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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1908-08-28 · Heft 35 (28.8.1908) · p. Seite 418

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
72 (1908)
Issue
Heft 35 (28.8.1908)
Date
1908-08-28
Page
Seite 418 (sequence 12)
Language
German
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strengungen trennen, wirv sind überzeugtdaß ein gut Stück Weges zurückgelegt ist. Wir sehen den Weg ins Freie weder -in einen: Spaziergang noch in einer Wallfahrt nach Jerusalem, aber ebensowenig in dem Hineinpurzeln in Ungebundenheit und Frivolität. Bei aller Genußfreude kennen wir nur treue Arbeit und Pflichterfüllung, wir besitzen Ächtung vor uns selbst, Respekt vor der Vergangenheit undVertrauen in die Zukunft. Wir lassen uns durch rohe Ausbrüche der Beschränktheit — komme sie von antisemitischen Hetzern oder nationalen Querköpfen — ebensowenig schrecken, wie von verzweiflungsvollen Klagen ehrlicher Phantasten und erkennen unserseits als den einzig'möglichen Weg ins Freie das unablässige Ringen nach innerer und äußerer Freiheit. Mrphs Scheckbuch. Von Henry F. Urban (New Hork). I^r hieß Joseph und wohnte im jüdischen Viertel von New Jork, in einem elenden, muffigen Kämmerchen, das zur Wohnung eines mittellosen Glaubensgenossen im -fünften Stockwerk eines schmutzigen Armeleutehauses gehörte. In Wahrheit schlief er hier nur. Tagsüber stand er am Broadway, nahe, dem Madison Square, und verkaufte für einen Großhändler kleine Dachshunde.- Es waren aber keine wirklichen Dachshunde, sondern ein Spielzeug, das man aufblies, bis es die Gestalt eines unendlich langen, wurstähnlichen Dachshundes hatte. Wenn man zu blasen aufhörte, so schrumpfte der Hund mit einem kläglichen Jammergeschrei wieder zusammen und war. tot. So stand Joseph den lieben langen Tag und blies Dachshunde auf. Ab und zu verkaufte er einen. Die Meisten kauften wohl mehr aus Mitleid mit dem kleinen krummbeinigen Joseph, dessen Gesicht blaß und hohläugig und melancholisch war, und an dem der staubige, fleckige Anzug herumhing, wie wenn er an einem Kleiderständer hing. Und auf dem Kops saß ein viel zu großer beuliger schwarzer Hut, den nur die abstehenden umfangreichen Ohren davon abzuhalten schienen, daß er nicht über die Ohren rutschte. Auf zehn Schritte sah man Joseph an, daß er nicht genug aß. Ja, es war ein Hundeleben mit den lumpigen paar Cents Verdienst. Und doch — herrlich war^s im Vergleich mit dem Leben, das er daheim geführt hatte in Rußland, wo ihn Väterchens getreue Diener gepufft hatten und wo sie den Vater und zwei Bruder bei einem Pogrom erschossen hatten. Hier kümmerte sich niemand um ihn. Er konnte tun und lassen, was er wollte, so lange er sich nur anständig benahm. Und die Hauptsache: er konnte vorwärts kommen, konnte mal ein kleines Geschäft an sangen, konnte vielleicht wohlhabend werden. Wer weiß? Hatten nicht viele gleich ihm angesangen, die heute in ihrem eigenen Hause wohnten und im Automobil fuhren und einen großen Namen hatten in Israel und unter den Amerikanern? Hatte nicht der Loeb mit alten Kleidern angefangen und war jetzt der Inhaber von Iwan Loeb L Co., Fabrikanten von seiner Herren-Unterwäsche, mit einer Fabrik in Paterson und 1500 Arbeitern darin? Und der Mendel Gordon, der eigentlich Mendel Gasgeruch hieß und aus seinem Orte stammte und jetzt Importeur von. Pariser Kostümen für die Mrs. Vanderbilt war unddie Mrs. Ogden Goelet und die Mrs. Kernochan und die Mrs. Aftor? Aber er wollte schon zufrieden - sein, wenn er zunächst nur 50 Dollars hatte, um einen kleinen Schiebkarren zu kaufen und allerlei, Weiberputz. Das 'wollte er dann im jüdischen Viertelauf der Straße - verkaufen und sparen, immer sparen, bis es zu einem Lädchen in der Rivington Street reichte, oder da so herum, -und dann würde es schon weiter gehen Nur 50 Dollars brauchte, er. Er wollte sie leihen. Doch wer lieh ihm 50 Dollars? Worauf? Er hätte den etsten besten seinen Herrn von den Vorüber- . gehenden fragen können, und der hätte bloß in die Tasche zu greisen brauchen, und es wär< ihm gar nichts gewesen. Aber wenn erH gewagt hätte, wäre er sicher für verrückt gehalten worden. So dachte Joseph und blies am Broadway seinen Dachshund' auf, unermüdlich den ganzen Tag, und rief in seinem greulichen Englisch: „Take a Dachshund home mit you for the children> ten cents a piece!“ (Im Englischen gibt?s kein Wort für Dachshund.) . So war es wieder einmal Abend geworden, und Joseph klappte seine lederne Handtasche zu, worin er die Dachshunde hatte, und trat den Heimweg an, zu Fuß, um die fünf Cents für die Straßenbahn zu sparen. Als er die Straße ostwärts dahin schritt, dem jüdischen Viertel zu, stieß sein Fuß plötzlich an einen Gegenstand und schleuderte ihn eine kurze Strecke vorwärts. Joseph bückte sich und hob ihn auf. Es war ein funkelnagelneues Scheckbuch aus einer bekannten Bank. Joseph lächelte und steckte das Scheckbuch in die Tasche. Es war völlig wertlos für ihn. Aber es war ein ganz merkwürdiges Gefühl, dieses Ding da in seiner Tasche zu haben, wie wenn er ein reicher Mann wäre, so ein Dollarkönig, der seinen Blumenhändler trifft und sagt: „Ach, ich habe ja ganz vergessen, daß ich Ihnen die 250 Dollars für die Blumenrechnung vom letzten Monat noch nicht bezahlt habe. Warten Sie, das können wir gleich machen." Und er kritzelt rasch mit dem Füllfederhalter im Scheckbuch herum und sagt: „Hier, mein Lieber. Geschäft geht gut? Freut, mich, freut mich, auf Wiedersehen." So hatte es der Dollarkönig gemacht, den er im jüdischen Theater in der Grand Street gesehen hatte. Zu Hause in seinem Kämmerchen nach dem kärglichen Abendessen (Weißbrot, Käse und zwei Bananen) nahm er wieder sein Scheckbuch vor. Er griff zum Federhalter, kratzte die ver- . trbcknete Tinte fein säuberlich mit dem Taschenmesser von der Feder und schrieb zunächst auf die Rückseite des Deckels: Scheckbuch von Joseph Zuckerkant. Dann überlegte er, was er wohl machen würde, wenn er wirklich ein kleines Bankkontochen hätte, auf das er ziehen könnte. Vor allem stellte er einen Scheck über 150 Dollars auf seine Mutter in Rußland aus. Er hätte das so-gar nicht machen können, aber das wußte er nicht. Dann füllte er einen Scheck über 30 Dollars aus für einen neuen Anzug, dann einen Scheck über 30 Dollars für Wohnungsmiete. Wenn er nämlich weiter drüben an der zweiten Avenue eine hübsche Wohnung gehabt hätte, mit heißem und kaltem Wasser, einem hübschen Badezimmer und sonstigen Annehmlichkeiten. Dann füllte er einen Scheck aus über 50 Dollars für eine Sprechmaschine, aus der Caruso herausfingt und die Melba und andere Operngrößen. als ob man sie in der Oper hört. Das gab ein richtiges Konzert abends oder am Sonntag, wenn seine Freunde ihn besuchten. So trieb er's geraume Zeit. Mit verklärtem Gesicht saß er da und schrieb und genoß seine eingebildete Wohlhabenheit. Doch danach fiel ihm ein, jemand könne dahinter kommen und ihm Unannehmlichkeiten wegen der Schecks bereiten. Daher riß er die Schecks heraus und zerstörte sie. Er hatte das Gefühl, er müsse sich an diesem Abend etwas Gutes antun. So machte er sich fein und klapperte die fünf Stockwerke hinab aus die Straße. In Hirtensteins Zigarrenladen kaufte er sich eine Schachtel billiger Zigaretten. Danach ging er in eines der zahllosen kleinen

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