Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 36 (4.9.1908)
- Date
- 1908-09-04
- Page
- Seite 423 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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„'Wie in der politischen Presse vor kurzem mitgeteilt und — offiziell wenigstens — unwidersprochen geblieben ist, hat der Kaiser an die Korpskommandostellen^einen Erlaß gerichtet, wonach bei der Wahl zum Offizier-keine Rücksicht auf die Konfession der Aspiranten genommen werden soll. Wenn in Verfolg dieses Erlasses auch jüdische Aerzte nicht nur wie bisher zu dem Sanitätsoffizierkorps der Reserve, sondern auch zum Eintritt in das aktive Sanitätskorps zugelassen würden, so wäre dem Mangel an Militärärzten wahrscheinlich sehr schnell abgeholfen. Daß es auch selbst bei strengsten Anforderungen an „autoritative Qualifikation" unter den jüdischen Kollegen geeignete Aspiranten für den aktiven Dienst gibt, wird wohl niemand bezweifeln. Und ebensowenig dürfte daran zu zweifeln seindaß mancher jüdische Kollege die Gelegenheit, in das aktive Sanitätskorps einzutreten, gern ergreifen würde. Einstweilen besteht bekanntlich ein — man kann wohl trotz der bekannten geringen Ausnahmen aus früherer Zeit sagen — prinzipieller Ausschluß der jüdischen Aerzte aus der aktiven Armee." <4r Zum Verständnis der russischen Verhältnisse erscheint der folgende uns von einem unserer russischen Korrespondenten zugehende Bericht sehr wertvoll. Die Rolle, die die orthodoxe Geistlichkeit bei der Verfolgung der unglücklichen russischen Juden spielt, ist noch lange nicht genügend beachtet worden. Wie vielleicht bekannt, tagt. jetzt in Kiew ein Missionskongreß der orthodoxen (prawoslawny) Geistlichen, unter Vorsitz des Petersburger Metropoliten Antonius. In.der vierten Sitzung des 19. Juli wurde ein Referat über das Judentum gehalten. In seinem Vortrage beharrte der Referent daraus, daß das Judentum die Basis aller rationalistischen Sekten sei: und zum Beweise dafür bezog er sich auf die Sekten der Jekoristen, der Subbotniky (die den Sabbat feiern), Neuisrael,derAdventisten usw. In derselben Sitzung beantragten der präsidierende Vorsitzende Antonius und der Wolynier und Zytomirer Erzbischof, den Synod zu bitten, eine neue Bibelübersetzung in russischer Sprache, aber nicht aus dem hebräischen, sondern aus dem griechischen Texte zu veranstalten; dieselbe soll mit Parallelstellen versehen werden, weil die gegenwärtige Parallelisation keine rechtgläubige, sondern eine lutherische sei. — Einige Redner, die die Sekten der Adventisten beurteilen, finden i'n ihrer Lehre Züge aus dem Judentum. So lange die Erzmntter aller Sekten — das Judentum — bestehen wird, erklärte in einer langen Rede der Geistliche Kulinskh — so lange werden auch überall alle übrigen Sekten existieren. — „Genug!" ertönt es von verschiedenen Seiten des Saales. „Es ist notwendig," — fügte der Geistliche Kulinskh hinzu, alle Juden zum Christentum zu bekehren, ohne dieses wird man die Sekten nicht vernichten können." Es ertönen wiederum die Rufe: „Genug! Er hat uns ermüdet!" Ter Odessaer Missionär Kaljnew sagte folgendes: „Kulinskys Rede ist nur für ein Mitglied des Verbandes des russischen Volkes überzeugend, besonders für den Odessaer Verband, für mich aber ist dieselbe durchaus nicht überzeugend. Der Adventismus ist, nicht durch das Feiern des Sabbats gefährlich, nicht einmal durch die Beschneidung, denn in mehreren Orten erkennen die Adventisten die Beschneidung nicht an. sondern durch ihre mystische Lehre über das baldige Heranrücken des goldenen Zeitalters. Der Bildungszustand und die Toleranz des russischen Popentums erscheinen in diesem Bericht in charakteristischer Beleuchtung. Noch schlimmer als die Geistlichkeit ist das russische Beamtentum, das durch die folgende Mitteilung, die uns der Hilfsverein der deutschen Juden über das schwere Brandunglück sendet, von dem das Städtchen Telschi im Gouvernement Kowno jüngst betroffen worden ist, drastisch gekennzeichnet wirdn' Die Bezirksstadt Telschi, die 7000 Einwohner (5600 Juden und 1500 Christen) zählt, wurde zweimal innerhalb dreier Tage von Bränden heimgesucht. Der erste Brand äscherte 70, der zweite 250 Häuser ein. Der Gesamtschaden wird auf 1200000 Rubel geschätzt. Das Feuer hat an zwei Tagen so furchtbar gewütet, daß 4498 Personen von der Katastrophe in Mitleidenschaft gezogen wurden. 4073 Juden und 425 Christen. Der erste Brand entstand infolge von Unvorsichtigkeit: die Ursache des zweiten Brandes ist noch unaufgeklärt. Der Berichterstatter des Hilssvereins schreibt: Ich habe durch mehrere Zeugen festgestellt, daß der Jsprawnik Peschkow die Spritzen und Eimer in kritischen Augenblicken den Juden ohne ausreichenden Grund oft verweigerte. Als sich einige Juden um Hilfe an ihn wandten, schrie er sie barsch an und bedrohte sie mit Ohrfeigen. Als er einen jüdischen Abgebrannten weinen sah, ahmte er ihm nach und belustigte sich über ihn in rohester Weise. Zu meinem Bedauern war der Jsprawnik jetzt nicht anwesend und ich wandte mich an das Stadthaupt mit den Worten: „Man munkelt, der Jsprawnik habe die Rettungsarbeit vernachlässigt, und die erforderliche Hilfe verweigert. Können Sie mir vielleicht geeignete Aufklärung geben?" Darauf erhielt ich zur Antwort: „Nun ja, unser Jsprawnik ist ein ausgezeichneter Judenhasser. Er selbst sagte mir, er erblicke in diesem schrecklichen Brande einen Ersatz für einen Pogrom." Ich erwiderte: „Er beschuldigt demnach die Christen einer Brandstiftung, während die Juden selbst es ja nicht tun." Das Stadthaupt erwiderte darauf: „Der Jsprawnik beschuldigt niemanden. Im Gegenteil sagt er. die Juden haben es verdient." Bekanntlich ist die gegenwärtige bulgarische Regierung den Juden gut gesinnt und wendet alles auf, etwaige Versuche, die Stimmung der Bevölkerung über die Juden künstlich zu trüben, im Keime zu ersticken. Wie es scheint, gibt es aber in Bulgarien gewisse Kreise, in deren Interesse es liegt, den Antisemitismus in Bulgarien wachzurufeu. Das bulgarische Blatt „Dnewnik" machte in einer seiner jüngsten Nummern die Enthüllung, daß in Nustschuk ein geheimes „revolutionäres Komitee" existiere, das sich die Vertreibung der Juden aus Bulgarien zur Aufgabe gemacht habe. Das Blatt fordert die Regierung auf, dieses Komitee auszuheben und mit Energie vorzngehen, so lange es noch Zeit sei. Daß ein solches „revolutionäres Komitee" in Bulgarien tatsächlich besteht, mußte der Oberrabbiner aus Sofia jüngst in sehr unangenehmer Weise selbst erfahren. Vor einiger Zeit verließ nämlich ein christliches Dienstmädchen, ohne etwas zu sagen, seinen jüdischen Dienstgeber und war nicht aufzufinden. Die Eltern des Mädchens, die zufällig zum Besuche der Tochter in die Stadt gekommen waren und sie nicht vorfanden, machten bei der Polizei die Anzeige, die Juden hielten das Mädchen verborgen und wollten es nicht herausgeben. Die Polizei wies eine solche Anzeige von vornherein zurück, machte sich auf die Suche nach dem Mädchen und fand es auch tatsächlich auf den Feldern in der Nähe der Stadt umherirrend. Am Tage nach dem Verschwinden des Mädchens erhielt der Oberrabbiner von Sofia einen Brief, in welchem ihm mitgeteilt wurde, daß, falls das Mädchen nicht innerhalb fünf Tagen zur Stelle gebracht würde, der Oberrabbiner Dr. Ehrenpreis um sein Leben kommen und die jüdische Gemeinde einen Ersatz von 50000 Franken zahlen müßte. Der Brief trug die Unterschrift: „Das revolutionäre Komitee." Der Oberrabbiner übergab das Schreiben der Polizei, die jetzt in der Angelegenheit strenge Untersuchung führt. Vom Srientaliltm-Longreh in Loprnhsgen. ^in der am meisten besuchten Sektion IV a—b für semitische Sprachen hielt in der ersten Sitzung am Freitag den 14. d. M. Herr Dr. 2) ahu da-Berlin einen längeren Vortrag über das kürzlich von Dr. Gaster-London entdeckte und im