Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 36 (4.9.1908)
- Date
- 1908-09-04
- Page
- Seite 426 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Mr. Seligmann einer der Hauptsaktoren in Amerika war, als es sich dort darum handelte, etwas angesichts der russischen und rumänischen Judenverfolgungen zu tun, so fährt er auch hier in Europa fort, diese menschliche Mission in seinem edlen Herzen nachklingen zu lassen. Er scheut es nicht, wenn er in den Straßen diesen armseligen Menschen , mit den langen Kaftans und den Schmachtlöckchen begegnet, sie etwa auf eine Bank einzuladen und sich mit ihnen über das Los ihrer/ Stammesgenossen im fernen Osten zu unterhalten, und dies fällt ihm gar nicht so leicht, denn es ist sogar für uns hierzulande nicht selten eine große Arbeit, sich durch den Jargon durchzuarbeiten, geschweige denn für einen Amerikaner, wenn er auch deutsch spricht und deutsch versteht. Mr. Seligmann war einer jener drei Notabeln, die, als der damalige russische Minister Witte sich in Portsmouth aufhielt, um den Frieden mit den japanischen Unterhändlern zu schließen, vor diesem eminenten Vertreter Rußlands erschienen, um ihm die Klagen über die unmenschliche Behandlung der Juden im Osten zu unterbreiten. Der Tenor ihrer Darlegungen scheint gewesen zu sein, daß so gut wie die Juden Amerikas, .Englands, Frankreichs sich dem Volke, unter dem sie lebten, assimiliert hätten, dies auch bei den Juden Rußlands der Fall wäre, wenn man ihnen eben jene menschliche und gleiche Behandlung zuteil werden ließe, wie in den zivilisierten westlichen Ländern. Es scheint, daß Witte als Mensch die Argumente der drei Notabeln, der Herren Strauß, Schiff und Seligmann, nicht unberechtigt fand. Aber in Rußland ist eben die Regierungstradition stärker als der eine Mensch Witte, der übrigens über die Judensrage nicht mehr und nicht weniger modern denken mag. als viele andere Menschen in Rußland. Mr. Jsaac Seligmann steht den Regierenden in. den Vereinigten Staaten sehr nahe. Den Präsidenten Roosevelt kennt er seit vielen Jahren. Uns ist es interessant, ihn über diesen sprechen zu hören. „Der Präsident," sagt er, „hat manche Eigentümlichkeiten, die an den Kaiser Wilhelm erinnern, und ich denke dabei mehr an sein Temperament als an den Inhalt seiner Ueberzeugungen. Er steht in erster Linie zur Fahne der Gerechtigkeit und wäre unfähig, sich jemals, wenn er etwas als gerecht und billig erkannt hat, davon abbringen zu lassen. Ich erinnere Sie nur an die Note, die er an die rumänische Regierung wegen der unglücklichen Juden richtete, erinnere Sie weiters an sein Auftreten in der Sache des Berliner Botschafters Mr. Hill. Und so hat er auch in der Frage der Trusts gehandelt. Wenn Sie ihn und seinen wahrscheinlichen Nachfolger Mr. Taft miteinander vergleichen, so ist Taft, der ruhigere, der diplomatischere Mann. Auch in Hinsicht auf die Trusts denken beide ziemlich gleich, aber die Art, wie Taft gegen sie Vorgehen würde, wenn er im Weißen Hause zu thronen käme, wäre wohl eine um eine Nuance maßvollere. Ich habe die Ueberzeugung, daß Roosevelt nichts als das Beste seines Landes wollte und glaube auch, daß, wenn die Trusts ins Ungeheuere und Ungemessene gehen, dies ein Schaden für die Wohlfahrt des Volkes in den Vereinigten Staaten wäre. Nach einer Richtung hin aber gestatten Sie mir, ein Vorurteil zu zerstreuen, das hier in Europa zu herrschen scheint. Ich muß ein Wort der Verteidigung zugunsten des Mr. Rockefeller sagen, desjenigen also, der im Zusammenhänge mit der Verurteilung des Oeltrusts am meisten angegriffen wurde. Mr. Rockefeller ist ein menschlich sehr hochstehender Mann — ein Mann, der Millionen und Millionen für humanitäre und künstlerische Zwecke ausgibt. Daß in den Vereinigten Staaten Gerechtigkeit vorhanden ist, mögen Sie daraus ersehen) daß das erste etwas, strenge' Urteil gegen die Standard-Oil-Company durch das Urteil der höheren Instanz, 'das wesentlich milder lautete, ausgeglichen wurde. . ’ Ich kenne auch Bryan Persönlich. Er hat manche ausgezeichnete Eigenschaften, aber ich würde es für. die Wohlfahrt Amerikas für besser halten, wenn er, was mich übrigens wahrscheinlich dünkt, nicht ans Ruder käme. Die demokratische Platsorm betreffs der Trusts erscheint mir viel zu revolutionär und das Geschäftslcben Amerikas würde darunter leiden. Auch wenn Taft ans Ruder kommt, werden die Trusts nicht mehr unabhängig bis zum äußersten walten können. Beide . politische Parteien in Amerika sind ja einig darüberdaß die Trusts reguliert und überwacht werden müssen, das vielleicht, die Regierung eine Kontrolle durch Lizenzen und durch die Publizität der Bilanzen üben soll. Wenn das geschieht, so ist's damit vorläufig genug. Was aber noch mehr für die Wohlfahrt des Volkes in Amerika von Wichtigkeit ist, das wäre eine stufenmüßige und bemerkenswerte Reduktion der Einfuhrzölle. Darin sind wohl auch beide Parteien einig. Es ist eine Anomalie, wenn Rohmaterial, wenn Leder, Stahl und Eisen, so hoch verzollt werden. Von Bedeutung für unsere Entwicklung scheint es mir zu sein, daß wir in ausgezeichneten Beziehungen zu Deutschland stehen. Ich will hoffen, daß das Band der Freundschaft zwischen Amerika und Deutschland von Tag zu Tag enger wird. Ich brauche Ihnen wohl nicht zu sagen, wieviel Männer, wie etwa mein verstorbener Freund Karl Schurz beigetragen haben, den deutschen Namen in Amerika und den amerikanischen in Deutschland geachtet zu machen. Für sehr gut halte ich es, daß die Berliner Universität mit den amerikanischen Universitäten Professoren austaüscht, die auf beiden Seiten dazu beitragen, viele Vorurteile zu zerstreuen und eine wohltätige Saat gegenseitigen Wohlwollens ausstreuen. Immer habe ich das deutsche System der Handelsschulen bewundert, das mir ungleich besser erscheint, als das in Amerika und in England. In Deutschland sagt ein Vater: „Gott sei Dank, ich habe einen Sohn" — in England sagt der Sohn: „Gott sei Dank, ich habe einen Vater". Der Deutsche also blickt nach vorwärts, der Engländer in die Vergangenheit. Mr. Seligmann kam auch auf die seemännischen Aufgaben der Vereinigten Staaten zu sprechen und legt Gewicht darauf, daß die Marine stark genug für Verteidigungszwecke, inbesondere stark genug sei die südlichen Küsten Nordamerikas zu verteidigen, und auch, mit Rücksicht auf den Besitz der Philippinen, Geschwader nach Ostasien zu entsenden. Was aber die reguläre Armee anbelangt, so stehe sie an zweiter Stelle, denn ihre Stärke sei gering; allerdings belaufen sich die Miliztruppen in den verschiedenen Staaten zusammen bis aus über 200 000 Manm Mr. Seligmann ist einer von den Treasurers ber National Civil Federation, deren erster Präsident der bekannte Senator Hanna war, deren gegenwärtiger Präsident der frühere Major von New York Seth Law ist. Diese Gesellschaft hat die Schlichtung des Streites bei Fragen zwischen Arbeitern und Unternehmern, zwischen Angestellten und Brotgebern im Auge. Carnegie und andere yervorragende Leute sind Mitglieder des Exekutivkomitees und nehmen ein lebhaftes Interesse daran, daß diese Institution gleich segensreich für die Entwicklung der Industrie und der Geschäfte wie für die Ordnung der schwebenden Angelegenheiten im humanen Sinne wirke. Auch Roosevelt interessiert sich für die Labor Unions, ohne sich aber ihnen auszuliefern.