren Großherzogs Karl Alexander und der Enkel Goethes, in einer wahrhaft aristokratischen Geistessphäre aufwuchs. Als ein ständiger und gerngesehener Gast im Hause Goethes hatte sie N. ü. auch Gelegenheit, dort den jungen Felix Mettdelssohtt kennen zu lernen und spielen zu hören und berichtet darüber u. a.: „Von Anfang an verbrachte er den größten Teil des Tages im Goetheschen Hause. Er war wirklich Goethes David, denn er verscheuchte jede Wolke von der Jupiterstirn unseres verehrten Dichters. Jedem, der damals Mendelssohn kannte, wird es begreiflich sein, trat er doch mit dem ganzen Zauber der Jugend, der Genialität, der glücklichen Zukunftstraume in unseren Freundeskreis. Es fiel niemandem ein, wie dies heute in anderen Städten der Fall, sein würde, ihn seiner Abstammung wegen mißtrauisch zu betrachten. Der Gedanke wäre im damaligen Weimar unmöglich gewesen, und wird es sein, solange die großen Traditionen nicht zur Fabel geworden sind. (Heute residiert bekanntlich Professor Adolf Bartels^ in diesem selben Weimar! D. Red.) Goethe schätzte die Menschen nach ihrem Wert, Karl August hatte es stets getan. Am herrlichsten befolgte unsere geliebte Großfürstin (Maria Paulowna, die nachmalige Großherzogin und Mutter der ersten Deutschen Kaiserin. D. Red.) diesen Grundsatz, und wir alle hätten uns geschämt, nicht diesen großen 'Vorbildern nachzueifern. So gehörte Rahel, so gehörte Mendelssohn zu unserer anerkannten Aristokratie." lemxi passali! Die diese Erinnerung niederschrieb, hat dann selbst in einem langen, mit standhaft ertragenem Leid, aber auch mit innerer Harmonie reichgesegnetem Leben das hohe Beispiel ~ weitherzigster Menschenliebe bei ernstem, geistigem und sittlichem Streben und einer seltenen Charaktergröße gegeben. Sie beschloß ihre Jahre auf dem Gute eines ihrer Schwiegersöhne hoch-oben im äußersten Winkel von Ostpreußen und hat gegenüber dem zunehmenden Antisemitismus der achtziger Jahre die Juden warm verteidigt. Ihr freiheitlich aufgeklärter Sinn, der aus allen ihren Briefen und Aufzeichnungen spricht, brachte die hochbetagte Frau noch in den eigentümlichen Konflikt, daß sie sich ql.