Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 35 (28.8.1908)
- Date
- 1908-08-28
- Page
- Seite 415 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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■ toectybabei! ist :e§, ‘ daß Moses.' selbst 120 Jahre wurde; daß Kaleb nnt 80 Jahren noch so srisch war wie mit 40. Ebenso wurden Aharon, Piuchas und andere weit über 100 Jahre. Aber Hundertjährige leben ja auch jetzt noch unter uns. Und zwar auffallenderweise sind es nicht bloß Leute, die äußerst regelmäßig leben, keinerlei Exzesse begehen, von Geburt aus kräftig und gesund sind. Nein, in dürftigen Verhältnissen .lebende Personen, mitunter im Trinken und Rauchen durchaus nicht enthaltsam, schwächliche, oder geistig mehr als durchschnittlich angestrengte, die werden oft steinalt. Unter diesen Umständen kann die Ursache der langen Lebensdauer nur sein: Angeborene Disposition zur Erhaltung des Gleichgewichts im Organismus. Zur ungestörten Geltendmachung dieses Vorzuges bedarf _es aber wesentlich einer geistigen Harmonie; ein Faktor, der die gebührende Berücksichtigung in unseren Lehren von der Hygiene noch bei weitem nicht genügend gesunden hat. Man könnte nun sich vorstellen, daß es -eine Art der Zu- und Abführung zum Ersätze und der Ausscheidung gäbe, welche die Gewebe nicht angriffe; ja vielmehr geeignet wäre, sie zu kräftigen, zu verjüngen, so. daß also die Lebensdauer unbegrenzt sein würde. Das widerspräche aber der'Analogie mit dem Aufbau des Organismus, dem logisch nach einer Periode des Stillstandes die Abnahme der Leistungsfähigkeit zu folgen hätte. Daß aber die - letztere die höchsten Seelenkräfte nicht nur intakt lassen kann, sondern — (kompensatorisch, normaler Weise) erhöhen muß, dafür gibt es nicht nur klassische Beispiele, (Israels letzte Worte, Segen Moses) sondern das ergibt sich einfach aus der allgemeinen Erfahrung: Bei den Alten findet sich Weisheit und Einsicht. Wie z. B. Abraham, David alt und lebenssatt zu sterben — beides gehört zusammen — wird als die Norm angesehen. Alter schließt die Lust zum Weiterleben nicht aus; und Sättigung, am Leben kann einen Grad schon in jüngeren Jahren erreichen, der freiwilligen Tod veranlaßt. Jedenfalls: Vorzeitiger Tod ist in gewissem Sinne immer als etwas Abnormes, als Folge eines Uebels, oder um juristisch zu sprechen, als Strafe angesehen worden. . Wer durch Trunk, Ausschweifung, Leidenschaft, ungerechte Zumutungen an seine Arbeitskraft, sich selbst mißhandelt, an dem rächen sich die Organe: Er wird krank; er begeht gewissermaßen einen verlängerten Selbstmord-. Änderen Ortes hat Verfasser Analogien zwischen der Art der gesetzlichen und der — im obigen Sinne — natürlichen Strafen für Vergehungen gegen nur moralische Gesetze hervorgehoben/ Wie die Organe, die nach letzteren erkranken, verschieden sind, so sollen auch die gesetzlichen Strafen möglichst den verschiedenen Rechtsbrüchen entsprechen. Vor allem sollte die Todesstrafe in verschiedener Weise vollstreckt werden, wie die Landesgesetze außer Mord auch, andere Verbrechen für todeswert erklärt haben. Aus welchen Gründen hat man sich bei uns für das Fallbeil entschieden? Warum in Amerika für Elektrizität? Doch wohl nur, um den Tod in' humanster Weise herbeizuführen. Aber die äußeren Erscheinungen beim Uebergang vom Leben zum Tod sind hierfür nicht absolut beweiskräftig. Ein mit Curare vergiftetes Tier biegt regungslos, wie töt da; kann aber durch künstliche Atmung wieder zum Fortleben gebracht werden. Und hatte es das Gefühl inzwischen verloren? Die Unempfindlichkeit nach Chloroform beweist nichts. Denn wenn der Tod danach wirklich eintritt, so kann eine Wiederkehr des vollen Bewußtseins doch> im Gegensatz zu der vorübergehenden Narkose, hier dem definitiven Erlöschen des Lebens vorausgehen. Darüber wissen wir nichts. Mit Hamlet (dem übrigens der Vater ausführlicher -sein Jenseitseben geschildert hatte) müssen wir verzichten, etwas aus dem „unbekannten Laude zu erfahren, aus dem kein Wanderer zurückkehrt." Die altbiblischen Gesetze bestimmen für Kapitalverbrechen: Hinrichtung durch Schwert (nicht Block), Erhängen, Verbrennen, Steinigen. Die Tradition fügt noch hinzu Erwürgen. Strittig war, welche Todesart die humanere und in welcher Weise Verbrennen und Steinigen mit Rücksicht auf möglichste Milde zu vollziehen war. Die Mischnah-Lehrer haben sich dabei aber auf die damaligen ' Kenntnisse der Medizin gestützt, und ihre Ansichten können infolgedessen nicht für dauernd maßgebend angesehen, sondern auf Grund besseren Verständnisses der Lebensvorgänge rektifiziert werden. Immer mehr bricht sich die von dem Verfasser seit dreißig Jahren verfochtene These, daß wie die Bibel lehrt, das Blut — nicht die Zelle — das Leben, physisches und geistiges, vermittelt, Bahn. Auch der Tod erfolgt erst mit dem Erlöschen der Fähigkeit des Blutes, die Organe lebendig zu erhalten- Die Tradition zeigt leider schmerzhafte Lücken. Die Umwälzung der neueren Medizin datiert von der Entdecküng des Blutkreislaufs. Und doch mußte schon den Patriarchen bekannt sein, daß das Blut in einem geschlossenen System zirkuliert, dessen Eröffnung an einer Stelle es mehr oder weniger zum Ausfließen bringt, den Tod bedingt. Darum ist ja Schlachten die humanste Todesart, weil sofort in ergiebigster Weise der Körper, zunächst das Gehirn blutleer wird, womit zugleich auch das Bewußtsein erlischt. Mindestens schon in der Wüste mußte es bekannt sein, daß das Tier durch Schlachten entblutet wird, da der mit Ausrottung bedrohte Genuß des Blutes bei auf andere Weise getöteten Tieren unvermeidlich gewesen wäre. Und wie sollten in früherer Zeit angesichts der biblischen Auffassung des Blutes Opfer gebracht worden sein, bei denen das Blut — NB. das lebenskräftige Schlagaderblut — noch zum Teil im Körper war! Ein einfacher Blick auf die Opfergesetze, auf die Rolle des Blutes genügt, um das Vorhergehende zu beweisen. Durch jede andere Todesart bleibt noch ein Quantum Blut im Gehirn; und Eindruck von außen, namentlich bet Schmerz bei Durchschneidung des Rückenmarks, beim Verbrennen der Eingeweide durch geschmolzenes Blei, beim Hinabstürzen und Werfen mit Steinen, beim Erwürgen und Hängen wird noch gefühlt. Wie lange? Doch wohl , so lange, als das Herz von dem Blute aus zum Schlagen gebracht wird, beziehungsweise durch künstliche Mittel oder, nach einer Pause spontan, gebracht werden kann. Und das ist schon nach einer ganzen Zeit — bis zwölf Minuten — konstatiert worden. Hiernach ist die Ordnung der Weisen unrichtig: Schächten, wie gegen die Ephraömiten oder Benjamiten (Richter XX, 21) die mildeste Todesart; Verbrennen durch Feuer (gleich Ersticken durch Kohlenoxyd und Dampf), milder als Verbrennen der Eingeweide. Lwri nrm Romane. Von Professor Dr. Ludwig Geiger. I. L<^er große Roman des beliebten und hochbegabten Dramatikers)) scheint in seiner Heimat Wien und auch anderwärts großen. Erfolg zu haben, denn von dem erst im Mai oder Juni ausgedruckten.Buche, das ursprünglich in Arthur Schnitzler: Der Weg ins Freie. Roman. S. Fischer, Berlin 1908, -