Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 35 (28.8.1908)
- Date
- 1908-08-28
- Page
- Seite 2 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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_ K. Köln, im August. An den diesjährigen 'Verhandlungen der Genera lverf a m mlung des R.heiniscb en -R abbiner- Verbandes nahmen teil die Rabbiner DDr. Baeck-Düsseldorf, David-Bochum, Grabowski-Barmen- Jakob-Dortmund, Jaulus-Aachen, Kalischer-Bonn, Kober-Köln, Levi-Krefeld, Neumark-Duisburg, Norden- - Elberfeld, Rosenthal-Köln, Samuel-Essen; später erschien, Hanover- Köln. Ihr Ausbleiben hatten entschuldigt die Herren Baßfreund- Trier, Baron-Hoppstätten. Frank-Köln, Tawrogi-Kreuznach; ein Begrüßungstelegramm hatte Auerbach-Elberfeld aus Norderney gesandt. Vor Eintritt in die Tagesordnung widmet der derzeitige Vorsitzende David dem verstorbenen Ehrenmitglieds Dr. Horowitz einen warmen Nachruf; zum Zeichen des Andenkens erheben sich die Anwesenden von den Sitzen. In seinem Jahresrückblick nimmt David zunächst bezug auf einige persönliche, den engeren Kreis berührende Momente; so die Beglückwünschung des Oberrabbiners Dr. Baß- . freund zu seinem fünfundzwanzigjährigen Ortsjubiläum durch eine Adresse; die gleiche des Dr. Vogelstein-Stettin durch ein Glückwunschschreiben, den Beitritt der in rheinische Gemeinden berufenen Herren Bäck und Norden, sowie der in Köln amtierenden Herren Hanover und Kober, welch letzterer ungeachtet seiner Uebersiedlung nach Wiesbaden dem Verbände auch ferner angehören wolle. Zu den Arbeiten des geschäftsführenden Vorstands übergehend, bespricht der Vorsitzende die Teilnahme an der Sitzung des Zentralausschusses des Rabbinerverbandes i. D. vom 24. Dezember 1907, und an den Ausschußarbeiten des Provinzialverbandes rheinischer Synagogengemeinden. Er schildert die wachsenden Schwierigkeiten, die unfern Vertretern von seiten der zurzeit maßgebenden Faktoren des deutschen Judentums bereitet werden, die üblen Aussichten, die demnach für die ideelle. Hebung des Standes bestehen, und auch eine gewisse Spannung, die zwischen 'Zentralausschuß und den Provinzialverbänden in einigen Fragen zu konstatieren sei. Im Anschluß daran beschließt die Versammlung folgende Resolution: „Indem der Rheinische Rabbinerverband das Recht der Provinzialverbände auf freie und öffentliche Meinungsäußerung betont, dankt er dem Vorsitzenden Dr. David und Herrn Rabbiner Dr.. Freüdenthal-Nürnberg für die entschiedene Vertretung seiner Anschauungen." Mit Rücksicht darauf, daß eine zweite Zentralausschußsitzung vom 22. Juni wegen Behinderung der drei Vorstandsmitglieder unbefchickt war, wird beschlossen, in gleichem Falle fortan einen der früheren Vorsitzenden zu delegieren. Nach der Entlastung des Vorstandes wird turnusmäßig Dr. Kalischer zum Vorsitzenden, Dr. David zum Stellvertreter nominiert, Dr. Samuel zum Schriftführer gewählt. Am Nachmittage begannen die Referate. Zuerst sprach Dr. Jakob über „Mose am Dornbusch". Die Bibelkritik, so etwa führte er auS, setzte mit der Unterscheidung der Quellen ein; diese stützte sich auf die Verschiedenheit der Gottesnamen, und ganz besonders auf das angebliche Selbstzeugnis der Bibel 2. B. M. 6,8. Konsequenterweise mußte man drei religions- und literargeschichtliche Epochen ansetzen, entsprechend den Gottesnamen Elohim, El schaddoj, Ihwh. Aber die Texte wissen durchaus nichts davon. Elohim bleibt der überragende Begriff, da jedes Volk seinen Elohim haben muß; El schaddoj wird in der Vätergeschichte nur viermal gebraucht, Ihwh aber muß zum alten Besitze des Volkes gehört haben; gerade weil Mose mit diesem. Namen als dem des Gottes der Väter zu seinem Volke kommt. Jener Vers kann nur bedeuten: Den Vätern bin ich in der Eigenschaft schaddoj erschienen (roah — unmittelbar, sinnlich schauen); aber erlebt und erfahren werden,(jada’ im Nifal) in der Bedeutung (schon* — Wort, Bedeutung) Ihwh bin ich ihnen nicht. Diese wird sich jetzt aber in Aegypten, und zwar durch Wunder und Plagen offenbaren. Die erste Ankündigung ihres Herannahens erhält Mose am Dornbusch und nur die Mißdeutung dieser Szene (2. M. 3) hat die weiteren Jrrtümer von der magischen .Kraft eines neu entdeckten Namens herbeigeführt. Die Szene am Dornbusch selbst ist eine Darstellung der Pädagogik Gottes, der dem forschenden Mose die Bedeutung seines Namens „Ihwh“ allmählich und' nicht ohne überlegene Ironie in immer neuen Wendungen erschließt. Alle hier gebrauchten Formen des Verbums haja sollen darauf deuten, daß Ihwh die dritte Person zu ehjeh ist, also den Gott anzeigt, der Unvermitteltes in die Erscheinung treten läßt, der als Unbedingter nur an seinen ~ * \ ■* '**&*&■ <^ Jßf*? Willen gebunden, kurz der Gott der Wunder ist. "Er'ist reiner Geist/' der Gott der nie aufhörenden Selbstemanation.- So faßt ihn nach- ';: her das Siegeslied am roten Meere (2. M: 15); während als Ergänzung 2. M. 84, 5—6 hinzutritt, wo sich Gott als das Wesen dar- - stellt;-das straft aber auch werzeiht; gnädig ist, dem...es-gnädig-sei«- will, und sich des Menschen erbarmt. In dem unerschöpflichen Be- ... griffe. Ihwh,- so schließt der Redner, liegt 'die ganze Theologie des Judentums, der Primat der jüdischen Gottesauffassung gegenüber jeder anderen. — Nach kurzen, sächlichen Erörterungen Wird allgemein der Wunsch laut, den mit großem Beifall .ausgenommenen . Vortrag gedruckt zu sehen. Da Dr. Jakob keine bestimmte Zusage machen kann, soll der Vorstand darauf, hinzuwirken suchen, daß Dr. Jakob die vorzügliche Studie, die als Vorarbeit zur Fortsetzung seines Pentateuch-Werkes (1. Band bei G. Reimer, Berlin 1905) gedacht war, sobald als möglich veröffentliche.. Sodann hält Dr.-Neumark einen Vortrag über die „Bedeutung der Haftara im Gottesdienste". In der Einleitung bespricht Redner das Älter derProphetenlektüre, maßgebende Grundsätze bei der Auswahl, Abweichung der Riten. Das Volk, das die Welt beten gelehrt hat, verstand auch beim Gottesdienste den Geist in Bewegung zu setzen. Die Leitmotive sind nicht zu tadeln, daß man zumeist ein dem Inhalt des Schriftabschnitts ähnliches Prophetenkapitel, fönst aber ein der Zeit des religiösen Jahres angemessenes aussuchte. Dennoch sind gewisse berechtigte Ausstellungen erhöben worden. Bald enthalten die Abschnitte zu wenig für Geist und Herz, sind also indifferente und tote Punkte im Gottesdienste, bald widersprechen sie dem ästhetisch-ethischen Empfinden (vergl. die Haftara zu wajechi) oder sie sind fragmentarisch zusammengestückelt und. somit unverständlich. Es kann aber hier desto leichter die bessernde Hand angelegt werden, weil ja nicht der gesamte Prophetenkanon (wie. dev Pentateuch), sondern nur eine Auswahl zu Gehör kommen soll, die vielleicht auch aus dem dritten Teile der Schrift ergänzt werden darf. — Auch an dieses sehr beifällig aufgenommene Referat schließt sich eine Besprechung, in der betont wird, daß die ganze Frage nur Gemeinden berühre, in denen die Haftara deutsch vorgetragen wird, und die sich daherbereits zu größeren Abweichungen gedrängt gesehen haben; so Berlin,Aachen, Elberfeld usw. Norden findet kein Bedenken gegen ganz freie Neuordnung der Haftaren; Jaulus berichtet von der guten Wirkung schöner hagiogräphischer Stücke; Levi wünscht eine Paraphrase des Wortlauts. Rosenthal (Köln) endlich sieht keinen Nachteil in der Beibehaltung der hebräischen Rezitation und legt das Schwergewicht auf die Belehrung durch die deutsche Schrifterklärung. In seinem Schlußwort weist Neumark noch auf die augenblicklich erscheinenden Studien von Brühler über die Haftara und die zu erwartende deutsche Uebersetzung. der Berliner Rabbiner Dr. Blumenthal und Warschauer hin. Nur noch geringe Zeit blieb der Versammlung für die „freien Besprechungen." Doch bringt Dr. Jakob die Rede auf das soeben erschienene Büchlein „Jüdische Religion" von Rabbiner Dr. Eoblenz-Bielefeld, und gelangt zu dem Ergebnis, daß es als Lehrbuch nach Inhalt und Methode abzulehnen sei. .Ein näheres Eingehen auf den Gegenstand wird nicht beliebt, doch bemerkt Dr. David-Bochum, daß er mit dem ablehnenden Urteil über das erwähnte Buch nicht übereinstimme. Damit schließen die Verhandlungen. 1. Köln, 19. August. Am 11. d. M. hielt hier die zionistische Jahreskonferenz ihre Sitzungen, an denen etwa 40 Vertreter des Großen Aktionskomitees der zionistischen Organisation aus Deutschland", Oesterreich-Ungarn, Rußland, Rumänien, Belgien, Niederlande, . Frankreich, Schweiz, Nordamerika, Südafrika und Palästina teilnahmen. Aus dem Bericht des Engeren Aktionskomitees ergibt sich, daß die Zionisten seit dem letzten Kongreß eine rege Tätigkeit sowohl in ihrer Propaganda wie auch in der praktischen Arbeit in Palästina entfaltet haben. Der Kassenbericht des Kölner Zentralbureaus für das Berichtsjahr balanziert mit 150139,70 Mark. Einen wichtigen Punkt der Beratungen bildete natürlich die Aenderung der Verhältnisse in der Türkei, die ja für die Bestrebungen des Zionismus von ausschlaggebender Bedeutung sein kann. Zu diesem Punkt nahm die Jahreskonferenz folgende Resolution an: „Die in Köln versammelte Jahreskonferenz begrüßt freudig die von Sr. Majestät dem Sultan gewährte Neuordnung der Verhältnisse im türkischen Reiche, indem sie der Hoffnung und dem Wunsche Ausdruck gibt.