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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1908-09-04 · Heft 36 (4.9.1908) · p. Seite 425

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
72 (1908)
Issue
Heft 36 (4.9.1908)
Date
1908-09-04
Page
Seite 425 (sequence 7)
Language
German
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" Momente unbedingt dagegen sprechen. -Herr Dr. Gunkel, 7 Professor der \ Theologie in' Gießen, bemerkte, daß, wenn es auch als feststehend "betrachtetwerden müsse, daß Jesus kein Judäer, sondern Galiläer gewesen, so könne man doch mcht seine Abstammung von Ariern beweisen. Ueberhaupt sei es sehr schwer, die Abstammung eines einzelnen von einer bestimmten Rasse zu beweisen, und in diesem Falle müßte Prof. Haupt zum mindesten erst den Nachweis dafür bringen, daß in Galiläa nicht ein einziger Judäer übriggeblieben wäre. Herr Privatdozent Dr. Mittwoch-Berlin meinte, daß die Schlüsse, die Herr- Professor Haupt unter anderem auch aus einigen Überlieferungen über die fremdartige Aussprache der Galiläer auf die fremde Abstammung Jesu Christi und seiner, Apostel herleiten möchte, nicht stichhaltig seien. Herr Professor . Ginzberg-New Zork widerlegte auf Grund von mehreren Stellen, die er aus der alten und namentlich talmudischen Literatur anführte, die Annahme des Professor Haupt auch in bezug aus die Lage anderer Orte in Galiläa. Herr Lic. Dr. Jeremias-Leipzig betonte, daß Jesus nur als Jude verstanden werden kann, und daß alle Versuche, ihn als Arier begreiflich zu machen, nur verwirrend wirken müßten. „Am Ende," meinte er, „könnte Herr Professor Haupt seine Beweisführung aus alle Juden ausdehnen und sie alle von Ariern abstammen, lassen." Herr Dr. Hcchuda-Berlin kritisierte in eingehender Weise die unwissenschaftliche Art, wie Professor Haupt seine Hypothese von der arischen Abstammung Jesu zu beweisen suchte. .Wenn Herr Professor Haupt einen Vortrag über einen wissenschaftlichen Gegenstand halten wolle, so könne man ihm dafür nur dankbar sein. ° Ob man ihm nun in allen Einzelheiten beistimmt oder nicht, bleibt sich gleich. „Ich frage aber," fuhr er fort, „ob es sich mit der ernsten wissenschaftlichen Arbeit, zu der man sich auf diesem Kongreß versammelt hat, vereinbaren läßt, daß man einen Vortrag über geographische und historische Dinge für die Erörterung einer Frage benutzt, für deren richtige Beantwortung jede wissenschaftliche Voraussetzung fehlt. Hätte wenigstens der Vortragende die Frage, ob Jesus ein Judäer oder Arier war, zum eigentlichen Gegenstand seines Vortrags gewählt, und um diese Frage zu entscheiden, von geographischen Gesichtspunkten seinen Ausgang genommen, so könnte man es noch zur Not hinnehmen. Aber erst mit einem rein geographischen Thema beginnen und ohne jede Vermittlung auf eine Frage zu überspringen, die garkeinen sachlichen Zusammenhang mit dem eigentlichen Thema des Vortrags hat, kann doch nicht als' wissenschaftlich bezeichnet werden, zumal es sich um eine Frage handelt, die in tiefstem Dunkel liegt, und wie schon Professor Gunkel bemerkt hat, unmöglich entschieden werden kann. Man könnte wohl fragen, ob Jesus ein Judäer oder Galiläer, nicht aber ob er Judäer oder Arier gewesen sei. Was würde man darüber denken, wenn „reinblütige Semiten", nach Art der „reinblütigen Arier", große Männer der Weltgeschichte für ihre Rasse reklamieren wollten, und es später jemandem einfiele auf ähnliche Art, wie es Herr Professor Haupt tut, den Beweis zu erbringen, daß Goethe beispielsweise von polnischen Juden abstammte, weil auch solche Juden in Frankfurt a. M. angesiedelt sind? Was würde man dazu sagen, wenn es abyssinischen Christen einfiele, zu beweisen, daß Jesus ein Abhssinier gewesen sei, oder wenn indische oder chinesische Mohammedaner mit aller Gewalt beweisen wollten, daß Mohammed ein Inder beziehungsweise Chinese gewesen sei? Würde man das auch als mit der ernst-wissenschaftlichen Forschung vereinbar änsehen?" Für ihn selbst, meinte D'r. Mhuda ferner, sei es ganz gleichgültig, ob Jesus ein Arier oder Semit war; jeder gute Christ aber müßte dagegen protestieren, daß man den Stifter der christlichen Religion von Mediern und anderen Mischvölkern abstammen lassen möchte, die zu jener Zeit auf der tiefsten geistigen Stufe gestanden und im Vergleich mit den damaligen Juden keine nennenswerte Kultur und Zivilisation gehabt'haben. Die Juden hatten schon damals eine hohe Kultur hinter sich, hatten Dichtungen, wie Hiob und die Psalmen, aufzuweisen, konnten auf Propheten Hinweisen, als deren Schüler sich Jesus selbst bezeichnet, hatten ein tiefes religiöses und ethisches Leben — in diesem Milieu ist Jesus geboren und aufgewachsen, er war Jude und wollte selbst ein Jude sein! Aber diese ganze Frage kann uns ja auf einem Kongresse, auf dem wir uns mit sprachlichen, literarischen und historischen Gegenständen, nicht aber mit Rassensragen zu befassen haben, gar nicht interessieren. Wenn sich Herr Professor Haupt zur Aufgabe gestellt hat, für eine Hypothese, die von Chamberlain aufgestellt worden ist, Propaganda zu machen, so kann er es tun, nur darf er wissenschaftliche Kongresse, die sich rein wissenschaftlichen Fragen zu widmen haben, zu einem solchen Zwecke nicht benutzen, und nachdem er schon dieselbe Frage auf dem Historiker-Kongreß in Berlin erörtert hat und von den ausgezeichneten Theologen Herrn Professor Deißmann gründlich abgefertigt wurde, so wäre es nur billig, wenn er den Orientalisten-Kongreß mit einer solchen Frage verschont hätte. Herr Professor Haupt verwahrte sich dagegen, aus antisemitischen Motiven an die Frage nach der Abstammung Jesu herangetreten zu sein, und erklärte in ziemlich erregten längeren Ausführungen, daß er durchaus nicht den Anspruch darauf erhebe, die Abstammung Hesu von Ariern definitiv entscheiden zu können, da er ja selbst bei der Geburt Jesu gar nicht anwesend, gewesen wäre. Nachdem , er sich auch gegen Dr. Dahuda in scharfen Worten gewandt hatte, wurde ein Antrag auf Schluß der Debatte, die einen sehr erregten Verlauf nahm, einstimmig angenommen. Line Äntkrredung mit dem Mw Gorker Lsnkier Ilasr M. Srlismsnn. M. Marienbad, 26. August, hält sich in Marienbad ein Mann der amerikanischen Finanzwelt auf, der schon in seinem Aeußern zu erkennen gibt, daß er weit entfernt ist, ausschließlich ein Organismus aus Ziffern zu sein. Der große New Horker Bankier Jsaac N. Seligmann würde von vielen, die ihn nach dem Exterieur zu bestimmen hätten, kaum leicht als ein Bankier definiert werden. Aber vielleicht äußert sich doch auch in seinen Gesichtszügen etwas von seinem Berufe, denn sowie das Bankhaus I. & W. Seligmann & Co. sich in seinen Transaktionen stark an den Staat anlehnt und sowie Mr. Jsaac N. Seligmann ein Staatsbankier ist, so hat er in seiner Erscheinung etwas vom Staatsmanne und freilich auch von Philosophen zugleich. Es ist eine edle, vornehme Persönlichkeit mit sinnendem, etwas träumerischem Gesicht, mit kurzem blonden, angegrautem Vollbart, schlank und hager. ' In Marienbad, wo er mit seiner sehr stattlichen Gemahlin, einer geborenen Loeb (vom Bankhause Kuhn, Loeb & Co.), zur Kur weilt, lebt er sehr zurückgezogen, aber auch.hier interessieren ihn philantropische Aufgaben, denen er zu Hause in New Jork zum mindesten mit dem gleichen Interesse ob- 'liegt, wie seinen Geschäften. Auf Schritt und Tritt begegnet man hier galizischen und russischen Juden,. und so. wie

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