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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1908-09-04 · Heft 36 (4.9.1908) · page 15

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
72 (1908)
Issue
Heft 36 (4.9.1908)
Date
1908-09-04
Page
– (sequence 15)
Language
German
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72. Jahrgang' NrV 36. Berlin, 4. September 1908. Drtlsge zur „Allgemeinen Leitung deK Judentums". korrrkponven?rn und Mschrichtrn. Deutschland. © Berlin, 1. September. Wie dem Deutschen Bureau der ■ ^Alliance Israelite Universelle“., mitgeteitt wird, fand am 28. August - im Ministerium des Innern eine Konferenz der. beteiligten preußischen Behörden und Vertreter der deutschen Schiffahrtsgesellschaften statt, . die sich mit der Abänderung der Bestimmungen für den Durchzug .. russischer Auswanderer durch Deutschland beschäftigte. Es ist beschlossen worden, eine neue Betriebsordnung für die Aus-. wanderer-Kontrollstationen längs der preußisch-russischen Grenze zu erlassen, die wesentliche Erleichterungen für die. Auswanderer bringt. Unter andern: soll die zwangsweise Abschließung der Auswanderer in den Kontrollstationen wegfallen. Damit werden Härten beseitigt, -- über die die russischen Auswanderer bisher geklagt haben. L2 Berlin, 30. August. Zu. einer erhebenden Feier gestaltete sich die Einweihung des .vom „Hilfsverein für die jüdischen Taubstummen in Deutschland" begründeten Taubstummen- . Alterheims zu Pankow, die heute mittags 12 Uhr unter zahlreicher Beteiligung der Mitglieder und in Gegenwart vieler geladener Gäste stättfand. Unter den letzteren bemerkten wir die Vertreter der Pankower Ortsbehörde (Urban) und Geistlichkeit (Pastor Beyer und Kuratus Teubner), den stellvertretenden Direktor der Königlichen Taubstummenanstalt zu Berlin (Schiller), die Vertreter der Jüdischen Gemeinde (Geheimrat Geiger und Emil Pinkus), des Rabbinats (Prof. Dr. Maybaum) und der Adass Jisroel (Dr. Hirsch Hildesheimer) sowie der Synagogenvereine (Rabbiner Dr. Petuchowski). Die jüdischen Frauenvereine hatten Frau Dr. Eschelbacher und Frau Schwarz, endlich, der Verein „Jedide Ilmim" seinen Vorsitzenden, Geheimrat Boas, entsandt. Mitglieder des Vorstandes des oben genannten Vereins (Justizrat Louis Cohn, Oberlehrer Dr. Wölbe, Jlia Ber und William Neumann) geleiteten die Gäste in den Festsaal, den der Inspektor des Altersheims, Lehrer Metz, festlich hatte schmücken lassen. Nach einem Harmonium-Präludium sang der Chor der Synagoge Lindenstraße unter Leitung des Dirigenten Prof. William Wolfs „Wie schön sind Deine Zelte". Dann begrüßte der verdienstvolle Vorsitzende des Vereins, Theodor Löwenberg, die Versammlung und bat den Mitbegründer des Vereins, Rabbiner Dr. Eschelbacher, nunmehr die Weihe zu vollziehen. Der beliebte Prediger tat dies in. herzergreifenden Worten; viele der Anwesenden weinten. Ein Taubstummer (Rosenfeld) dankte hierauf im Namen seiner Schicksalsgenossen dem Verein und dem Vorstande; die Art seiner Rede zeugte von der hochentwickelten Technik des modernen Taubstummenunterrichts. Zum Schluß sang der Chor Lewandowskis Weihegesang „Sei geweiht, du traute Stätte". An die Feier schloß sich ein Rundgang durch die freundlichen Anstaltsräume. k. Berlin, 30. August. Bei den kleinen Landgemeinden, für die das Judentum als Religion vielfach noch eine unbekannte Größe ist, und bei' denen leider der Händler-Jude für die kompakte Masse der Landbewohner, noch nicht viel anders als im Mittelalter, oft ein Gegenstand des Spotts und Hohnes ist, hat das neue Schulaufsichtsgesetz doch einige, eine kleine Besserung anbahnende Wirkungen gehabt. So ist zum Beispiel im Landkreise Niederbarnim zum erstenmal jetzt ein Rabbiner Mitglied einer ländlichen Schuldeputation geworden. In Pankow hat sich am 22. August die Schuldeputation wie folgt unter Vorsitz des Stadtrats a. D. Stawitz konstituiert: Es gehören zu der anstelle der früheren Schulkouimissson'gehörenden Deputation: Der Bürgermeister, zwei Schöffen, der evangelische Pastor Beier, der katholische Kuratus Teubner, der Rabbiner Dr. Warschauer, ferner drei Gemeindeverordnete, ein Rektor, ein Lehrer und eine Lehrerin. Als Vertreter der Regierung fungiert bei dieser neuen Behörde der Kreisschulinspektor. s. Berlin, 30. August. Daß ein Jude zu evangelischer Kirchensteuer herangezogen wird, ist gewiß sehr merkwürdig. Ein hiesiges Blatt erhält darüber folgende Zuschrift: „Ich bin von Geburt Jude, lebe seit 14 Jahren in Berlin und zahle regelmäßig meine Steuern - an die jüdische Gemeinde zu Berlin. Nichtsdestoweniger bekam ich am 25. Februar 1908 eine Veranlagung zur Kirchen- Nachsteuer für die Zeit vom 1. November 1905 bis 31. März 1907 im Betrage von 144 Mark 92 Pfennig zugeschickt, und zwar vom geschäftsführenden Ausschuß der Berliner Stadtsynode. Auch ich hielt diese Veranlagung für einen Irrtum, der sich von selbst aufklären würde, und reagierte darauf nicht weiter. Darauf erhielt ich von demselben Ausschuß am 15. April 4908 eine zweite Aufforderung „zur Vermeidung zwangsweiser Beitreibung durch die Vollstreckungs. behörde" binnen acht Tagen obigen Betrag zu zahlen. Nun antwortete ich umgehend, daß ich Jude, sei und mich nicht, für verpflichtet halte, Kirchensteuern zu zahlen, daß auf seiten der Stadtsynode ein Irrtum vorliegen müsse. Am 13. Juni bekam ich darauf von der. Stadtsynode die Mitteilung, daß sie meinen „Einspruch" als verspätet zurückweise und mich auffordere, innerhalb acht Tagen zu zahlen. Sollte ich mich durch den Bescheid beschwert fühlen, so stehe mir der Rekurs bei dem Konsistorium zu. Ich zahlte darauf „unter Vorbehalt' der Rückforderung" und wandte mich am 6. Juli unter Darlegung der Verhältnisse an das Konsistorium, von dem ich bis heute noch keine Antwort erhalten habe. Selbstverständlich werde ich nötigenfalls mich auch an den Minister wenden. Die Tatsache steht vorläufig fest, daß der geschäftssührende Ausschuß der Berliner Stadtsynode sich für berechtigt hält, von einem Juden Kirchensteuer zu.erheben, weil der Einspruch gegen die Heranziehung zur Kirchensteuer verspätet eingegangen ist, obwohl diese Heranziehung doch ein Irrtum der Stadtsynode war und obwohl ich der Kompetenz der Synode nicht unterstehe." — Daß das Kuratorium so lange mit der Antwort auf sich warten läßt, setzt dem ganzen Vorgang die Krone auf. 6. Berlin, 30. August. Am 24. d. M. wurde' auf dem Friedhofe zu Schönhausen der Justizrat und Notar Ferdinand Cohn aus Glogau bestattet. Er gehörte zu denjenigen Juristen, dessen Name in seinem Bezirk in die Wagschale fiel. Ausgestattet mit hervorragenden Geistesgaben erfüllte ihn auch ein selten edles Herz. Geboren wurde Ferdinand Cohn in' Rawitsch als Sohn des verewigten Rektor Cohn, dessen Name als vortrefflicher Pädagoge weit über die heimatlichen Grenzen bekannt war. Nach Absolvierung seiner juristischen Studien in Berlin arbeitete er als Gerichtsassessor in Preußen. Pommern usw. Er ließ sich dann als Rechtsanwalt und Notar in Steinau a. O. nieder. Nach einiger Zeit übersiedelte er nach Glogau, woselbst er durch mehrere Dezennien lang als Rechtsanwalt und Notar segensreich wirkte. Der Heimgegangene erfreute sich einer großen Klientel, zu der der Oberpräsident von Schlesien, der Herzog Christian von Schleswig-Holstein, Schwager unseres Kaisers, und andere hochgestellte Persönlichkeiten gehörten. Trotzdem war er auch im wahren Sinne des Wortes ein Anwalt der Armen und Bedrängten, - dessen Haus diesen immer offen stand. An der Seite einer geistvollen und an allen Fragen Anteil nehmenden Gattin, die an der Spitze der Frauenbewegung dort steht, war sein Haus ein Mittelpunkt der guten Gesellschaft. Aber auch als Stadtverordneter hat Ferdinand Cohn nicht umsonst für die Interessen seiner Mitbürger gekämpft und gestritten, und seine freiheitlichen Ideen fanden Anregung und Nachahmung. Ein schwerer Jnfluenzasall warf ihn auf das Krankenbett, sein Zustand brachte ihn nach Berlin und nach zirka 10 Monaten des Krankheiisverlaufes endete einige Tage nach seinem 60. Geburtstage sein tatenreiches Leben. Rabbiner Dr. Lucas aus Glogau gab in sormvollendeter und geistvoller Weife ein Bild von dem Mann, den eine ganze Stadt ohne Unterschied tief betrauert. Er verstand es, so führte der Redner aus, durch den Zauber seiner Persönlichkeit, durch

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