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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1908-08-28 · Heft 35 (28.8.1908) · p. Seite 420

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
72 (1908)
Issue
Heft 35 (28.8.1908)
Date
1908-08-28
Page
Seite 420 (sequence 14)
Language
German
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befindet sich Frau v. Pollak in dem - schönen Budapest.- Ihre Witze werden in ganz Ungarn, soweit das Gulyas herrscht,^ eifrig kolportiert. Und seit vier Tagen höre, ich auch'hier am Strande nichts als Pollak - Witze, die mir von gefälligen ungarischen Freunden aus dem Lande des klassischen Mikosch zugetragen werden. . Ich habe sie sogar in einer müßigen Stunde bereits sortiert und will Ihnen die besten und saftigsten hier zum Dessert vorsetzen. Den schlimmsten hat freilich der böse „Simplicisfimus" vorweggenommen. Frau v. Pollak führt nämlich eine Freundin aus Szegedin durch ihre schöne und elegante Wohnung. Sie zeigt ihr „den mosaischen Fußboden"; sie ruft begeistert aus: „Unsere Wohnung ist herrlich — wir habenden ganzen Tag Morgensonne, Zimmer an Zimmer Habenwir — die reinste-Hof- Wohnung". Und als sie in ihr Schlafzimmer gelangen, sagt sie zu der Freundin emphatisch: „Und hier beginnt die Flucht meines Mannes!" Genau ebenso komisch sind die Witze, die die verehrte Frau im gesellschaftlichen Leben zu machen beliebt. Ich habe hier einige nebeneinandergestellt. Frau Pollak verlangt im Teegeschäft 1J2 Kilogramm five o’clock tea. Sie fragt ihre Freundin um Rat, ob sie nächste Woche einen Thd dansant oder einen Cafe chantant geben solle Und als sie selbst gefragt wird, wie ihr die Sixtinische Kapelle gefallen habe, sagt sie: „Strauß gefällt mir besser." Sie jammert in Venedig über die Moskitos und schließt einen Brief an ihre Freundin „mit herzlichen Grüßen von Palais zu Palais." Während des Essens wird ihr einmal die Nachricht gebracht, daß sie eine Enkelin bekommen habe: „Ich hab's ja immer gesagt: La petite vient en mangeant“, ruft sie glücklich aus. Bei ihrem jour verabschiedet sich eine Dame, weil sie zu „Figaros Hochzeit" gehen muß, worauf Frau v. Pollak schlagfertig bemerkt: „Da geht man doch nicht, da telegraphiert man". Nachdem die letzten Jourgäste sich empfohlen, ruft sie ihrem Sohne zu: „Oskar, mach' provisorisch die Tür zu, der Diener kommt gleich". Und als dieser eingetreten: „Jean, bringen Sie mir das Hofopernglas und machen Sie das Fenster auf und lassen Sie das schöne Klima herein". Sie erzählt ganz entsetzt bei einem Feste, das sie gibt: „Ich bestell' ein Quartett, kommen da vier Leut angeritten". Und ein boshafter Kapellmeister behauptet, daß sie auf seine Frage: ob die für dieses Fest bestellte Komposition aus getragenen Melodien bestehen solle, entrüstet geantwortet habe: „Nein, mit getragenen können Sie zum Trödler gehen; ich will neue Melodien — mein Mann bezahlt sie!" Als ihr Mann in Triest ist, erzählt sie ihrer Freundin: „Mein Mann kann nicht kommen, hat er telegraphiert, weil die Debora weht!" Mit diesem Manne hat sie manchen Strauß auszusechten. Als von den Feiertagen die Rede ist, sagt dieser: „Ich geh'in die Synagoge!" Sie aber erklärt kategorisch: „Meinetwegen geh', wohin Du willst — ich geh' in den Tempel, wie ich es von meiner seligen Mutter vor mir gesehen habe!" Dies ist Frau v. Pollak. Nun ich hoffe. Sie kennen jetzt die jüngste und interessanteste Badeberühmtheit von Heringsdorf. Unzweifelhaft ist ihre' Erscheinung in unserer trübseligen Zeit eine humoristische Erquickung. Freilich die Sache hat auch ihre ernste Seite. Und es wäre falsch, nachdem ich Ihre Nachsicht zum mindesten für den ersten der oben mitgeteilten Witze in Anspruch genommen, nicht auch diese hier wenigstens flüchtig zu berühren. . Derartige Erscheinungen hat nämlich nicht nur Budapest. aufzuweisen, sondern auch Wien und Breslau und Frankfurt und viele andere Großgemeinden. Sie gehen aus dem Milieu hervor, das noch in den alten Traditionen auferzogen, ohne ausreichende Schulbildung in das Leben der Gesellschaft tritt und hier nun mit einer solchen Bildung protzen möchte. Also eine Art jüdischer Frau Buchholz? höre ich Sie fragen. Meinetwegen, obwohl dieser Typus gerade nicht jüdisch ist. Frau v. Pollak hat übrigens den Vergleich nicht zu scheuen. An Herzensgüte und Liebenswürdigkeit steht sie. weit über Frau Buchholz. Was die kleinen sprachlichen, geographischen und geschichtlichen Entgleisungen anbelangt, so kann man hier mit dem Berliner wohl sagen: „Wenn's Herz man jut ist!" Und so wünschen wir der verehrten Frau auch noch ferner viel Vergnügen in dem Heringsdorfe, das sie selbst so anmutig „trotz der Flundern eine vergnügte Sommerresistenz," genannt hat. 6. K. Litersrilche Mitteilungen. Systematische Bibliographie der Palästinaliteratur von Dr. P. Thomsen. (Verlag von Rudolf Haupt, Leipzig und New Pork, 1908). Der erste Band, die Literatur der Jahre 1895—1904 umfassend,' ist soeben erschienen. Er enthält die gesamte Literatur, also nicht nur Bücher, sondern vor - allem auch Zeitschriftenaufsätze, Notizen, Bemerkungen und sämtliche Rezensionen, wofür mehr als 360 Zeitschriften aller Länder und Sprachen bearbeitet worden sind. Die Literatur ist in systematischer Ordnung verzeichnet: I. Allgemeines und Bibliographisches (Bibliographien, Zeitschriften, buchhändlerische Anzeigen und Kataloge. Biographisches). II. Geschichte (inklusive Kreuzzüge). III. Historische Geographie und Topographie. IV. Archäologie (Reisen und Ausgrabungen). V. Neue archäologische Funde (Mosaiken, Inschriften usw.) VI. Das moderne Palästina (Politisches, Sitten, Religiöses, Sprachliches, Kolonisation inklusive Zionismus, Mission, Gesundheitliches). VII. Geographie (inklusive Geologie, Klimatologie, Fauna und Flora. Kaiserreise. Karten, Bilder). So findet der Kunsthistoriker, der Archäologe, der Numismatiker, der Folklorist, der Wirtschaftspolitiker, der Geograph und andere die Literatur seines Faches bequem zusammen und muß sie nicht erst aus einer ganzen Reihe von Jahrgängen mühsam zusammensuchen. Der Gebrauch des Buches wird durch ein sorgfältig gearbeitetes alphabetisches Register erleichtert. * — Dr.JacobThon: DieJudenin Oesterreich. (Berlin 1908.) Die vorliegende Arbeit bildet die vierte der monographischen Untersuchungen. welche das Bureau für Statistik der Juden,-- Berlin-Halensee, über einzelne Gebiete des sozialen Lebens der Juden veranstaltet und in zwanglosen Heften herausgibt.. Diese Monographie über die Juden in Oesterreich, deren sämtliche Angaben auf amtliche Quellen zurückgehen, ist die erste zusammenhängende und allseitige Darstellung der Zustände der jüdischen Bevölkerung in Oesterreich. Die Arbeit erstreckt sich auf eine längere Reihe von Jahren (in manchen Punkten auf die ganze zweite und teilweise auch auf die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts und entwirft so ein genaues Bild der Entwicklung ■ der österreichischen Judenheit. Besonderes Gewicht wurde auf die Beleuchtung der Verhältnisse der Juden in Galizien gelegt. Aus dem Inhalte seien nur die interessanten Kapitel über Zahl, natürliche Bewegung, Schulbildung, Umgangssprache, Berussverhältnisse, Kriminalität und Geisteskrankheiten erwähnt. Die Aufstellung der Grundtatsachen des sozialen Lebens der Juden in Oesterreich in ihrer historischen Entwicklung wird nicht nur zur Erkenntnis des modernen Judentums wesentlich' beitragen, sondern auch für sozialphilantropische Bestrebungen eine reale Grundlageschaffen. Druck und Verlag von Rudolf Mosfe in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.

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