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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1908-08-28 · Heft 35 (28.8.1908) · p. Seite 419

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
72 (1908)
Issue
Heft 35 (28.8.1908)
Date
1908-08-28
Page
Seite 419 (sequence 13)
Language
German
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. jüdischen Cafes in der Houston Street, - wo der dicke Qualm A won. billigen Zigarren und Zigaretten den Gästen die Augen 'beizt, und setzte sich an einen Tisch zu Bekannten. Er bestellte . : einen duftigen Mokka und zündete sich eine Zigarette an. Die > Bekannten sprachen mit Händen und Schultern und sämtlichen Gesichtsmuskeln von Stolhpim der Duma und den Oktobristen. Doch Joseph mochte von Politik nichts wissen. Er begann seinen Bekannten die auserlesensten jüdischen Witze zu erzählen. Als er das Lokal spät in der Nacht verlassen hatte, bemerkte er von ungefähr, daß er sein Scheckbuch nicht mehr bei sich hatte. Wahrscheinlich war es ihm aus der Brusttasche gefallen, als er einen Brief von seinem Onkel aus Tarnopol herausgezogen hatte, um ihn seinem Freunde vorzulesen. Rasch lies er zurück. Er sah wie an dem Tisch, wo er gesessen hatte, einer von den Bekannten aus seinem Scheckbuch vorlas, während die anderen mit offenen Mäulern und weit geöffneten Augen zuhörten. „Da is ja der Dollarkönig!" ries einer lachend. »Jetzt sind mer gekimmen hinter Deine Schliche, Cannes!" rief ein anderer. „Was gibst' e zum besten?" „Nu, was soll ich geben zum besten? Nischt!^ sagte Joseph, nahm sein Scheckbuch und eilte hinaus. In wenigen Tagen war es im jüdischen Viertel herum, daß der Joseph ein Scheckbuch hatte. Wo er sich blicken ließ, bekam er die Frage zu hören: »Joseph, is es wahr, daß Du hast ä Scheckbüchelche?" Worauf Joseph lachend entgegnete: „Nu, was soll ich nich Haben ein Scheckbüchelche. wenn ich Hab' eins gesunden?" Doch man glaubte ihm nicht. Irgendwie machte er im Geheimen Geld, der Hällunke, und spielte den Hungerleider, um nichts ausgeben zu müssen. Jeder suchte seine .Freundschaft zu gewinnen. Der Abraham Tulpenbeet, dem er mal von dem Schiebekarren und den 50 Dollars erzählt hatte, hielt ihn auf der Straße fest, kaufte an der Ecke bei Lefkowitz zwei saure Gurken frisch aus dem Faß heraus, eine für sich und eine für Joseph, und flüsterte ihm ins Ohr, wenn er die 50 Dollars noch haben wolle, könne er sie am nächsten Tage haben. Er wisse, daß gerade die Leute manchmal knapp seien an Geld, die ein Scheckbuch haben. . „Aber wenn ich Ihnen sage," erwiderte Joseph, „daß ich nischt habe auf der Bank?" Tulpenbeet biß in die saure Gurke, daß der Saft in seinen langen roten Bart floß, grinste, wiegte den Kopf von rechts nach links und umgekehrt und sagte: „Nu, schon gut — ich verstehe, es is wegen der Schnorrer- Aber der Tulpenbeet is diskret, und ich gebe Ihnen Frist so lange Sie wollen." ' Joseph dachte sich: man soll dem Glück' einen Stuhl anbieten, wenn's auf Besuch kommt, und willigte ein. Am nächsten Tage hatte er seine 50 Dollars, am Tage darauf seinen Schiebekarren mit dem Weiberputz, wieder am Tage später stand er am Rinnstein hinter seinem Karrenzwischen all den Glaubensgenossen.— als ebenbürtiger Kaufmann mit dem eigenen Geschäft. Und sein Geschäft blühte. Die.Weiber drängten sich herzu, bei ihm zu kaufen, namentlich die heiratsfähigen Töchter. Denn der Joseph mit dem Bankbüchelche erschien ihnen höchst begehrenswert. Es dauerte nicht lange, so war er in der Lage, Tulpenbeet die 50 Dollars zurückzuerstatten. Tülpenbeet erhob abwehrend die Hände und sprach viel von unnötiger Eile, nahm aber schließlich doch Geld mit den letzten Zinsen. Doch mußte ihm Joseph versprechen, wenn er wieder mal knapp an Bar- ... geld sei, sich nur an ihn zu wenden. 'Das versprach Joseph.-— Dieses Geschichtchen hat sich wirklich ereignet. Und der Schriftleiter eines New-^orker Blattes (für das Volk) hat nach seiner Gewohnheit einen Leitartikel mit einer Moral (für das Volk) darauf gemacht, die da tautet: „Wenn Du nicht reich bist, so versuche reich auszusehen, denn die Menschen helfen am liebsten denen, die gar keiner Hilfe bedürfen." Und ich wiederum konnte mir's nicht verkneifen, den Leitartikel literarisch auszugestalten und allerlei besondere New Horker Farben hinzuzufügen, bis - ein kleines Bild daraus wurde. -ÄMe . Von der Seile. II. ■ ... Heringsdors, im August, erkwürdig:. Vor einigen Tagen war ich von Nauheim aus in dem nahen Friedberg, .um das alte Judenbad zu bewundern, und'heute sitze ich schon in Heringsdorf, das unsere geliebten Gegner das moderne Judenbad nennen. Aber gleichviel, ich sitze hier. Und nun zünde der Knabe die Fackel wieder und fülle die Schale mit Nektar, d. h. für mich: mit Lucae-Sprudel. Ich sehe wieder das Meer, das große und weite, ich atme wieder Strandlust und Waldesduft, und ich darf zwar nicht selbst baden, doch ich kann Zusehen, wie andere das tun, wenn es mir Spaß macht. Mein altes Heringsdorf ist diesmal besonders schön, und es übt seine unverminderte Anziehungskraft auf viele aus. Aus allen Weltgegenden um Berlin und Stettin versammelt hier sich.alt und jung, um sich gesund zu baden. Es ist auch alles beim alten geblieben. Nur ein Ereignis hat sich in aller Stille vollzogen, das glücklicherweise bisher der Oeffentlichkeit unbekannt geblieben ist, nämlich die stille und friedliche, aber endgültig durchgeführte und nicht mehr zu adressierende Okkupation Heringsdorfs durch die Oesterreicher! Wie es im Juli hier ist, weiß ich nicht, aber im August herrscht hier Oesterreich-Ungarn unbedingt. Man hört nur zwei Sprachen: Wienerisch und Ungarisch. Alle Pensionen rühmen ihre österreichische Küche. Und nur selten vernimmt man einen norddeutschen Laut. In dieser großen Oesterreicher-Kolonie haben in den letzten zwei Wochen zwei Ereignisse Sensation erregt, nämlich der Geburtstag des Kaisers Franz Joseph, der hier mit der innigen Liebe und herzlichen Verehrung gefeiert wurde, die dem greisen Monarchen zukommt, und — das ebenso plötzliche wie erfreuliche Erscheinen der Frau v. Pollak am Strande! Sie kennen doch die Frau v. Pollak aus Budapest? Oder nicht? Nun, so will ich sie Ihnen in aller Form vorstellen. Frau v. Pollak ist eine sehr vornehme und liebenswürdige Dame, die mit Glücksgütern reich gesegnet ist, die ein schönes Heim, einen angesehenen Gatten, zwei treffliche Söhne hat. Es bleibt ihr also nichts auf Erden zu wünschen übrig. Nur einen Fehler hat die verehrte Dame. Sie führt nämlich seit ihrem Eintritt in die Gesellschaft einen unaufhörlichen aber leider erfolglosen Krieg mit den Fremdwörtern. Und. dadurch ist sie mit der Zeit zur Zielscheibe des Spottes für weite Kreise geworden. Sie wissen ja, daß jede Stadt so ihren Helden hat, dem sie alle Witze, beabsichtigte rmd mehr noch unbeabsichtigte, in den Mund legt, eine Gestalt, in der sich gleichsam der Humor der betreffenden Stadt verkörpert, und die dadurch selbst schon bei Lebzeiten eine gewisse Unsterblichkeit genießt. In dieser Lage

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