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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1908-09-04 · Heft 36 (4.9.1908) · p. Seite 422

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
72 (1908)
Issue
Heft 36 (4.9.1908)
Date
1908-09-04
Page
Seite 422 (sequence 4)
Language
German
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der anderen Völker sein. An den Wahlen zum Parlament beteiligen sie sich in hervorragender Weise. Und der Generalstab bereitet schon ein Gesetz über die Einstellung von Christen und Juden in den Heeresdienst vor. Damit ist die Gleichstellung der Juden in der Türkei eine seststehende Tatsache. Ein zweiter Punkt, dessen Erörterung sich bei Betrachtung der türkischen Verhältnisse von selbst aufdrängt, ist die Palästinafrage. Die Zionisten, die von dem bisherigen Regime mit sehr scheelen Blicken angesehen wurden, fangen wieder an zu hoffen. Was haben sie aber jetzt zu erwarten? Einer der maßgebenden Führer der Jungtürken hat einem zionistischen Interviewer gegenüber sich in folgender Weise darüber ausgesprochen: „Wenn Zionismus das Streben nach einem unabhängigen jüdischen Staate bedeutet, so werden wir das nie zulassen. Der erste Punkt unseres Programms betrifft die Unteilbarkeit des türkischen Reiches. Bedeutet aber Zionismus die Besiedlung Palästinas mit Juden und Bildung einer jüdischen Majorität im Lande, so haben wir absolut nichts dagegen. Die Türken leben schon Jahrhunderte mit den Juden in den allerfreundlichsten Beziehungen, und wir betrachten sie als die verläßlichsten Bundesgenossen. Von allen Einwanderern sind sie uns die erwünschtesten. Sie brauchen Land und Freiheit, wir brauchen Menschen, die die Türkei nicht schwächen, sondern, stärken wollen, ergo passen wir sehr gut zueinander. Aber verlangen Sie von uns nicht die Lostrennung Palästinas. Darin würden wir nie einwilligen. Soweit ich den Zionismus verstehe, ist sein Ziel die Erlösung der jüdischen Masse von den fortwährenden Verfolgungen, denen sie in den christlichen Staaten unterworfen ist, und ihre wirtschaftliche und geistige Regeneration. Dies alles werden Sie in Palästina finden. Erstens müssen lvir ja zugeben, daß die Türkei immer die kulturelle Selbständigkeit aller sie bewohnenden Nationen anerkannt hat. Zweitens aber können Sie wohl sicher sein, daß wir dieses richtige Prinzip weiter entwickeln werden. Wir begreifen wohl, daß die Befriedigung der gerechten Forderungen der verschiedenen Nationalitäten im Interesse der Türkei liegt. Wir werden schon zu Anfang der Parlamentstätigkeit ein Gesetz über die Selbstverwaltung der Provinzen ausarbeiten, wobei wir uns alle Mühe geben werden, die territoriale Einteilung mit den ethnographischen Verhältnissen in Einklang zu bringen. Folglich werden auch die Juden, wennsie die Mehrheit, in Palästina bilden, die volle Selbstverwaltung genießen — der Kultur, der Provizialwirtschaft und überhaupt in allen Fragen des inneren Lebens Palästinas. Selbstverständlich werden sie zu gleicher Zeit Repräsentanten im Neichsparlament haben und somit an der Entscheidung in allen Reichsfragen Mitwirken." Mit diesen Ansichten kann sich jeder ruhig denkende Politiker kurzweg einverstanden erklären. Sie zerstören die Utopie eines autonomen Judenstaates, sie eröffnen dagegen die Aussicht aus eine rechtlich gesicherte Zufluchtsstätte für die verfolgten Juden des Ostens. Eine andere Frage ist freilich die, ob der Zionismus jetzt noch imstande sein wird, den Ereignissen Rechnung zu tragen, ob er fähig sein wird, eine ausreichende Auswanderung nach Palästina zu organisieren. Diese Frage läßt sich so leicht nicht beantworten. Am wenigsten jetzt schon, wo noch nicht einmal die offiziellen Tatsachen über die Stellung der Jungtürken zu den jüdischen Angelegenheiten genau bekannt sind. Was uns bekannt ist, und was feststeht, ist die in diesen trüben Zeitläufen doppelt erfreuliche Tatsache, daß für die Juden des Orients, die so lange, seit Jahrhunderten in völliger Stagnation verharrten, eine neue Zeit, eine Aera des Fortschritts und der geistigen Entwicklung angebrochen ist. Möge der große Moment kein kleines Geschlecht finden! ■saar. Sit Woche. Berlin, 3. September, ir feiern in dieser Woche das Andenken eines großen Mannes, der unter den führenden Geistern der Renaissanceperiode des vorigen Jahrhunderts einen besonderen Rang einnimmt, die hundertste Wiederkehr des Tages, an dem Michael Sachs, der große Prediger, der bedeutende und in der harmonischen Vollendung von Geist und Charakter einzige Mensch, geboren wurde. Sein Lebensgang ist bekannt. Er wurde in Glogau geboren, studierte in Berlin, amtierte zuerst in Prag und dann in Berlin bis zu seinem Tode am 31. Januar 1864. Berlin hat also vor allem die Früchte seiner Arbeit genossen, und die Anregungen, die er. während seines ganzen Lebens gegeben, wirken noch bis auf diösen Tag fort- In einer bewegten Periode heißer Kämpfe trat Sachs aus den Plan. Er war konservativ, d. h. wie Moritz Lazarus in seinem ausgezeichneten Vorwort zu den „Stimmen vom Jordan und Euphrat" so treffend sagte: „Er war so freisinnig — konservativ zu sein", konservativ zu sein in einer Zeit, in der das Niederreißen und Zerstören Mode war. Im Grunde genommen, stand er auf dem Boden der historischen Reform der Frankelschen Schule, und er hat auch mit der Berliner Orthodoxie manchen Strauß auszukämpfen gehabt. Seine Bedeutung als Gelehrter, als Dichter und mehr noch als Prediger ist wiederholt gewürdigt worden; seine persönliche Bedeutung wird noch stärker hervortreten, wenn erst sein Briefwechsel mit den Besten der deutschen Nation bekannt sein wird. Männer wie Hegel, Varnhagen v. Ense, Boekh, Raumer und viele andere schätzten ihn hoch; sein Freundschaftsbund mit Karl Werder ist eine der schönsten Blüten jener großen Zeit, „die wir verloren haben". Diesen Nachlaß des Unvergeßlichen wollte dessen Schwiegersohn, der Geheime Regierungsrat Professor Dr. Freudenthal, seligen Andenkens, in unserem Blatte veröffentlichen. Aber er kam leider nicht dazu, da der Tod ihn der Wissenschaft und den Seinen entriß. Wir werden aber hoffentlich in der Lage sein, aus diesem wertvollen Nachlaß Verschiedenes, besonders aus Berlin und Sachs' hiesige Wirksamkeit Bezügliches, veröffentlichen zu können. Und auch aus diesen Publikationen wird von neuem hervorgehen, welch ein bedeutender und edler Mensch Michael Sachs gewesen ist. Alle, die den von Ludwig Geiger herausgegebenen Briefwechsel mit Moritz Veit kennen, wußten dies freilich längst zu schätzen. In Michael Sachs gelangten jüdischer Geist, attische Feinheit und deutsches Gemüt zu einer in ihrer Art einzigen Harmonie. Es war etwas von Philo und etwas von Jehuda Halevi in diesem Manne, dem das Judentum und. ganz besonders die Berliner Gemeinde in ihrer wichtigsten Entwicklungsperiode so viel zu danken haben, und dessen Name unsterblich bleiben wird in der Geschichte unseres Geisteslebens. * Wiederholt ist auf die auffällige Erscheinung hingewiesen worden, daß bei einem Ueberfluß an Zivilärzten ein Mangel an Militärärzten besteht. Ein Militärarzt verzeichnet von neuem diese Tatsache in einer Zuschrift an die „Deutsche Zeitung", mit dem Hinzusügen, daß seit Jahrzehnten viele Stellen in der Armee unbesetzt sind, zeitweise über die Hälfte. Die Studierenden der Kaiser Wilhelms-Akademie decken nur zu einem geringen Teil den Ersatz, der Zugang von Zivilstudierenden zur militärärztlichen Laufbahn ist gering. Die „Deutsche Medizinische Wochenschrift", die mit den Verhältnissen ausreichend vertraut ist, schreibt hierzu:

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