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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1908-09-04 · Heft 36 (4.9.1908) · p. Seite 432

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
72 (1908)
Issue
Heft 36 (4.9.1908)
Date
1908-09-04
Page
Seite 432 (sequence 14)
Language
German
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nicht, wenn auch das durch den Pilpul in den Talmud hineingedeutet würde. Die Luft ist ja. den Juden des Ostens ein vertrautes Element, von dem sie seitjeher leben. Die Juden sind im Laufe der Geschichte schon oft von einem Lande zum andern durch die Luft geflogen, nur hieß das Luftschiff, das sie getragen, nicht „Zeppeline", sondern „Judenschicksal", und es war nicht lenkbar, sondern stets ein Spielball, der Laune des Geschicks und den Elementen preisgegeben. Ich gestehe, mit sind die urwüchsigen Juden des Ostens nicht nur interessant, sondern auch sehr sympathisch. Sie sind noch ungelöste Rätsel, ungehemmte Ströme voll originellen Lebens. Diese Juden des Ostens fürchten sich nicht, erkannt zu werden, sie sind stolz auf ihre Golustracht. Sie sind weltfremd und tragen daher ihre Welt in sichl Oder richtiger: sie übersetzen die ganze Welt ins Jüdische. Ihnen mangelt die Heimat, und so tragen sie ihre Heimat mit sich, wohin sie kommen. Eine düstere, aber in sich geschlossene, harmonische innere Heimat. Ein Salzhering, ein Glas Tee und eine talmudische Unterhaltung — und die Leute haben alles, was sie brauchen. Auch ihre Sprache, der Jargon, berührt nur den halbgebildeten Modejudew unangenehm. Der Jargon ist sarkastisch, voll kräftiger, Prächtiger Bilder und ungemein kurz und drastisch. Er ist mindestens so schön wie Plattdeutsch, und er hat eine Noch junge, aber herrliche Literatur. Lächerlich werden erst die Leute, wenn sie sich „verstellen" und deutsch sprechen wollen — dann erst fangen sie an, abscheulich zu mauscheln. Weniger sympathisch berührten mich die modern gefirnißten jungen Leute aus Galizien und Ungarn. Sie haben meistens nur die Schattenseiten des modernen Lebens angenommen, und sie tragen, wie alles Unfertige, etwas Unharmonisches an sich/ etwas, das einen nervös machen kann. Am unerträglichsten aber waren mir die grell ausgeputzten ungarischen Frauen. Ganze Juwelenläden tragen sie mit sich, um zu zeigen, wieviel sie wert sind. Am besten wäre es, sie trügen gleich den Preis ihrer Kostbarkeiten mit sich. Das ungebildete Protzenturn ist wie der Moschusgeruch: es ist erträglich aus der Ferne und sehr verdünnt, in konzertierter Gestalt ist es schrecklich. Sie kennen doch den Maßstab des Jeschibah-Bachurs für Reichtum und Größe? Ein gewöhnlicher Sterblicher wechselt das Hemd einmal wöchentlich, ein wohlhabender Mann zweimal, ein Baron oder Graf alle Tage, beim Kaiser aber stehen beständig zwei Leibdiener, der eine zieht ihm das Hemd an, und der andere zieht es wieder aus. Ich glaube, diese Frauen machen es auch wie der Kaiser und sind wenigstens darin königlich. Ich weiß wirklich nicht, wo sie die Zeit hernehmen, viermal täglich die Garderobe zu wechseln. Freilich Zeit? Sie sind über den . Begriff Zeit erhaben — über Raum leider nicht, denn sie sind meistens von einer geradezu modewidrigen Korpulenz. Es scheint, daß der Jugendstil in Ungarn noch nicht verbreitet ist. In einer kühlen Ecke am Gradierwerk sah ich eine ältere russische Frau sitzen mit dem Thillim in der Hand. Unwillkürlich mußte ich diese altmodische tapfere Frau mit den Modejournal-Damen in der Nähe vergleichen. Würden Sie den Mut finden, auch nur einen Band Kompert mit sich zu tragen? Und dabei ist ja Kompert seit drei Jahren Klassiker von Max Hess es Gnaden! Luxus und vertieftes Judentum schließen einander aus wie — Antisemitismus und Vernunft. Wenn man immer nur scheinen will, dann gibt es kein Licht nach innen. Ein Scheinwerfer leuchtet nur nach außen. Der Luxus unserer hypermodernen Damen wirkt nicht nur unästhetisch, sondern ist auch der Gegensatz von Behaglichkeit. Er kitzelt nicht die Sinnlichkeit, sondern die Lachmuskeln. Ein unsinniger Luxus in der Sommerfrische ist doppelt Unnatur, H weil-er ein Hohn auf'die grandiose Natur-umher ist. flüchtete man sich aus dem nervösen Tumult der Großstadt in. die stille Sommerfrische, heute wird der vernünftige Mensch bald ansangen, sich aus dem Bade in die Stadt-zu flüchten. ■ Ich wenigstens flüchte mich schon heute in die Großstadt zurück, wo es sich so schön einsam'leben läßt? Die Einsamkeit ist ja das Schicksal der Judenheit von jeher gewesen. Welch bittere Ironie: Dieses wie kaum ein anderes für die Geselligkeit geborene Volkselement ist zur Einsamkeit verdammt! Die Einsamkeit ist-seine innere Tragik, sie Lastet bleischwer auf seiner Seele. Je mehr der Jude aus einem engen Milieu in die große Welt tritt, desto intensiver empfindet er die Einsamkeit. Sie sehen, verehrter Herr Kollege, ich bin schon heute in der richtigen Elul-Stimmung und — der beste Teil der Buße ist Schweigen. Bad Reichenhall, 19. August. - Fabius Schach. Literarische Mitteilungen. — Der berühmte französische klassische Philologe Henry Weil feierte am 25. d. M. in Paris seinen 90. Geburtstag, frisch an Geist und für sein hohes Alter körperlich noch ziemlich rüstig, wenn auch sein Augenlicht fast erloschen ist und Schwerhörigkeit den Verkehr mit ihm erschwert. Wenn man ihm eine Frage aus der griechischen Philologie vorlegt — wir zitieren einen Brief Salomon Reinächs über den Nestor der klassischen Philologie; — „le vieux. lion se reveille et montre qru’il a conservö toute sa merveilleuse .et lücide intelligence“. — Henry Weil ist am 26. August 1818 in Frankfurt a. M. geboren als Sohn des jüdischen Gelehrten Dr. Jakob Weil, der in den Jahren 1816 bis 184s in Frankfurt a. M. einem Erziehungsinstitut für israelitische Knaben Vorstand und ein Vorkämpfer für die Emanzipation unserer Glaubensgenossen war, dabei ein freiheitlich gesinnter deutscher Patriot, der für die ihm am Herzen liegenden Emanzipations- und Politischen und staatsrechtlichen Fragen in Wort und Schrift kämpfte. Heinrich Weil erhielt seine erste Erziehung in Frankfurt a. M., er studierte an den'Universitäten Heidelberg, Bonn, Berlin, Leipzig und scheint auch eine Zeitlang in dem Institut seines Vaters unterrichtet, zu haben. Denn in der von . Frankfurt a. M. 1842 datierten Vorrede zu seinem einzigen deutschen Buche, einer trefflich ausgewählten Zusammenstellung von Uebersetzungen griechischer und römischer Klassiker („Das klassische Altertum für Deutschlands Jugend") spricht er von seiner Beteiligung an einem Erziehungsinstitut in Frankfurt a. M.. 1845 aber finden wir den jungen Deutschen in Paris, wo er seine Studien vollendete und dann die französische Nationalität annahm, wegen der Schwierigkeit, seine Wissenschaft in Deutschland als Jude damals öffentlich zu lehren, Henry Weil wurde später Professor an der Universität Besan^on, an deren humanistischer Fakultät er 1873 Doyen wurde, 1876 kam er nach Paris, wo er bis zu seiner freiwilligen Pensionierung 189! eine der hervorragendsten Stellen an der Ecole pratique des Hautes Etudes einnahm. Lange schon ist er ordentliches Mitglied der Acadömie des Inscriptions, die auch den 90. Geburtstag ihres ehrwürdigen Mitgliedes durch einen Festakt feiert. An seinem 80. Geburtstag hatte man dem hervorragenden Gelehrten durch einen Sammelband, die „Melanges Henri Weil“, gehuldigt, zu denen von Deutschen Fr. Blaß, Otto Crusius, Hermann Diels, U. v. Wilamowitz-Möllendorf, Th. Gompertz interessante Beiträge beigesteuert hatten. Die Publikationstätigkeit Henry Weils ist eine große editorische: Aeschylos, Demosthenes, Euripides sind in Gesamtausgaben, Dionhsios von Halikarnaß und Plutarch in Einzelteilen tti seinen Ausgaben vertreten. So ist es ein reiches Leben, auf das der berühmte Lehrer und Gelehrte Henry Weil an seinem 90. Geburtstage zurücksehen durfte, einem Tage, der, wie wir hoffen und wünschen, eine weitere Reihe von geistessrischen und körperlich behaglichen Lebensjahren ihm eröffnen möge. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin. «■;

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