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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1908-09-04 · Heft 36 (4.9.1908) · p. Seite 428

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
72 (1908)
Issue
Heft 36 (4.9.1908)
Date
1908-09-04
Page
Seite 428 (sequence 10)
Language
German
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Verhandlungen in Portsmouth den Anstoß gab, gezeigt, wie sehr ihm und dem amerikanischen Volke die Sache des Friedens und der Zivilisation am Herzen liegt. Aber zunächst werden doch die Staaten, darunter in erster Linie Deutschland und Nordamerika, ihre Flotten ausbauen wollen. Ich glaube also auch nicht an die nahe Verwirklichung eines Übereinkommens zwischen England und Deutschland betreffs Beschränkung des Ftottenbaues. Aber immerhin ist doch der Friedensgedanke stark in der Welt und insbesonderein Amerikas Einiges Verdienst daran haben doch auch die Friedensgesellschaften. Sie gießen etwas Oel auf die brandenden Wogen — und gute Menschen hören auch auf sie ein wenig. Hoffentlich bleibt uns der Friede erhalten. Er wird ungleich mehr als der Krieg beitragen können, allerwärts Handel, Industrie, Reichtum zu fördern und zu vergrößern." Liberales Judentum. Ein Vortrag von Claude G. Montefiore. V. - enau so wie wir das liberale Judentum als Ergebnis aus dem Streben nach Licht und aus der Einwirkung der äußeren Umgebung betrachten, ebenso ist das Hemmnis, von dem ich jetzt zu sprechen habe, zum Teil oder sogar hauptsächlich ein Produkt aus der Dunkelheit und demselben Milieu. Wir ließen schon an unfern Augen vorbeiziehen, wie im letzten Jahrhundert, zwischen 1830 und 1870, die Hoffnungen der europäischen Juden wuchsen. Das Zeitalter der Vorurteile und des Rassenhasses war entschwunden. In Rußland selbst, wo die große Mehrheit der Juden noch wohnt, waren die Erwartungen begründete. Auch dort schien bis zur Ermordung Alexander II., als ob die Morgendämmerung einer .neuen Aera heraufleuchten wollte, der neuen Aera, in der die russischen Juden, die generationenlang in Rußland gewohnt haben, . russische Bürger de facto und allen Rechtens, wie sie es gewünscht hatten, werden sollten. Aber grausam wurden unsere Hoffnungen getäuscht. Seit 1881 wurde die Lage der russischen Juden unaufhaltsam schlimmer. Mißachtung folgte auf Mißachtung, Unterdrückung auf Unterdrückung. Pogrom auf Pogrom. Aber noch mehr geschah, was in mancher Hinsicht schlimmer ist als die Scheußlichkeiten eines osteuropäischen Despotismus, wie des russischen. Es wuchs in Westeuropa das dunkle Gespenst des Antisemitismus auf. Ein herber Nationalismus trat in die Erscheinung, bitterer und irdischer als jener edle, der die Einigung eines Italien herbeigeführt hatte. Deutschland soll bestimmt sein nicht nur für die Deutschen, sondern für die germanischen Deutschen. Man leugnete die Möglichkeit, daß Menschen, in deren Adern fremdes Blut fließt, die anderen Bekenntnisses wären als des Christentums, germanische Anschauungen im Denken, Fühlen, in Kultur und Idealen besitzen könnten. Aus jeden Fall aber, ob diese Ansicht richtig war oder nicht, sollten sie verfemt, ausgeschlossen, degradiert sein. Kein Jude sollte Offizier sein dürfen, keiner auch Zivil-, beamter, kaum daß ein Jude Professor werd.en durfte. Die gute Gesellschaft sollte keine Juden bei sich aufnehmen dürfen; wenn dieses , verhaßte Geschlecht überhaupt nur in Deutschland leben sollte, dann sollten sie für sich leben, verachtet, verhaßt, verabscheut. Das ist das Alpha und Omega des deutschen .und österreichischen Antisemitismus, der — ach — Verbreitung ^gefunden,' in .der oder -jener Form, wert über>die Grenzen Deutschlands hinaus. Selbst die große Republik. des - Westens hat seines Geistes Mehltau verspürt. Auch in ihr Gebiet hat der Antisemitismus seinen Einzug gehalten, undsie. haben Klubs, in denen keine Juden Zutritt haben. Schulen die keine jüdischen Kinder ausnehmen, Hotels, .in denen kein Jude auch nur eine Nacht verbringen darf. Ich kann auf die Ursachen des Antisemitismus hier nicht eingehen oder untersuchen, ob es vollständig der .Fehler der sogenannten Christen ist, oder ob nicht auch die Juden ihr; Päckchen beigesteuert haben: Ich stelle die Tatsachen einfach: fest, um ihre Ergebnisse zu verzeichnen. Denn.der Antisemitismus hat im Judentum neue Parteien und Parteiungen hervorgebracht. Oder, wie man vielleicht besser sagt, daß der neue und engherzige Nationalismus in Verbindung mit dem Antisemitismus diese Wirkungen geäußert haben. Bietet doch — wie ich oben bereits erwähnte — die kleine jüdische Welt ein oftmals getreues Spiegelbild der äußeren großen Welt dar. Das will auch das Sprichwort besagen: „Jedes Land hat die Juden, die es verdient" — oder wie es in Deutschland lautet: „Wie es christelt, so jüdelt es". Die Wellen, die das Leben der größeren Welt durchwogen und bewegen, werden genausogut in der kleineren gefühlt. Unbewußt werden sie nachgeahmt. Der stolze Nationalismus der Deutschen, Tschechen, Iren und Magyaren oder der Russen hat einen — meiner Meinung nach — rückschrittlichen Nationalismus unter den Juden wenn nicht erweckt, so doch wiederbelebt. Rückschrittlich, weil er sich bestrebt, die Vereinheitlichung aller Tendenzen nach religiöser Seite hin zu bekämpfen, Zurückzusetzen. Auch die Juden wiegten sich in dem Traume, eine Nation zu werden. Der Gedanke, eine religiöse Gemeinschaft zu bilden, eine religiöse Mission zu erfüllen, durch aller Herren Länder verstreut, befriedigte sie nicht mehr. Der neuere Nationalismus erweckte das schlafende jüdische Bewußtsein und das Nassegefühl in vielen Tausenden, henen die religiösen Weckrufe keinen Eindruck machten. Das nationale Leben, so sagen sie, sei noch nicht tot. Sein Geist beginnt sich wieder in den steifgewordenen Gliedern zu regen. Noch einmal fühlt sich Israel als Nation und strebt danach, Nation zu werden unter all den anderen Nationen der Welt. Aber das ist noch nicht alles. So mögen für viele diese Gedanken auch ohne den Antisemitismus gekommen sein, als rein jüdische Erwägungen, als Echo aus den neuen Aufschwung des Nationalismus. Der Antisemitismus hat aber überall diesen Gedankengang, dieses Echo hundert- und tausendfach vervielfältigt. Auch griff bei vielen die Verzweiflung Platz. Und so befruchtete der Antisemitismus einerseits die nationalen Regungen, wie diese umgekehrt auf jenen einwirkten. Viele Juden sagten sich: Es ist zwecklos, auf eine Emanzipation zu hoffen; wir Juden werden immer gehaßt,. immer als Fremdkörper empfunden werden. Und wenn das auch in England nicht so der Fall ist, so liegt das daran, daß wir im Vergleiche zu andern Orten in geringer Zahl vorhanden sind. Wir haben lange genug den Versuch gemacht, Deutsche, Oesterreicher, Russen oder Amerikaner zu werden. Der Versuch endete mit einem Fehlschlag und wird es immer tun mit ganz minimalen Ausnahmen. Laßt diese sich assimilieren und dableiben, die Majorität soll eine Nation bilden, ein Volk für sich, in ihrem eigenen freien, von den andern geschiedenen Lande. Der Antisemitismus ist kein vergängliches Uebel, er ist eine ewige Krankheit, der die Menschheit immer unterworfen war und der sie immer unterworfen sein wird. Und ein weiteres sagen sie: Wollt ihr Liberalen, wie ihr es selbst sagt, daß die Juden verstreut in anderer Nationen Länder leben, verabscheut,, unterdrückt, von vielem >»5^- MWH Hü

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