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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1908-09-04 · Heft 36 (4.9.1908) · p. Seite 427

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
72 (1908)
Issue
Heft 36 (4.9.1908)
Date
1908-09-04
Page
Seite 427 (sequence 9)
Language
German
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; Mr. Seligmann kam auf das amerikanische Banksystem im Vergleiche zu dem deutschen zu sprechen 'und tat der Därieb Vreelauä Ourrene^ Lill Erwähnung, die, gerade im Kongreß angenommen, sür sechs Jahre giltig sein wird. Er meinte: „Wiewohl sie manche nützliche Maßregeln trifft, wird sie dennoch nur temporär in Kraft sein." Er sieht darin einen zeitweiligen Ersatz sür eine Staatsbank, ähnlich jenen Staatsbanken, die bereits in England, Deutschland, Frankreich und Oesterreich-Ungarn bestehen. Er sagte: „Die kraft dieser Bill eingesetzte National-Monetarh-Kommission ist jetzt in England, um das Problem der Staatsbank, die eingerichtet werden soll, zu studieren, und wird voraussichtlich im nächsten Jahre darüber dem Kongreß berichten. Die gegenwärtige temporäre Bill wird aber schon die Wirkung haben, daß jede monetäre Panik von der Art, wie wir solche im letzten Spätherbst hatten, vermieden werden wird. Das deutsche Banksystem ist elastisch und weise, und dient wesentlich dem nationalen Handel; auch von Deutschland hätten wir also genug in dieser Richtung zu lernen." ' ' Mr. Seligmann, der selbst ein Repräsentant der großen Vermögen in Amerika ist, äußerte sich im allgemeinen über die großen Vermögen: „Vermögen, wie sie Rockefeller, Carnegie und andere besitzen, sind nach meinem Dafürhalten im ganzen dem Lande eher nützlich als schädlich. Sie müssen wissen, daß in Amerika die Privaten vielfach das leisten, was in Europa der Staat besorgt. Private, wie die genannten Männer, sind es, die die Hospitäler, Bibliotheken und andere wohltätige Einrichtungen begründen. Rockefeller hat bereits 35 Millionen für Erziehungszwecke im Süden der Unionsstaaten hergegeben und wird noch weitere 65 Millionen ähnlichen Zwecken widmen." Mr. Seligmann wies daraus hin, daß Amerika an Europa auch viel Geld dadurch zusühre, daß so viele Amerikaner in Europa reisen. Er schätzt-, den amerikanischen Nationaltribut, der aus. diese Weise jährlich an Europa abgeführt werde, auf drei Viertel einer Milliarde Franken. Aber noch in anderer Weise zahlt, meinte er, Amerika einen ungeheuren Tribut an Europa dadurch, daß sich amerikanische reiche Mädchen — und dies sehr häufig aus sozialer Ambition, um in den Besitz von Titeln zu kommen — nach Europa verheiraten, wodurch sehr viel national-amerikanischer Reichtum nach Europa ströme. Ueber das Verhältnis zwischen Amerika und Deutschland meinte noch Mr. Seligmann: „Das ist ja eine traditionelle Freundschaft, die auch von manchen unserer ausgezeichnetsten Männer gepflegt wurde. Ich nenne unseren großen Historiker Bancrost, unseren ausgezeichneten Schriftsteller und Uebersetzer des „Faust" ins Englische Bayard Taylor, ich nenne auch Motleh — sie haben in Bismarckscher Zeit diesem edlen Ziel ihre Dienste geleistet. Aber auch in neuerer Zeit haben wir einige unserer tüchtigsten Menschen nach Deutschland geschickt, mit der Mission, die Bande der Freundschaft mit diesem Lande zu pflegen. Ich nenne meinen edlen Freund, unseren großen Gelehrten Andrew White, und jetzt haben, wir Mr. Hill, der zu den besten Juristen der Vereinigten Staaten gehört, als Botschafter in Berlin. Es gibt allerdings eine sogenannte gelbe Presse in Amerika und etwas ähnliches in Deutschland, die ganz im Gegenteil in der Richtung arbeiten, die Beziehungen zwischen den beiden Staaten zu verschlechtern. Aber in Amerika verläuft das Walten dieser gelben Agitation ziemlich wirkungslos, und dazu trägt auch der Umstand bei, daß die Deutschen zu den besten Bürgern der Vereinigten Staaten gehören. Solch ein Mann im höchsten Stil war mein, verstorbener Freund Karl Schurz. Ganz vom amerikanischen Geiste durchtränkt, hörte er doch nicht auf, jemals anders als stolz auf seine deutsche Abkunft zu sein." Sehr bemerkenswert schien uns im Munde Mr. Seligmanns ein Zitat des großen Engländers Edmond Burke: „Wenn wir Herren über unseren Wohlstand sind, so werden wir reich und frei'sein, wenn aber unser Wohlstand Herr über uns ist, so werden wir arm sein." Für den Geschäftsgang in den Vereinigten Staaten sieht Mr. Seligmann vorläufig eine kleine Stockung bestehen. Er meint jedoch, daß dies in der Zeit vor den Wahlen nie anders sei. „Ist einmal," bemerkt er, „die Wahl des Präsidenten entschieden, so werden die Geschäfte in Amerika einen neuen Aufschwung nehmen, und dies meine ich ganz besonders, wenn Mr. Taft, ein weitsehender und mutiger Staatsmann, ans Ruder kommt." Mr. Seligmann erwähnte ein Meeting in Carnegie Hall, bei welchem Taft mit seltener Schlagfertigkeit alle an ihn gestellten Fragen beantwortete, ob sie sich nun aus die Trusts oder auf die Gerichte, oder auf Probleme der Arbeit bezogen. Dagegen, meint Mr. Seligmann, habe Bryan in seiner Rede in der Cooper Union manche an ihn gestellte heikle Frage lieber zu beantworten unterlassen. Mr. Seligmann ist der Meinung, daß sogar die Neger in den Südstaaten lieber für Taft als für Bryan stimmen werden. Den Mr. Roosevelt bezeichnet Mr. Seligmann als einen der größten Präsidenten, welche die Vereinigten Staaten jemals gehabt haben. Mr. Seligmann kam aus die Lage der Eisenbahnen in den Unionsstaaten zu sprechen und meinte, die Bahnen würden sich heben, sobald sich die Geschäfte heben und die letzten Spuren der letzten. Krise vorübergegangen sein würden. Im Verlaufe der Konversation berührte er noch die Stellung der Juden in den Vereinigten Staaten und rühmte von ihnen, daß sie in allen politischen Departements der Staaten sowohl wie der Städte Amerikas wirken. Viele von ihnen nehmen einen lebhaften Anteil an alle Anstrengungen, die auf den Fortschritt in der bürgerlichen Gesellschaft und im Staate gerichtet sind, und sind im ganzen Lande wegen ihrer Integrität und ihrer öffentlichen Betätigung geachtet. Trotz der großen Einwanderung russischer Juden nach den Vereinigten Staaten in den letzten Jahren ist niemand in Nordamerika zu antisemitischen Agitationen geneigt. Mr. Seligmann beziffert die jüdische Bevölkerung von New Hmk allein aus '800 000. „Die jüdischen Kinder sitzen in unseren Schulen Seite an Seite neben den amerikanischen, werden ganz im amerikanischen Geiste erzogen und sie werden sicherlich einst Wert daraus legen, zu den besten und loyalsten Bürgern der Union zu zählen. Ich sage Ihnen offen, daß, wenn ich auch Amerikaner durch und durch bin, mir doch das Wohl dieser armen Einwanderer aus dem Osten, insbesondere aber ihrer Kinder, nicht gleichgiltig ist und daß ich das größte Gewicht daraus lege, beizutragen, daß bereits die Kinder dieser armen Einwanderer zu den besten Bürgern der Vereinigten Staaten erzogen werden. Auch ich möchte nach meinen schwachen Kräften beitragen, daß die Jugend der unglücklichen jüdischen Einwanderer in dieser Richtung gefördert werde." Mr. Seligmann ist auch Mitglied des International?eaee Oomrnitee, dem einige der hervorragendsten Männer der Vereinigten Staaten angehören. Im Anschlüsse an diese Tatsache bemerkte er: „Es ist ein edles Ziel. Aber wir sind weit, sehr weit entfernt von dem Ideal des Propheten Jesäias. Noch ist die Zeit nicht gekommen, die Schwerter.in Sensen zu verwandeln. Ich glaube auch nicht an baldige Abrüstungen in Europa oder Amerika. Mr. Roosevelt hat, indem er die zweite Haager Konferenz so willig vorbereitete und zu den

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