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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1908-09-04 · Heft 36 (4.9.1908) · p. Seite 431

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
72 (1908)
Issue
Heft 36 (4.9.1908)
Date
1908-09-04
Page
Seite 431 (sequence 13)
Language
German
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: Frei und froh und laut geredig. Dochnicht protzenhast geziert. Im Auftreten distinguirt, . ^)ie Gewandung elegant. . In dem feinsten Restaurant, Ei, wen findest Du da? mich! Schließ' die feuerfeste Kasse Auf! Wer ist darin? Ich, ich! Gläubiger Hab' ich in Masse, Mehr Kredit noch - findest mich In den sashionablen Bädern; Ich kutschier' auf Gummirädern. Sport und Rennen, wo gescheiter Oft das Roß ist als der Reiter, Kennen mich; im Jockeiklub, Wo nach Schätzen keiner grub, Beim Ballett bin heimisch.ich. Im Kongreß der Potentaten, Wo Volksboten auch beraten, Fehl', dem Geiste nach, ich nie — Nur Mephisto, frag' nicht, wie. Selbst die sogenannten Reichen Zittern bang vor meinen Streichen. An der Börse und in Banken, Ob Papiere stiegen, sanken, Freundchen, nimmer wund're Dich, Da bin ich und wieder ich. And're sammeln, ich erwart' es . Und verzehre ihr Erspartes. Ob im Fracke, ob in Blusen, Trag' ich gleichen Sinn im Busen. Auch aus Marxens und Lassalles; Werken deutlich spricht der Dalles. Früher, stille „Kompagnon", Tauschen wir die Rollen schon: Ich bin Du und Du bist ich, Du vertrittst mich und ich Dich. Wirst Du auch bald überflüssig, Satan ist darum nicht müßig, Wird schon seine Rechnung finden, Ungeheuer wachsen Sünden. Nicht Verführung herrscht, nicht Geld, Dalles, ich — regier' die Welt." Nrichenhsller Klauberei. ie jüdischen Probleme sind unmodern geworden, — am unmodernsten unter uns Juden selber. Die einen sehen keine Probleme, die andern haben sie bereits „spielend gelöst". Und doch gibt es für den Psychologen kein anziehenderes und interessanteres Problem, als die Juden verschiedener Länder und verschiedener Kulturen nebeneinander zu studieren und miteinander zu vergleichen. Es ist, als wenn man dasselbe Buch in verschiedenen Sprachen, verschiedenen Ausgaben und Ausstattungen vor sich hätte. Wir sehen in den Juden des Ostens das Urbild unserer Väter in den vorigen Jahrhunderten.. Ob sie in uns das Bild ihrer Nachkommen sehen und sehen wollen, das ist fraglich. Als ich Kind war, las ich mit Entzücken die Schilderungen des jüdischen Weltreisenden Benjamin, und seine Kühnheit beschäftigte meine Phantasie Jahre hindurch. Ich schwärmte für ihn und sehnte mich, ein Benjamin der Vierte zu werden und Länder und Meere zu durchkreuzen, um sie auf ihren jüdischen Gehalt zu analysieren und die roten und schwarzen, die kleinen und riesigen Juden kennen zu lernen. Heute weiß ich, daß man die weißen, roten, schwarzen, halben und kleinen Juden in jeder Gemeinde findet, — nur die Riesen sind sehr rar geworden. Wie in allen, so hat auch darin die Schere, der Zeit, die viel schlimmer noch als die Redaktionsschere wütet, die Flügel meiner Phantasie arg beschnitten. In den letzten Jahren ging meine Sehnsucht nur noch dahin, während der Hochsaison in Karlsbad zu sein und dort die Juden aller Länder zu studieren. So ohne Leiden nach Karlsbad zu gehen und dort den Judenschmerz in all den verschiedenen Gestalten zu studieren, — das muß sehr interessant sein. Aber auch dieser Wunsch ist mir bis heute noch unerfüllt geblieben, und ich muß mich vorläufig mit Reichenhall begnügen. Das jüdische Mvsaikbild in Reichenhall ist gewiß nicht so bunt 'und so farbenreich wie das in Karlsbad; wenn man sich aber am Sederabend mit einem angebrannten Knochen an Stelle des ehemaligen Opferlammes begnügen muß, warum nicht mit Reichenhall an Stelle Karlsbads? Jüdische „Idyllen" gibt es trotzdem auch in Reichenhall genug, und ein Spaziergang durch den Kurgarten gleicht einer Wanderung durch viele Ghetti, alten und modernen Stils. Das osteuropäische urwüchsige Judentum ist da, äußerlich wenigstens, nur durch die Juden Galiziens vertreten. Die russischen Juden sind meistens ängstlich bemüht, die neuesten Kleider zu tragen, um kein Aufsehen zu erregen. Der romantische Kaftan wird also nur noch durch die Galizianer Kurgäste repräsentiert. Es gibt Leute, die eine Scheu vor diesem Kaftan haben. Die chinesische Tracht findet man originell, den Beduinen in seinem weißen Mantel romantisch, aber der Kaftan ist eben jüdisch und daher unausstehlich. Würde man die Kaftanträger für indische Brahmanen oder persische Priester ausgeben, ich bin überzeugt, sie würden die Bewunderung der Menge Hervorrufen. Mich schreckt der Kaftan nicht, vielleicht weil ich ihn in der Jugend so genau kannte. Gewiß, für den jungen Mann wirkt er zu düster und entstellend, aber zum richtigen Schulchan-Aruch-Juden paßt er. Ich kann mir so einen richtigen greisen Rabbi ohne Kaftan ebensowenig vorstellen, wie einen Propheten ohne langen Bart. Man sieht wundervolle Gestalten und ungemein charakteristische Kopse unter diesen Kaftanleuten. Meistens ist es das schwere Geschütz der jüdischen Theologie, — wandernde Talmudtraktate. Ihre Lieblingsbeschäftigung, den talrnudischen Pilpul, nehmen sie auch nach Reichenhall mit, und es ist ein ergötzlicher Anblick, sie bei den Klängen eines Wiener Walzers über irgendein halachisches Problem diskutieren zu hören. Ich hörte mir zunächst diesen seltsamen Text zur Kur- Musik als indiskreter Horcher an. Als aber einer von seinem Charisus ganz hingerissen war, rief ich aus dem Hintergrund: „Das hat ja bereits der Schaagas-Arje gesagt". Der Schreck dieser Leute war köstlich. Einen Mann mit blonder Mähne und rasiertem Bart von Schaagas-Arje sprechen zu hören, das war ihnen so, als wenn es von den herrlichen Bergen umher Hebräisch donnern würde. Sie freuten sich aber doch darüber und befreundeten sich bald mit nur. Es ist doch merkwürdig, daß ich mit den russischen und galizischen Rabbinern stets besser fertig geworden bin, als mit der deutschen Orthodoxie. Das kommt wohl daher, daß die Talmud-Juden des Ostens eine ununterbrochene alte jüdische Tradition haben und in jedem Juden zuerst den Juden sehen, während die deutsche Orthodoxie ihre ganze Tradition von Samson Raphael Hirsch ableitet und eine geschlossene Sekte bildet. Diese Leute können aber auch leidenschaftlich politisieren und philosophieren. In den letzten Tagen stand die Lustballonfrage auf der Tagesordnung, und diese Leute debattierten eifrig darüber, ob diese Erfindung sich schon im Talmud befindet und in welcher Form. Denn — das ist ja klar, daß im Talmud „alles stehen muß", deutlich klar oder mystisch angedeutet. Leider mußte ich zu früh abreisen, bevor die Leute über dieses Problem einig waren. Schade, es wäre doch wundervoll, wenn ich dem Grafen Zeppelin hätte depeschißren können, daß er bereits in Rabbi Jehuda oder Rabbi Tarphon einen Vorgänger hatte. Wundern soll es mich

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