Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 35 (28.8.1908)
- Date
- 1908-08-28
- Page
- Seite 416 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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einer Revue erschienen war, lag bereits Mitte Juli die achte Auflage vor. Bei einem derartigen Erfolge müßte sich der Kritiker zum Schweigen verurteilen, wenn er sich wirklich; einbildete, durch seine Empfehlung, einem Buche zu weiterer Verbreitung zu verhelfen oder durch seinen Tadel vor dem Ankauf zu warnen. Der echte Kritiker, sofern er nicht berufsmäßiger Journalist ist, hat indes von seiner Aufgabe eine andere Vorstellung: er macht keinen Anspruch darauf, das buchhändlerische Geschick eines Buches zu bestimmen, sondern sieht seinen Beruf darin, die literarische Bedeutung des Werkes zu bewerten. Der Wert dieser Schnitzlerschen Studie — denn so möchte man eher das neue Werk bezeichnen als einen Roman — ist in einer Beziehung, nämlich in der Kulturschilderung, ziemlich groß. Freilich eine Darstellung des gesamten Wiener Lebens kann man es nicht nennen, denn weder das arbeitende Wien, die Welt der Handwerker, noch das geistig schaffende, die Gelehrten, noch die Welt der Diplomatie tritt irgendwo hervor. Mit wenigen Ausnahmen sind es vielmehr die Genießenden, die uns hier vorgeführt werden: Aristokraten, von denen einige abgeschlossen für sich leben, andere die Gesellschaft, das heißt die jüdische, gelegentlich besuchen, ein' einziger, Georg von Werkenthin, ausschließlich in jüdischen Kreisen verkehrt. Neben den Aristokraten die Juden: reiche und ärmere, beschäftigte Aerzte, Politiker, Schriftsteller; freilich meist solche, die es nicht nötig haben, Zionisten verschiedenster Färbung, jüdische Sozialdemokraten und Genossinnen. Das Eigentümliche an dem Buche ist nun, daß es weder ein Aristokratennoch ein Judenroman ist, obwohl es in beiden Kreisen spielt und noch weniger eine Mischung beider Arten. Das Romanhafte — denn man hat sich ja allmählich daran gewöhnt, eine Liebesgeschichte als das Hauptingrediens oder als den eigentlichen Inhalt des Romans anzusehen — ist ein Liebesverhältnis des bereits genannten Aristokraten mit Anna Rosner, der schönen Tochter einer kleinbürgerlichen Familie, die, wenn auch nicht durch und durch antisemitisch, so doch in dem Sohne einen Rekruten zur antisemitischalldeutschen Armee liefert. Dieses Liebesverhältnis bleibt nicht ohne Folgen, die Liebenden unternehmen eine Reise nach Italien, das Mädchen verbringt seine schwerste Zeit in einem Vororte Wiens und wird dort von einem toten Kinde entbunden. Georg, ein musikalischer Dilettant, der das Zeug in sich spürt, ein großer Komponist zu werden, nimmt die Stelle eines Hilfskapellmeisters in Detmold an und reist nach kurzem Wiedererscheinen in Wien nach der Stätte seiner künftigen Wirksamkeit, nachdem er sich freundschaftlich von der Geliebten getrennt hat, die ihm innerlich längst schon fremd geworden war. Während Georg mit dieser Christin ein folgenreiches Verhältnis hat, liebelt er mit allen möglichen Jüdinnen: Sissy Whner (sprich Weiner, denn diese Wiener- Juden waren in England), Else Ehrenberg, Frau Oberberger, Therese Golowski. Man muß nun nicht denken, daß alle diese jüdischen Damen gar nichts anderes zu tun haben, als Männern nachzujagen. Bei den meisten scheint es freilich so. Ihr Leben vergeht in gesellschaftlichem Treiben. Nur die letztgenannte, die in beschränkten Verhältnissen lebt, während die übrigen reichen, mindestens wohlhabenden Häusern entstammen, hat einen Beruf. Sie ist eifrige Sozialdemokratin, die für ihre Partei schreibt, redet, handelt, aber nichtsdestoweniger gelegentlich mit dem oder jenem anbandelt, ja sogar einmal mit einem ungarischen Adligen eine mehrwöchentliche Reise nach Italien unternimmt. (Letzteres halte ich für psychologisch unmöglich, wenn nicht die ganze Sozialdemokratie der jungen Dame Snobbismus .ist.)- Ob wirklich die ganze -jüdische, vornehme weibliche Gesellschaft Wiens ihren eigentlichen Lebensberuf, in der Liebelei findet, kann und will ich nicht untersuchen. Nur das eine muß konstatiert werden, daß keine einzige dieser jüdischen Frauen, trotz aller Lockungen, die sie durch Schönheit, Eleganz, Geistesbildung,, leidenschaftliches Temperament ausüben, irgend etwas Sympathisches besitzt, die Jungfrauen ebensowenig wie die Frauen. Man müßte denn die alte Frau Golowski ausnehmen, die, eine ungemein tätige, stets hilfsbereite Frau, auch Anna Rosner in ihrer schweren Zeit beisteht, und Menschenpflicht übt aus selbstverständlicher .Güte, ohne Dank und Lohn zu begehren. Diesem einen Bekenntnis muß man das andere hinzufügen: auch unter.den jüdischen Männern ist höchstens einer, wiederum ein alter, der eine wirkliche Sympathie erregt: nicht der alte Golowski, denn er ist eine Art Trottel, ' der ein müßiges und verfehltes Leben durch eine bejammernswerte Kaffeehaus-Existenz krönt, auch nicht der alte. Ehrenberg, trotz seiner unermüdlichen, von großem Erfolg gekrönten geschäftlichen Arbeit, trotz seiner Wohltätigkeit, trotz seiner Einfachheit, die er ebenso beibehält, wie jüdische Unmanier und Sprechweise in den feinen. Salons seiner Gattin und trotz der wohlangebrachten Ohrfeige, die er seinem christelnden Söhnlein appliziert, da er diesen überrascht, wie er vor einer Kirche ein Kreuz schlägt. Vielmehr ist es ein anderer Alter: ein trefflicher Arzt, Dr. Stäuber. Ein Mediziner, der in seiner jahrzehntelangen Praxis die Menschlichkeit nicht verloren hat, milde in seinem Urteil, human in seinem Benehmen, ehrenwert in seinen Anschauungen, charaktervoll in seinem Tun geblieben ist. Aber von den jüngeren ist auch nicht ein einziger, der uns Behagen einflößt. Gewiß am wenigsten der passive Held, das Früchtlein mit der Ohrfeige: Oskar Ehrenberg. Ich habe für diese Kavaliere nicht viel übrig, mit ihren gebügelten Hosen, ihren wohlgepflegten Händen und Schnurrbärten, gutsitzenden Kragen und den feinen, natürlich selbstgebundenen Krawatten. Ich gönne Herrn Oskar und anderen neidlos ihre Erfolge bei Weibern und selbst eine Reise in Gesellschaft eines Prinzen, und habe nicht einmal Mitleid mit seinem Selbstmordversuch, den er als Oberleutnant nach dem empfangenen Backenstreich unternehmen muß, um sich bei seinen Kameraden zu rehabilitieren. Auch Leo Golowski vermag unsere Neigung nicht zu erringen. Er ist ein fähiger Mensch, aber ein Halber, von allem etwas und im ganzen nichts. 'Er hat manches versucht, aber nicht zum Abschluß gebracht, ist unfertig in seiner geistigen Entwicklung, unklar in feinen politischen und religiösen Anschauungen. Er tut uns leid, wenn er während seiner militärischen Dienstzeit von seinem Leutnant, der nichts weniger als ein Antisemit von Beruf ist, geschunden wird, aber er klimmt nicht die Stufen zu dem Heroenthron empor, wenn er, kaum freigeworden, seinen Plagegeist insultiert und in einem Pistolenduell über den Hausen schießt; ja auch dann bleibt die innige Befriedigung über sein Schicksal aus, wenn wir vernehmen, daß er nach einer kurzen Untersuchungshaft durch einen kaiserlichen Gnadenakt völlig freigesprochen wird. Aber auch Berthold Stäuber, derjenige, den der Dichter mit der größten Sympathie schildert, soweit ihm diese Gabe überhaupt eigen ist, besitzt weder die Eigenschaften, die den Helden machen, noch die notwendige Kraft, die Neigung erzielt.. Er ist immer ein Zweiter, der einem anderen den Vorrang läßt, in der Liebe, in der Politik, in der Wissenschaft. So sehr uns sein wissenschaftlicher Eifer anmutet, der ihn nach Paris zu Pasteur treibt, so wird es uns nicht recht klar, warum er