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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1908-08-28 · Heft 35 (28.8.1908) · p. Seite 412

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
72 (1908)
Issue
Heft 35 (28.8.1908)
Date
1908-08-28
Page
Seite 412 (sequence 6)
Language
German
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Cr M M #1 wählen. Auf Seiten der Juden kommen zwei.Kandidaturen in Betracht, diejenigen des Herrn Antebi, Leiter der.Alliance- Schule in Jerusalem,, und die des Herrn Levy, Manager der Anglo-Palestine Company in Jerusalem. . Der letztere dürfte die größeren Chancen haben, da er die türkische Sprache vollkommen beherrscht und nationalgesinnte wie liberale Elemente für ihn stimmen werden. Aus allem geht hervor, daß es für eine gedeihliche Entwicklung der Zukunft der palästinischen Judenheit unumgänglich notwendig ist, daß sie die türkische Staatsangehörigkeit erwerben. und die türkische wie die arabische Sprache erlernen. Wie es Heißt, würden gerade den Juden beim Erwerb der Staatsangehörigkeit keinerlei Schwierigkeiten gemacht werden, da man die Leistungen der Juden für die Entwicklung Palästinas sehr hoch schätzt. Ueberhaupt ist die Stimmung für die Juden in der jungtürkischen Partei sehr günstig, und wie man berichtet, wird diese ihren Ausdruck darin finden, daß eines der begabtesten jüngeren Mitglieder des diplomatischen Korps D au d Essen di, zum Unterstaatssekretär im Ministerium des Aeußern ernannt werden wird. Liberales Judentum. Ein Vortrag von Claude G. Montefiore. IV. ^ch habe Ihnen berichtet, daß der7 Liberalismus eine geschichtliche Religion ist,und daß er die Verknüpfungen und Beziehungen zur Vergangenheit aufrecht zu erhalten sucht. Es ist kein reiner „Deismus". Und doch werden —so glaube ich — die meisten liberalen Juden nicht nur daran festhalten wollen, daß die Lehren ihres Glaubens, sondern auch daß sein Ritus und seine Zeremonien, mögen sie auch einen ausgesprochen jüdischen Charakter tragen, im letzten Ende folgende Bedingungen erfüllen müssen. Sie alle müssen religiös sein und religiösen Wert besitzen. Das will besagen, daß kein Ritus aufrecht zu erhalten sei, der ausschließlich nationalen Charakter aufweist und der einen religiösen Inhalt nicht in der Gegenwart besitzt, auch in Zukunft nicht mit einem solchen ausgestattet werden kann. So ist es — beispielsweise — nicht religiös, Instrumentalmusik aus der Synagoge zu verbannen. Es hat nichts mit dem Glauben als solchem zu tun, daß eine Frau, die von ihrem Mann, der ihr die Ehe brach, die Scheidung erlangte, nicht wieder sich soll verheiraten dürfen, wenn ihr nicht der Mann einen Scheidungsbrief nach jüdischem Ritus zu senden geruht. Und ebensowenig mit Religion hat es zu tun, daß Frauen und Männer während des Gottesdienstes nicht zusammen sollen sitzen dürfen, wie daß ein Mann, der den Namen „Cohn" führt, eine Pvoselytin nicht heiraten darf. Es ist nicht religiöser Gesichtspunkt maßgebend, daß der öffentliche Gottesdienst ausschließlich in hebräischer Sprache abgehalten werden muß, und in der Art noch vieles mehr. Sehen wir uns wieder einmal die Speisegesetze an. Das orthodoxe Judentum hat ja auf sie immer ein ganz besonderes Gewicht gelegt, es hat einen Teil von ihnen sogar selbst geschaffen, und sich nicht rein an die Vorschriften des Pentateuch gehalten, sondern ihm eine Anzahl rabbinischer Vorschriften als koordiniert angegliedert. Der orthodoxe Jude will nicht nur Schwein und anderes nicht essen, sondern er will auch kein Fleisch genießen, das von Tieren, die nicht in ganz bestimmter Weise getotetsind, herrührtund vorschriftsmäßig zubereitet ist, und er will nicht Fleisch und Milch oder Fleisch und Butter zusammen genießen. Diese Speisegesetze haben in der Geschichte des Judentums eine große Rolle gespielt und haben sehr bemerkenswerte Wirkungen nach der guten wie nach der schlechten Seite geäußert. Das liberale Judentum kann nun in diesen Gesetzen keinen göttlichen Befehl entdecken. Es hält ihren^UrsPrung nicht.schon deshalb für einen göttlichen, weil sie im Pentateuch stehen; es kennt die Geschichte dieser Gesetze und ihre fast universale Vorherrschaft in allen alten Religionen. Wenn nun aber jemand diese Vorschriften anerkennen will oder einigen von ihnen gehorchen will — vorausgesetzt daß es. biblische Gesetze sind, die nicht nur einen sozialen Unterschied zwischen Jude und Nichtjude Hervorrufen — sie anerkennen will als eine gute Uebung für Selbstverleugnung und Selbstbeherrschung, so hat das liberale Judentum dagegen nichts einzuwenden. .Jeder mag in dieser Beziehung tun, was ihm recht dünkt. Es ist sehr gut so, daß auf religiösem Gebiete ein Feld freier Betätigung ist, von dem niemand sagen kann, daß das Nichthalten von Vorschriften im Prinzip schlecht, das Festhalten an ihnen im Prinzip gut ist. Ein zweites Postulat ist, daß jedes Gesetz-nicht nur allein religiös, sondern mehr, universell religiös sein soll. So ist das Paffahsest beispielsweise ein Nationalfest, aber es. kann ausgestattet werden nicht nur mit religiösem Gehalt, sondern darüber hinaus mit einem universell religiösem Inhalt. Das Interesse, das es erweckt, ist nicht nur national, nicht nur für den Volksstamm geschaffen, es ist nicht vergänglich, noch an einen Ort geknüpft. Als Fest der Freiheit, als Geburtssest einer großen monotheistischen Religion hat es universelle Bedeutung. Und eine, dritte Bedingung! Jede Lehre, jede Zeremonie muß mit ethisch - monotheistischem Gehalt erfüllt sein, durchtränkt von unserer höchsten Auffassung des Gottesbegriffes, seiner Beziehungen zu den Menschen. Das Dogma des auserwählten Volkes entspricht dieser Forderung, wenn es dahin ausgelegt wird, daß es eine Auswahl für seine' Verehrung bedeuten solle und nicht in ' dem Sinne, daß diesem Stamm allein die Segnungen gebühren; wenn es dahin ausgelegt wird, daß alle Menschen auf der Erde in den Augen Gottes gleich sind. Und endlich und schließlich darf kein Dogma und keine Zeremonie ein anerkanntes Forschungsergebnis der Wissenschaft oder der Geschichte mißachten. Man kann sich fragen, ob diese Bedingungen sich leicht aus eine Religion anwenden lassen, die so innig mit der Geschichte einer Rasse zusammenhängt, so fest mit einem partikulären Kodex verknüpft ist, wie das Judentum, ja nicht nur nicht leicht, ob es überhaupt möglich ist. Wenn man sich vergegenwärtigt, daß mehr als zweitausend Jahre ein Hauptdogma des Judentums, die Autorschaft des Pentateuch von Moses, die Vollendung durch Gott geschaffen und mithin seine Geltungskraft unabänderlich ist, und wenn man weiter sieht, wie dieses Dogma sich macht- und kraftvoll im Gottesdienst und der Liturgie der Synagoge ausgedrückt hat, so kann mit Recht die Frage gestellt werden: Wie kann das Judentum weiter bestehen, wenn dieses Dogma ausgegeben wird? Ich gebe zu, es ist schwierig. Welche Religion aber hat keine Schwierigkeiten? Und in der Religion, wie in allen anderen Gebieten müssen Schwierigkeiten durch Kampf und Eroberung, nicht durch Paktieren und Ergebung überwunden werden. Wir liberalen Juden vertrauen darauf, daß die eigensten Lehren des Judentums groß und kraftvoll genug sind und innere Ueberzeugungsmacht hinreichend besitzen, um ihre Loslösung von an die Zeit gefesselten Dogmen und Umständen zu überdauern. Wir glauben, daß sie gefestigt und bestimmt genug find, um ein Fortbestehender Religion zu >' --. " --

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