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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1908-08-28 · Heft 35 (28.8.1908) · page 15

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
72 (1908)
Issue
Heft 35 (28.8.1908)
Date
1908-08-28
Page
– (sequence 15)
Language
German
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?2. Jahrgang. Nr. 35, ^NA'-'Ä Berlin,. 28. August 1008. Vellage zur „Allgemeinen Leitung deK Judentums". lkarrelpondensrn und Kschrichtrn. Deutschland. s. Berlin, 23. August. Der Amtsgerichtsrat Pollack.vom Amtsgericht Berlin-Mitte ist den amtlichen Nachrichten zufolge in den Ruhestand getreten. Er ist 1869 Referendar geworden, hat dann den Feldzug gegen Frankreich mitgemacht, in dem er das Eiserne Kreuz II. Klasse erhielt, und wurde 1874 Gerichtsassessor. Im März 1878 kam er als. Kreisrichter an das Kreisgericht in Swinemünde und blieb bei der Justizreorganisation im Jahre 1879 dort als Amtsrichter. Im Dezember 1888 wurde er zum Amtsgerichtsrat ernannt und kam 1896 an das Amtsgericht I in Berlin, bei dem er fortan , tätig gewesen ist. '22 Berlin, 24. August. Die führenden antisemitischen Blätter -- die „Tägliche Rundschau" und die „Deutsche Tageszeitung" voran — haben wieder einmal willkommenen" Stoff. Unter dem aufreizenden Titel „Das verschacherte Grab" bringen sie einen scharfen Artikel gegen die Berliner Museumsverwaltung, die sich durch den Ankauf des romanischen Kreuzganges der Würzburger Neumünsterkirche, wo nach der Ueberlieferung Walter von der Vogelweide bestattet sei, schwer gegen das Prinzip des Heimatschutzes versündigt habe. „Ein altes, dem Stadtbilde von Würzburg verwachsenes und von der Entwicklung Oberdeutschlands nicht zu trennendes Bauwerk soll lediglich kraft der Brutalität des Geldbeutels losgerissen und auf Berliner Sand geschleppt werdenwo nie ein romanischer Quaderbau gestanden hat." Die Museumsleitung hat den Kreuzgang von dem Kommerzienrat L. Rosenthal, dem gegenwärtigen Besitzer des Hauses, unter dem sich derselbe befindet, rechtmäßig erworben. Line illae lacrymae! Daß Walter von der Vogelweide daselbst begraben, ist längst als Mythe sestgestellt. Im übrigen erklärt die Direktion des Berliner Museums mit Recht: „Freilich, wenn man die Sache auf die Spitze treibt, so bildet eigentlich jeder Erwerb eines Museums eine Verletzung des Heimatschutzes. Wenn das Berliner deutsche Museum romanische Baudenkmäler haben will, so kann es sie nicht aus der Mark Brandenburg beziehen, sondern muß nach Oberbayern und Franken auf die Suche gehen. Und gerade im vorliegenden Falle ist um so weniger von einer Verletzung des Heimatschutzes die Rede, als es sich nicht um ein noch bestehendes Bauwerk handelt, das nun etwa von Würzburg nach Berlin in das Museum transportiert werden .soll. Das Gebäude, in dem sich der Kreuzgang befand, ist ja schon niedergelegt worden und hat einem modernen Bau Platz machen müssen. Wenn Geheimrat Bode den Kreuzgang für Berlin erworben hat, so hat er sich dadurch im Gegenteil um die deutsche Kunst verdient gemacht. Wenn man sich übrigens in Würzburgund namentlich in der Würzburger Stadtverordnetenversammlung über den Ankauf aufgeregt hat, so kann man den Herrschaften nur erwidern, daß sie ja den Kreuzgang hätten kaufen können, wenn ihnen so viel an seiner Erhaltung für Würzburg gelegen war. Den antisemitischen Blättern ist es in Wirklichkeit gar nicht so sehr darum zu tun, das Prinzip des Heimatfchutzes zu verteidigen, als vielmehr auf dem Umwege über die Erörterung einer künstlerischen Frage wieder einmal ihre sattsam bekannten antisemitischen Phrasen an den Mann zu bringen. Daß aber diese sich gerade gegen den Herrn- Geheimrat Dr. Wilhelm Bode wenden, gehört zum Humor der Weltgeschichte. 8. Berlin, 23. August. Der Wiederbeginn der Proben des gedeihlich wirkenden Vereins zur Pflege hebräischer Musik fand am 26. d. M. statt (Oranienburgerstr. 30, 5—7 Uhr). Neuanmeldungen singender sowie nichtsingender Mitglieder nimmt der Vereinsdirigent Kapellmeister A. Kellermann in seiner Wohnung, Oranienburgerstraße 60/63 II., Dienstags und Freitags 12—1 Uhr entgegen. Das erste diesjährige Konzert findet am 28. November ' im Blüthnersüale unter Mitwirkung hervorragender Solisten statt. s. Berlin, 23. August. Gestern ist hier nach langem und schwerem Leiden der allgemein bekannte und geachtete Rechtsanwalt und Notar Justizrat Albert Joachim im 50. Lebensjahre gestorben. Mit ihm ist einer jener Männer dahingegangen, die trotz der aufreibenden Arbeit ihres Berufes stets Zeit und Muße finden, ihre volle Kraft den Angelegenheiten des Judentums zu widmen. . Für den Fortschritt innerhalb unserer religiösen Gemeinschaft hat der Verstorbene mit Heller.Begeisterung und inniger Liebe Zeit seines Lebens gekämpft. Einen großen Verlust erleidet ganz besonders durch sein Hinscheiden der Wnai Brith-Orden. Seit vielen Jahren stand er mit an der Spitze der Bewegung, die der Orden in Deutschland hervorgerufen. Mit unermüdlichem Fleiß und seltener Hingebung arbeitete er an dem Ausbau der Institution, deren Aufblühen zum nicht geringen Teile mit sein Verdienst gewesen ist. Allen, die ihn näher kannten, war er ein liebenswerter Mann, hilfsbereit, treu und zuverlässig. Der Dahingeschiedene, der lange Jahre beim Kammergericht als Anwalt tätig war, erfreute sich weit über die Kreise seiner Berussgenossen hinaus großer Beliebtheit und Achtung. Bekannt ist seine „Gebührenordnung für Rechtsanwälte", die als vierte Auflage des Walterschen Kommentars erschien. Es war aber eine völlige und sehr glückliche Neubearbeitung des alten Kommentars, da die am 1. Januar 1900 in Kraft getretene Gesetzgebung auch den Inhalt der deutschen Gebührenordnung für Rechtsanwälte sehr erheblich verändert hatte. Sein Name wird in Ehren fortleben! e. Breslau, 24. August. Die Nobilitierung Getaufter oder von Juden Abstammender ist jetzt in Preußen keine Seltenheit mehr. Trotzdem ist die kürzlich erfolge Nobilitierung des Besitzers der oberschlesischen, aus etwa dreißig Dörfern und zwei Städten bestehenden Fideikommißherrschaft Tost-Peiskretscham, des Herrn Kurt Guradze von Interesse. Gilt doch die Bewirtschaftung und Verwaltung der dieser Herrschaft zugehörigen Rittergüter und Dominien seit Jahrzehnten bereits als mustergültig, und man hätte eine Auszeichnung des Besitzers im Kreise feiner Standesgenossen längst erwartet. Herr v. Guradze ist ein Sohn des vor etwas länger als einem Lustrum verstorbenen Oekonomierates Salo Guradze, dessen Vater Abraham Guradze (ursprünglich Gurascher geheißen), der vor etwa 60 Jahren die Herrschaft Tost-Peiskretscham von dem damaligen Besitzer, dem Grasen Gaschin, erstand, noch ein strengfrommer Jude war. Aus jener Zeit datiert auch der Aufschwung der Herrschaft, die seitdem das Neidobjekt der oberschlesischen Granden bildet. Von gewissem aktuellen Interesse ist die Tatsache, daß der ehemalige Staatssekretär des Reichsamts des Innern, Graf Posadowsky-Wehner, zur Verwandtschaft des frisch geadelten Herrn Kurt von Guradze gehört. Die Posadowskhs waren einst dort eingesessen und Gutsnachbarn der Vorfahren des Herrn v. Guradze. Der Tropfen semitischen Blutes, der in den Adern des als hervorragenden Sozialpolitikers geschätzten Staatsmanns fließen soll, ist dem Grasen v. Posadowsky von seiner Mutter überkommen, die, eine geborene Volkmar, deni Glauben ihrer Väter untreu wurde, um die Gattin des Vaters unseres ehemaligen Staatssekretärs zu werden. Ein etwas boshaftes Wortspiel, das damals dessen Ehe glossierte, machte aus dem Grafen Posadowsky einen Grafen „Poszydowsky". Das machte aber den also Bespöttelten in jener Gegend nur umso populärer. Ein Guradze war lange Jahre im Vorstand der hiesigen jüdischen Gemeinde. n. Witzenhanserr, 10. August. Gestern wurde hier das 75 jährige Bestehen der Chebra-Kadischa in solenner Weise gefeiert. Die Herren S. Steinhardt, erster, M. Lomnitz, zweiter Vorsteher, und namentlich Herr Lehrer Katz haben sich um die Hebung des Vereins sowie um das Gelingen des schön verlaufenen Festes sehr bemühü Die Feier wurde durch einen Festgottesdienst um 3 Uhr nachmittags in der Synagoge eingeleitett der nach dem Minchagebet aus Choral: Lobet den Herrn, und einer ergreifenden Predigt sich zusammensetzte. Dann folgte das Festessen, und ein Ball beschloß die Feier. Möge der Verein noch lange wirken und Gutes tun! ,

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