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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1908-08-28 · Heft 35 (28.8.1908) · p. Seite 413

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
72 (1908)
Issue
Heft 35 (28.8.1908)
Date
1908-08-28
Page
Seite 413 (sequence 7)
Language
German
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gewährleisten, der Religion, die sie gelehrt hat, die sie noch lehrt, -und daß selbst ohne das unhaltbare Dogma des mosaischen Ursprungs, des göttlichen Gesetzes sie bestehen können— unter -der Voraussetzung eines ihnen adäquaten geschichtlichen Bekenntnisses. Wir blicken nicht mit Rivalität auf die anderen unitarischen Systeme, wir bewillkommnen sie als Bundesgenossen. Aber wir sind der Ansicht, daß es für den gegenwärtigen einheitlichen Monotheismus nicht eben gut ist, wenn wir nicht dabei bleiben sollten, unserer monotheistischen Lehre ihren historischen Namen, ihre historische Herkunft zu erhalten. Es liegt auch nicht im Interesse des Monotheismus, daß wir unsere trennende Art und Absonderung unter den anderen Religionen der Welt aufgeben sollen. So kann das liberale Judentum die Bedingungen für die Aufnahme von Proselyten leichter und weniger formell gestalten; aber es kann nicht — ohne . Selbstverleugnung seiner Prinzipien, da es doch eine kleine Minderheit unter starken Majoritäten darstellt — Mischehen und Geschlechtsverbindung das Wort reden. Das Judentum hat noch eine Arbeit zu verrichten und weist noch eine Zukunft in der religiösen Entwicklung der Menschheit auf. Diese Arbeit und diese Zukunft kommt, wie wir glauben, dem liberalen Judentum allein zu. Wir blicken voll Glauben in das Kommende, in das Kommende, das weder wir noch unsere Kinder erleben werden. Doch noch habe ich die Schwierigkeiten, die das liberale Judentum zu überwinden haben wird, nicht erschöpft. Noch weitere, und unter ihnen die größte, sind jetzt zu erwähnen. Die eine kann am besten erledigt werden durch Gegenüberstellung der Kritik, die von außenstehender Seite an ihr . geübt wurde. Man argumentierte, daß das liberale Judentum wohl geeignet wäre, für bemessene Zeit eine Religion für wenige kultivierte Völker zu - sein, da sie selbst ja Abkömmlinge der orthodoxen Juden seien, ihnen mithin viele der ererbten Gefühle eingewurzelt seien. Nie aber werde es eine Religion für die Massen werden. Dafür fehle ihm der entsprechende Anreiz. Man führte — dieses zu beweisen — an, daß das treibende und kraftschaffende Moment der Gestalt Jesus Christi im Christentum teilweise durch die vorwärts treibende Macht des Gesetzes im Judentum ersetzt werde. Ergebung in das vollkommene und göttliche Gesetz auf der einen Seite und ein intensiver, selbst enger Nationalismus auf der anderen Seite — diese beiden Momente haben das Judentum durch Jahrhunderte, durch ganze Zeitalter aufrechterhalten. Und gerade diese Motive sind es, die der Liberalismus im Judentum vernichtet hat, das eine getreu den Ergebnissen geschichtlicher Forschung, das andere in dem Gedanken an eine den Interessen wirklich universale Religion. Auf diese Kritiken kann und will ich nur folgendes erwidern. Diese beiden Abweichungen, die man so gern Zerstörungen nennt, haben ihren Ursprung in heißem Bemühen um die Wahrheit, das heißt im Dienste der Religion. Darin liegt unser treibendes Element. Wo etwas Wahres aufkommt, da müssen wir ihm als Leitstern folgen. Wir glauben, daß das Judentum innerlich wahr und ausgestaltet genug ist, diese „Vernichtungen" zu überleben; unsere Kritiker sind der entgegengesetzten Meinung. Wer von uns-recht hat, wird die Zukunft zu entscheiden haben. Nun komme ich zur letzten Schwierigkeit, einer Schwierigkeit die gerade jetzt vielfach erörtert und behandelt wird; betrifft sie doch den Nationalismus im Judentum, und die gerade in letzter Zeit eine ganz besondere und äußerst komplizierte Form angenommen hat. Arber den Arlprung und dir Ledrutung drr Lerrmomrn im Judentum? Von Rektor Dr. K. Köhler in Cincinati. I. /tTVe Bedeutung der Zeremonie im religiösen Leben des Juden bildet einen der wesentlichen Unterscheidungspunkte zwischen der Orthodoxie und der Reform. Dem auf rabbinischem Standpunkt stehenden Judentum ist -das auf Sinai geoffenbarte schriftliche und mündliche Gesetz ewig unabänderlich, wie dies im neunten Glaubensartikel des Maimonides, wie in seinem Kodex Jesode da Torah 9 auf Grund von Sanhedrin 99 ab klar ausgesprochen ist, und gilt jedes der 613 mosaischen Gebote als grundlegend (siehe David ben Zimra^s Responsa I. 344). Die bereits von den Alten in Sifra Achare Moth 13 (vergl. Joma 67 b) gemachte Unterscheidung zwischen sittlichen Geboten, die die Vernunft diktiert, und Ri tual Vorschriften, die den Widerspruch des gesunden Menschenverstandes oder der Welt Hervorrufen, läßt durchaus den Schluß nicht zu, daß die ersteren von größerer Wichtigkeit sind. Ebensowenig ist die von den späteren Denkern versuchte Einteilung der mosaischen Gesetze in Vernunft- oder soziale und göttlich geoffenbarte Gebote, wie sie bei Saadia, Emunoth 3, 1—2, bei Jbn Ezra zu Exodus 21, 2 und. Kuzari 2,48; 3,7 und 11 zu finden ist, darauf berechnet, den ersteren einen höheren Rang anzuweisen. „Die göttlichen Vorschriften, gleichviel ob ihre Gründe uns verständlich sind oder nicht, verlangen unbedingten Gehorsam," lehrt Maimonides im Noreb III, 26 mit Hinweis auf Joma 67 b, Sanhedrin 21b, Bereschit Rabba 44 und Berakot 33 b. Ja, mehr als das. Während Maimonides gleichfalls die mosaischen Gesetze in allgemein menschliche oder soziale und spezifisch jüdische oder religiöse Vorschriften einteilt, schreibt er gerade den letzteren im Hinblick auf ihre höheren geistigen Ziele und Zwecke einen höheren Rang zu. Siehe Moreh 3,27 und Mischnah-Kommentar zu?eab 1-1. Irrtümlich hat man sich auch auf Simeon Duran und Joseph Aldo berufen, die der erstere in Magen Aboth zu Anfang und der letztere in Ikkarim 3,15, vom Zeremonialgesetz im Unterschied von den sittlichen, sozialen und Rechtsvorschriften reden, und dabei übersehen, daß auch diese -für die religiösen oder göttlich geoffenbarten Satzungen eine bevorzugte Stellung erheischen, weil sie gerade die jüdische Form der Gottesverehrung bilden. In diesem Licht betrachtet, befand sich Moses Mendelssohn in vollem Einklang mit der Tradition, wenn er, Rationalist, wie er war, erklärte, daß die Zeremonialgesetze den wesentlichen Teil der mosaischen Gesetzgebung bilden, während die Sittengesetze des Pentateuchs, als Diktate der Vernunft und des gesunden Menschenverstandes, Eigentum der ganzen Menschheit seien. So meint er denn, daß das jüdische Volk als die echten Theisten inmitten einer polytheistischen oder Gott anthropömorphisch verehrenden Welt durch Zeremonialgesetze, die die religiösen Wahrheiten in Zeichen und Bildern ausdrücken, vom göttlichen Gesetzgeber für alle Zeiten vereinigt wurden. Statt Glaubensartikel, die die Vernunft in Fesseln schlagen, sollten diese Zeremonien eine Art Bildersprache bilden, die zum Nachdenken veranlassen und zu sittlichen Handlungen anspornen kann. Von diesem göttlichen Gesetze aber könne sich kein im Hause' Jakobs Geborener i) Ein vor der Amerikanischen Rabbinerkonferenz in Frankfurt (Michigan) im Jahre 1907 gehaltener Vortrag.

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