Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 35 (28.8.1908)
- Date
- 1908-08-28
- Page
- Seite 411 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Generalstabes in Berlin das Werkzu Ende geführt. Der Ballon hat sich genau so bewährt wie der jetzige Zeppelinsche Ballon, ist gegen den Wind gefahren, hat gewendet und ist nur wegen des Herabgleitens eines Treibriemens und durch das Oeffnen des Ventils zu jäh zur Erde gefahren. Nach dieser Demonstration wurd'e ich aufgefordert, den Ballon nochmals zu bauen, ich zog es jedoch vor, meine Rechte anden Grafen Zeppelin äbzutreten, eines Mannes von großer Energie und bewundernswerter Hingabe an die große Sache. Herr Dr. Wächter sagt ferner, daß mein Mann in Petersburg abgewiesen worden sei. Auch in diesem Punkte befindet sich Herr Dr. Wächter in einem tatsächlichen Irrtum. Bereits im Jahre 1895 baute mein Mann für das Geld der russischen Regierung einen Ballon, welcher auch dort sich vollständig bewährte. Mein Mann verließ jedoch Petersburg wegen seiner angegriffenen Gesundheit und ging nach Deutschland, wo er mit dem Aluminiumsabrikanten Berg das Luftschiff gebaut hat, für dessen Idee sich auch Kaiser Wilhelm lebhaft interessierte." Die Antwort des Grafen Zeppelin auf diesen Brief ist eigentlich eine Bestätigung dieser Behauptungen. Ueber die Errichtung eines Rabbinerseminars in Rußland schreibt uns unser geschätzter Mitarbeiter, Herr Leon A. Trachtenberg: Die Rabbinerversamnilung des Chersoner Gouvernements hat stattgefunden. Unter anderem wurde beschlossen, sich um folgende Dinge zu verwenden: Legalisierung der jüdischen Gemeinden mit allen Funktionen, nämlich: der Bildung, der Wohltätigkeit, der Fürsorge, der Beerdigung, Aufhebung der Fleischpacht („Lvrodotsobn^ Sbor"), als Ersatz dafür eine direkte Steuer, auf Grund der Einkünfte, und Wohnungsauflage, Aufhebung der Lichtsteuer, Reformierung der jüdischen Kreisschulen und Lehrinstitnte, unter Hinzuziehung von erfahrenen Fachleuten aus den jüdischen Gemeinden. Nach der offiziellen Anerkennung des geistlichen Rabbinats wird die Regierung ersucht, die Rabbinerkommission zu reformieren, dieselbe in eine permanente zu verwandeln, aus sieben, von der Rabbinerversammlung gewählten Personen, mit dem Sitze in Petersburg, und zwar je einem Vertreter jeden Gouvernements des Ansiedlungs- . rahons, um wichtige Angelegenheiten zu entscheiden. Ferner wurde beschlossen, die Negierung zu ersuchen, einen allgemeinen russischen Rabbinerkongreß einzuberufen, und sich dafür zu verwenden, daß der Unterricht in der Religionslehre in allen Lehranstalten als ein Pflichtgegenstand einzuführen sei. Schließlich wurde der, Beschluß gefaßt, die Sicherstellung der Rabbiner und ihrer Gehilfen, ebenso die der Lehrer, nach Ablauf der Dienstzeit, durch Pension, nach allgemeinem Muster, einzuführen. Wie Sie sehen, sind die Resultate der Verhandlung sehr günstig. Zu wünschen ist nur, daß die Regierung alle diese Wünsche in Betracht ziehen möge! Nur eine Sache haben die Herren Rabbiner in Cherson vergessen, während die in Kiew daran gedacht haben, und zwar, wie wir glauben, eine der wichtigsten, nämlich die baldige Errichtung eines Rabbinerseminars nach dem Muster des Breslauers oder der Hochschule für Wissenschaft des Judentums in Berlin. Ein Rabbinerseminar tut uns in jeder Beziehung ungemein not. Seit der Aufhebung der Rabbinerschulen in Wilna und Zhtomir besitzt Rußland kein einziges Institut zur Heranbildung von Theologen. Es gibt wohl, wenn wir nicht irren, ein oder zwei jüdische Lehrerinstitute, , aber dieselben bilden keine Rabbiner aus. Und dann müßte das Gesetz abgeschafft werden, welches in keinem Lande existiert, nämlich, daß junge Leute, die irgend eine Volks- oder Kreisschule beendigten, das Recht besitzen — als Rabbiner zu fungieren. Außerdem ist es nach dem russischen Gesetz einem Apotheker, Tierarzt, Ingenieur, Arzt, Kaufmann oder sonst wem, der Schiffbrüch in seiner Karriere erlitten, gestattet, als Rabbinatskandidat auszutreten! Derselbe mag nicht imstande sein, ein Gebet in der Ursprache vorzutragen, oder öom jüdischen Gesetz keine blaffe Ahnung haben, er kann die jüdischen Religionsgesetze und Ritualien im Geheimen und sogar, öffentlich verletzen, nichtsdestoweniger ist ein solcher Mensch berechtigt, der geistliche Führer einer großen jüdischen Gemeinde zü sein. Uns persönlich sind .Fälle bekannt, wo Kronrabbiner. in selbst größeren' Gemeinden solche Ignoranten sind, daß sie nicht einmal imstande sind, den Segen über die Thora im Original zu sprechen! — Wenn schon unsere Jugend in den letzten Jahrzehnten immer mehr und mehr das hebräische Wissen verliert, was sicher zu beklagen .ist, so muß doch die Gemeinde wenigstens einen Rabbiner Haben, dem die hebräische Sprache — diese heilige Erbschaft unserer Väter — keine vollkommene terra incognita ist! Wo in aller Welt gibt es eine Konfession, an deren Spitze irgend' ein verdorbener Arzt oder Apotheker, der in seinem Fache selbst nichts versteht, oder der dort nicht reüssierte, sich befindet? Uns wenigstens ist dies nicht bekannt. Jedes Fach muß erlernt und studiert werden; nur das Fach eines Rabbiners und Predigers im heiligen Rußland bedarf dessen nicht! Wahrlich, es ist sehr komisch, wenn es nicht so traurig wäre! Wir begreifen nicht, wie es kommt, daß unter den Rabbinern des Chersoner Gouvernements, wo wahrscheinlich auch ein Vertreter der größten Stadt dieser Provinz — wir meinen nämlich die Stadt Odessa—sich keiner gefunden habe, der diese wichtigste Angelegenheit, das Rabbiner-Seminar, nicht aufs Tapet und zur Sprache gebracht habe. Schreiber dieses ist bloß ein Laie, und dennoch beschäftigt ihn diese Frage seit einer Reihe von Jahren, und wir haben sie schon mehrere Male in verschiedenen Aussätzen besprochen. Wollen die Herren Rabbiner mit der Reorganisierung und vollkommenen Reformierung der jüdischen Gemeinde und mit allem, was daran hängt, sich befassen, so darf man diese Lebensfrage nicht außer acht lassen. Die jüdische Jugend muß einen klassisch gebildeten Rabbiner und' Prediger vox sich haben, der natürlich die Gabe der Rede besitzen muß, um dieselben in Religion und Geschichte zu belehren, welche beiden wichtigen Gegenstände derselben leider vollkommen fremd find. Unserer umaßgeblichen Meinung nach müßte das Seminar in Odessa eröffnet werden. Diese Stadt besitzt eine Universität, eine gebildete jüdische Gemeinde, und in ihrer Mitte befinden sich geistige Kräfte genug, um unter diesen Lehrer für die Anstalt zu finden. Walte Gott, daß diese wichtige Angelegenheit bald in die Hand genommen und zum Wohle des russischen Judentums verwirklicht werden möge! & Mit großer Spannung verfolgt man allerorten die Entwicklung der Dinge in der Türkei. Wie ein Märchen mutet uns moderne Menschen die Nachricht an, daß nunmehr auch in Jerusalem die Konstitution von der Festung Davids herab proklamiert worden. Der bisherige Pascha, der der jüdischen Kolonisation viele Hindernisse bereitet hat, und der dank seiner Beziehungen zur Pforte, wo er früher Sekretär war, großen Einfluß hatte, ist bereits abgesetzt worden. Der Jubel und die Freude in Jerusalem sind natürlich unbeschreiblich. Die Juden nehmen daran lebhaftesten Anteil. Auch aus Jaffa und aus den jüdischen Kolonien wird von Freudenkundgebungen berichtet, an denen alle Bevölkerungsschichten und Nationalitäten gleichen Anteil nehmen. Sogar die Zensur, die bis zum 8. d. M. noch bestanden hatte, weil der Pascha aus Lästigkeit die Verfassung noch nicht proklamieren ließ, ist nunmehr völlig aufgehoben! Und jetzt rüstet man sich zu den Wahlen. In Jerusalem und Jaffa sind verschiedene nationale Komitees zwecks Vorbereitung der Wahlen eingesetzt worden. Außerdem hat sich in Jaffa ein liberales Komitee konstituiertum die Durchführung der neuen Ordnung zu beschleunigen. Selbstverständlich werden nur diejenigen palästinischen Juden an den Wahlen teilnehmen können, die o 11 omanische Staatsangehörige sind. Leider sind deren noch sehr wenige. Von den 100000 Juden Palästinas werden statt etwa 20 000 kaum 2000 Wahlberechtigte sein! Der Rest gehört meistens dem russischen oder österreichischen Staatsverband an. Verschiedene Vertreter der Araber und der Armenier in Jerusalem sind gern bereit, mit den Juden einen Block für die Wahlen zu bilden. Man plant, zwei Araber und einen Juden aus dem Bezirk Jerusalem für die Kammer-