Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 35 (28.8.1908)
- Date
- 1908-08-28
- Page
- Seite 417 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3228798-3228834--64833-3276915- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
seine politische Laufbahn aufgibt, und noch weniger deutlich, warum er mitten aus den Pariser Arbeiten, nach Wien zurückkehrt und die Politik wieder aufnimmt, die er eben aufgegeben hatte. - Wenn die feigen Ueberläufer oder die starren Getreuen uns eher abstoßen als anregen, die Tätigen und die Liebenswürdigen höchstens unseren Verstand beschäftigen, nicht unser Herz, so sind die anderen gleichfalls höchstens dazu geeignet, unser vorübergehendes Interesse hervorzurufen. Das sind ganz besonders die Schriftsteller. In der Schilderung dieser Literaten, bei denen es nicht immer ganz klar wird, ob es wirklich Juden sind, z. B. dem jungen Poeten Winternitz, der als Dramaturg nach Berlin geht, oder dem Kritiker Gleißner, der, nachdem er eine Weile über Theaterstücke referiert hatte, nun mit weiblichen Seelen operieren will, treten namentlich zwei hervor: Heinrich Beermann und Nürnberger. In der Charakteristik dieser beiden hat Schnitzler jedenfalls sein Bestes gegeben und, wie ich vermute, aus dem Leben gegriffen. Wohl unterrichtete Wiener werden wohl auch bei anderen Partien und Personen des Buches imstande sein, uns die Urbilder zu nennen, die abkonterfeit, und die Vorgänge anzudeuten, die etwas frei wiedergegeben sind; bei diesen beiden bin ich fast sicher, daß zu ihrer Zeichnung lebende Modelle benutzt sind, gewiß nicht mit photographischer Treue, aber doch so, daß viele Züge dem wirklichen Leben entnommen sind. Rein technisch sind diese Schilderungen meisterhaft. Nürnberger hatte vor einigen Jahren einen Roman, sein Lebenswerk, geschaffen, in dem er das ganze moderne Oesterreich dargestellt hatte, mit seinen Kämpfen, Freuden und in seiner Zerrissenheit und Hoffnungslosigkeit. Seitdem gefällt er sich in schneidender Ironisierung aller menschlichen Verhältnisse, ein moderner Diogenes in seiner Dachkammer, und doch bereit, ganz gegen das Beispiel seines Vorbildes, sich von reichen Freunden zu Prunkmählern laden und zu glänzenden Reisen abholen zu lassen. Der zweite, Heinrich Beermann, ist eine sehr komplizierte Natur, ein fähiger Schriftsteller, der in einzelnen Skizzen und Dramen Glück gehabt hat, ein talentvoller Autor, der von dem Rechte des Dichters, stoßweise zu produzieren — d. h. ergiebig zu faulenzen — nur allzu reichlichen Gebrauch macht. Meist tut er nichts, dann arbeitet er in krampfhafter Hast gleichzeitig an einer romantischen Oper und einer politischen Komödie. Als Mensch hat er Erfolg in der Gesellschaft und Glück bei den Frauen. Aber es ist ein Herr, bei welchem dem Leser recht wenig wohl wrrd. Sein einst berühmter Vater stirbt im Jrrenhause; durch dieses tragische Ereignis, das alle anderen erschüttert, erleidet der Sohn kaum eine Gemütsbewegung; eine Schauspielerin, mit der er lange zusammengelebt hat, ertränkt sich infolge der Kühle, ja der Verachtung, mit der er sie behandelt: die einzige Empfindung, die er, der doch der Hauptleidtragende sein müßte, in sich fühlt, ist die der peinlichen Störung in seinen Lebensgewohnheiten, die Unlust an der unangenehmen Nachtfahrt in Gesellschaft der Mutter der Selbstmörderin. Beide Schriftsteller sind geistreiche Menschen; ihre Plaudereien über Menschen, Bücher, öffentliche und jüdische Verhältnisse sind originell und anregend. Bei allen Figuren des Romans, den wenigen Christen und den vielen Juden, empfängt man immer den gleichen Eindruck: der Autor operiert nur mit dem Geist, nicht mit der Seele. Ja, noch mehr: es steckt in der Darstellung aller dieser Typen nicht nur Sachlichkeit und Objektivität, sondern ein gut Stück Ironie. Es ist, als wenn der Verfasser immer bedacht wäre, dem Leser zuzurufen: Nehmt's nur nicht ernst, es ist ja doch alles nur Scherz oder — Schwindel. - Und so, glaube ich, wird man auch den Titel des Romans: „Der Weg ins Freie" als eine Blague — um einen unübersetzbaren französischen Ausdruck zu brauchen — aufsassen dürfen. Der Weg ins Freie — ja welche von den Figuren des Romans geht ihn denn eigentlich? Etwa Leo Golowski, der ein eifriger Zionist ist und doch ganz hübsch in Wien bleibt? Oder die erwähnten Schriftsteller, die alles ironisieren und doch von ihrem Kaffeehaus und ihrem Prater sich nicht trennen können? Oder Else Ehrenberg, die alles um sich her versteht, duldet, vielleicht sogar etwas Aehnliches mitmachen möchte, wenn sich die Gelegenheit dazu böte und schließlich einen reichen Glaubensgenossen heiratet, weil dieser Geld genug hat, ihre Launen zu befriedigen, eine passable Figur macht und mit englischem Akzent spricht? Oder Anna Rosner, die, nachdem sie einige. Minuten Mutterfreuden gekostet, ihre Klavierstunden weiter gibt, als wäre gar nichts weiter passiert und endlich doch vielleicht die Gattin von Berthold Stäuber wird, dessen Lebensmotto man mit den geflügelten Worten ^bezeichnen mag:. „Ich kann warten!"? Oder vielleicht Georg von Werkenthin, der, nachdem er gleichfalls geduldig gewartet, möglicherweise wirklich Kapellmeister in Detmold wird und dort, soweit es in der kleinen Residenz möglich ist, sein Hauptgeschäft weiter betreiben wird: das Herz brechen, oder'richtiger: das glückliche Bestehen von Alkovenabenteuern? Sie alle und ebenso die übrigen Figuren des Romans wollen ja gar nicht ins Freie, weil sie überhaupt kein Gesetz kannten und kennen, das sie beengt. Und sollte etwa der Titel des Romans sich auf das Judentum und seine Bekenner beziehen? Auch davon keine Spur. Wohl finden sich in den Gesprächen über jüdische Dinge, die zahlreich Vorkommen, gelegentlich begeisterte Lobpreisungen des Zionismus (Seite 133 ff) oder starre Aussprüche echt jüdischen Nationalstolzes (Seite 174), feine Bemerkungen über die Juden unter sich (Seite 186) oder über jüdische Sentimentalität (Seite 237) und anderes, aber den Weg ins Freie finden auch die Juden nicht, ja sie suchen ihn vielleicht nicht einmal. Höchstens wandeln sie den Pfad, den so viele Tausende vor ihnen gegangen sind, das heißt sie äffen den Christen nach und lassen sich taufen oder sie ähneln den vielen hundert Jüngeren, indem sie sich gleich ihnen zu einem theoretisch krassen Zionismus bekennen und mit Wonne ihre behagliche Daseinsfreudigkeit sortsetzen, oder — und das sind die wenigsten — sie beschreiten still die steile und dornige Straße, die zur Assimilation führt, aber nicht Pflicht- und zielbewußt, s ondern in der Erkenntnis, daß sie sie doch nicht zu einem gedeihlichen Resultat gelangen lassen kann. Denn also lautet das Bekenntnis des Geistreichsten und Unsympathischsten aus der ganzen Schar: „Assimilation . .. ein Wort.... ja sie wird wohl kommen irgend einmal... in sehr, sehr langer Zeit. Sie wird ja nicht so kommen, wie manche sie wünschen — nicht so, wie manche sie fürchten... es wird auch nicht gerade Assimilation sein .. . aber' vielleicht etwas, das so zu sagen im Herzen dieses Wortes schlägt. Wissen Sie, was sich wahrscheinlich am Ende Herausstellen wrrd? Daß wir, wir Juden meine ich, gewissermaßen ein Menschheitsserment gewesen sind — ja das wird vielleicht herauskommen in 1000 bis 2000 Jahren." Bescheidene Leute mögen sich damit begnügen. Wir anderen aber haben kein Behagen an einem Wechsel von so langer Sicht. Wir, die wir wissen, daß uns nur kurze ändert halb Jahrhunderte von Mendelssohns ersten rühmlichen