Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 36 (4.9.1908)
- Date
- 1908-09-04
- Page
- Seite 429 (sequence 11)
- Language
- German
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verbannt, für ihre Religion, für die Sache des Judentums? Run, je-mehr Ihr Euch emanzipiert, desto mehr zerstört ihr die Religion, auf die allein Ihr Eure Hoffnung setzt. Denn das Judentum steht nnd fallt mit der Heiligung des Sabbats. Im modernen Leben und unter modernen Verhältnissen muß die überwältigende Mehrheit der Juden am Sabbat arbeiten. Und wie ihr den Sabbat nicht verlegen könnt (denn der Versuch es zu tun, hat sich als verfehlt herausgestellt), so wenig könnt ihr ihn halten. Wenn deshalb dreist alle Juden morgen emanzipiert werden,-wenn der Antisemitismus wunderbarerweise verschwunden wäre, selbst' dann müßte das Judentum, langsam aber sicher, verwittern Und absterben. Dies nun ist die letzte Schwierigkeit, die das liberale Judentum zu überwinden hat. Und ich sage aufrichtig, daß es nicht eine Klippe ist, um die man leicht und elegant mit einigen Argumenten herumsteuert. Rur unbezwingbar starker Glaube an Gott, an unsere Religion, an das Güte in der Natur des Menschen kann uns befähigen, ihrer Herr zu werden. Ihre Wirkungen aber auf das liberale Judentum müssen kurz erwähnt und erörtert werden. Um mit der nationalen Bewegung zu beginnen, so hat sie in all ihren Formen die Tendenz gezeigt, die Gemüter, in der Tat wie im Denken, von religiöser Beschäftigung abzuziehen. Sie sagen, die Situation sei zu ernst, um es zuzulaffen, daß man feine Zeit mit der Erörterung der Einzelheiten des mosaischen Ursprungs des Pentateuch, oder des Ritus in der Synagoge, oder des Scheidungsgesetzes verliere. Das Leben „unseres" Volkes — womit sie nicht das englische, sondern das jüdische meinen — ist gefährdet, und wir dürfen uns den Kopf nicht mit Theorien und Zweifeln belasten. Sie müssen warten, oder nebenbei gelöst werden, da sie ja als religiöse Schwierigkeiten zurückstehen müssen. Und dann hat — .in anderer Weise — das nationalistische Gefühl viele liberale Juden beeinflußt. Es hat einen frischen Gegenstrom hervorgerufen, denn unter den warmen Verteidigern wie unter den größten Gegnern der nationalen Bewegung — oder sagen wir Bewegungen — gibt es, ebenso wie . e§ viele Orthodoxe gibt, auch einige Liberale. Manche sagen, daß die nationale Bewegung Seite an Seite mit der liberalen auskommen kann. Die jüdische Nation ist eine Erscheinung, die jüdische Religion ist eine andere, ganz getrennte. Es kann sehr wohl eine jüdische Religion als universale, wenn man will, geben, die Angehörige vieler Nationen annehmen können. Die Männer jüdischer Nation brauchen nicht durchaus alle Mitglieder ein und desselben Typus der jüdischen Religion oder der jüdischen Religion überhaupt zu sein. Die Tage der Einheitlichkeit und Untrennbarkeit von Nation und Religion sind vorbei. Es kann sehr wohl Juden dem Glauben nach geben', die es nicht der Nationalität nach sind, und solche hinsichtlich der Nationalität, die nicht Juden dem Glauben nach sind. Dieses Argument setzt wohl den Geist in Nahrung, aber es versetzt uns gleichzeitig in eine entfernte und noch zu unwirkliche Zukunft. Andere nationale Liberale dagegen, soweit sie sich überhaupt noch für Religion und das liberale Judentum interessieren, neigen dazu, die alten universalen Auffassungen zu revidieren. Sie meinen, man müsse zunächst erst an die Gegenwart und dann erst an die weitere Zukunft denken. Das Judentum ist, und es scheint nach allem, als ob es lange so bleiben sollte, ausschließlich die Religion der Juden. Darum solle man sich vorsehen, so sagen sie, wenn ihr es durchaus zur Universalreligion machen wollt, daß ihr bei diesem Vorgänge es nicht zerstört und es. so für die Juden selbst der Anziehungskraft beraubt, daß es an Kraftlosigkeit zugrunde geht. Viele derjenigen Sitten und Zeremonien, denen wir nicht länger anhangen, oder die wir nicht länger feiern können, wenn wir sie als Ausdruck göttlichen Willens ansehen, wollen und können wir als nationalem Ursprung entstammend halten, als entstammend nationaler Idee. Es . gibt keinen Grund, aus dem man nicht' ein Fest wie das, welches die heldenmütige Aufopferung der Makkabäer feiert, mit anderen Worten ein nationales Freiheitsfest, nicht auch mit religiösen Gedanken , sollte ausstatten können, zumal es doch unter den Festen, die auch der absoluteste Liberale anerkennt, solche gibt, die — wie das Passahfest — zugegebenermaßen sowohl nationalen wie religiösen Charakter tragen. Gerade das sei ein ausgesprochen jüdisches Fest zu nennen, das zu universalen Dogmen einen unbestritten nationalen Anstrich fügt und von einem vorbildlich nationalen Ritus getragen wird. Es bezeichnet doch das Verhältnis am meisten daß Religion und Nationalität einander zu befruchten geschaffen sind, der Art, daß die Religion den Nationalismus dahin beeinflußt, daß kein falsches, chauvinistisches und sremdenfeindliches Nationalgefühl überhaupt im Bereich der Möglichkeit bleibt und der Nationalismus seinerseits wieder die Gefühle für die Religion vertieft und beseelt. Warum, argumentieren sie, soll dieses einzigartige Verhältnis nicht genutzt werden? Warum will man es gar zerstören, um ein Gemisch von Milch und Waffer zu schaffen, ein Gebilde, das nicht Fleisch ist noch Fisch, einen charakter- und farblosen, kalten jüdischen Unitarismus? Inwieweit der Liberalismus in Zukunft diesen Argumenten sich verschließen wird, kann heute nicht gesagt werden. Noch auch soll ihr Wert oder Unwert untersucht seim Diejenigen Nationalisten, die im allgemeinen fest bleiben, was die Religion, und zwar speziell die liberale Religionsauffaffung und das liberale Judentum betrifft, sind unsere Freunde; ihnen — wie den Antinationalisten — ist der Liberalismus im Judentum wert und teuer. Diese, ingleichen jene, bekennen sich offen, seine Verteidiger, seine Vorkämpfer zu.sein. Laßt jeden für sich auf seinem Wege arbeiten. Weit gefährlicher sind die, die der Antisemitismus und der Nationalismus,' jeder in seiner Art, verblendet und entwicklungsfeindlich gemacht haben, und die mehr Wert zu legen scheinen auf die Riten, die. uns trennen, als aus die großen, einigenden Wahrheiten der Propheten. Weit gefährlicher sind die, die da zu beruhigen und zu vermitteln trachten, die den schlafenden Löwen nicht wecken wollen, die das Alte nur als Reliquie auffaffen, nicht an ihm rühren wollen und falschgefühlte Poesie und romantische Empfindung, alte und veraltete Auffassungen und Einrichtungen verklären wollen. Noch gefährlicher (es sind die Schlimmsten von allen) sind die, die da predigen: „Glaubt was ihr wollt, aber haltet deffenungeachtet die Ritualvorschriften" obgleich sie einer wie der andere keine eigene Meinung haben. Oder die da sagen, tue was da jeder will, aber redet nicht darüber; in der wildbewegten Gegenwart gebt euch den Anstrich des Friedens, laßt das althergebrachte und offizielle Judentum weiterleben, ohne Nebenbuhler, ohne Kritiker — — — und die dabei nicht beachten, wie die Gemüter immer mehr erstarren, immer mehr dem Judentum entfremdet werden, der Religion und Gott. Dieses Kleben an der Oberfläche, diese Unklarheit im Denken, diese ungesunde Stagnation, dieser faule Friede, keins dieser Kampfmittel dient der Sache der liberalen Religion, des liberalen Judentums. Aber glauben Sie nun nicht etwa, daß mein Glaube an die Zukunft unserer Religion erkaltet fei.