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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1908-08-28 · Heft 35 (28.8.1908) · p. Seite 410

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
72 (1908)
Issue
Heft 35 (28.8.1908)
Date
1908-08-28
Page
Seite 410 (sequence 4)
Language
German
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Die Woche. oft genug dieses Stoffes bemächtigt. Seelisch und religiös ist das kleinste verstandene Gebet ganz -natürlich unendlich viel wertvoller als tagelanges Geplärr in einer unverstandenen Sprache. Wenn das Verharren der Orthodoxen bei der Forderung, daß in hebräischer Sprache gebetet werden solle, überhaupt einen Sinn hat, so ist es der, daß die Kenntnis der hebräischen Sprache bei den Juden nicht verschwinden möge. Abgesehen davon, daß dieses Ziel nicht erreicht worden ist, daß die meisten Juden nicht verstanden haben, was sie beteten, sehr oft den größten Unsinn zusammenlasen, wird dieses Ziel, viel sicherer erreicht,-wenn einige Hauptgebete der Jugend so einftudiert werden, daß sie sie gut übersetzen können, die übrigen Gebete aber in der Landessprache gesprochen werden. Wer größeres Interesse sür die hebräische Sprache hat, kann und wird sich ja eine größere Kenntnis aneignen. - Unter solchen Umständen kann man nicht anders als zu dem Schluß kommen, daß. bei den Juden die Orthodoxen durchaus nicht das Recht haben, den Anspruch zu erheben, das Judentum allein gepachtet zu haben, nicht das Recht, haben, den Freisinnigen Häresie zum Vorwurf zu machen. Dagegen trifft sie allerdings der Vorwurf, daß sie zuviel Gewicht legen auf Nebensächliches und Veraltetes, und daß sie gerade dadurch dem Wesen der Religion weit mehr schaden als nützen. Das Judentum bedarf, um dem fortgeschrittensten, auf der Höhe der Bildung des zwanzigsten Jahrhunderts stehenden Geiste zu genügen, keiner Umwälzung; es genügt, einige kleine Auswüchse, einige Anachronismen zu entfernen, die wahre Bedeutung einiger Vorschriften zu erkennen und erkennen zu lassen, zuzugeben, daß viele Anordnungen nicht der Gottheit, sondern der Menschen wegen weise getroffen sind, und wir haben eine ganz, moderne Religion, eine Religion wie sie besser nicht gedacht werden kann. Darum ist es so töricht, wenn in der ohnehin bedrängten Judenheit ganz und gar unnötige Spaltungen eintreten. Die wirklich Weisen in Israel, die Tanaim und Gaonim, haben wohl zwischen Kern und Äußerlichkeiten der jüdischen Religion unterschieden, haben den Anforderungen der Welt Rechnung getragen und als Juden gölten lassen, wer zu dem einigen und einzigen Gott sich bekannte. Die Orthodoxen, die immer fürchten, daß das ganze Judentum Zusammenstürzen könnte, wenn auch nur die geringste Konzession an den gesunden Menschenverstand, an den modernen Geist-gemacht wird, brauchen wir nur daran zu erinnern, daß selbst die Auflösung des Sternenhimmels in eine Unzahl von Welten bei vernünftigen Menschen dem Gottesglauben nicht nur keinen Abbruch getan, sondern im Gegenteil die Ehrfurcht vor dem höchsten Wesen gesteigert hat. So brauchen sie wahrlich auch nicht zu besorgen, daß wenn nicht mehr als Todsünde angesehen wird, sobald am Sabbath - ein Stückchen Papier abgerissen, eine Kirsche gepflückt, ein Taschentuch über die Straße getragen wird, oder wenn man gleich nach einem Fleischgericht hine Tasse Kaffee mit Milch zu sich nimmt, und dergleichen Schandtaten mehr, — die religiöse Idee verletzt, das Judentum herabgesetzt wird. Wer man läßt sie ja ganz gern nach Herzenslust so orthodox sein, wie sie nur selbst wollen; sie sollten jedoch auch die anderen Juden nach ihrer Fasson freier denken undhandeln lassen und sollten, wenn sie mutig und ehrlich sind, auch gelegentlich einmal an die Zukunft des Judentums denken, die sich kaum nach ihren Wünschen gestalten wird. Berlin- 25. August. \ on einer Reform der Reichs- und Staatsan gehörigfeit ist jetzt wieder viel die -Rede.' Der schon so oft in Aussicht gestellte Entwurf soll endlich im nächsten Winterden Reichstag - beschästigen. Daß die geltenden Bestimmungen heute durchaus nicht mehr zeitgemäß sind, darüber besteht eine weitgehende Uebereinstimmung. Für uns kommen natürlich vor allem die in Betracht, die sich auf die Naturalisierung und Ausweisung fremder Juden beziehen. Seit Jahren wird darüber Klage geführt, daß ausländische Juden, und zwar nicht etwa bloß russische, sondern ebensogut auch solche aus Oesterreich, aus Italien, ja sogar aus England und Amerika, hier die Naturalisation nicht erlangen können, auch wenn sie ' sonst ganz unbescholten und - den Nachweis zu führen in der - Lage sind, daß sie materiell völlig unabhängig und nach menschlicher Voraussicht niemals dem Staate oder der Stadt zur Last fallen werdend Die Naturalisierung von Rabbinern, Lehrern und Kantoren wird außerdem unter Hinweis ausi einen veralteten Paragraphen des Judengesetzes von 1847, das diese mit Handlungsdienern und Dienstmädchen in eine Reihe stellt, fast durchweg abgelehnt. Länge galt diese Praxis der Verwaltungsbehörden nur für Preußen; doch schon seit vielen Jahren wird sie in fast allen deutschen Staaten geübt, wie man sagt, auf Grund eines geheimen Übereinkommens, das noch aus der .Bismarckzeit stammen soll. Viel schlimmer steht es noch um die Praxis der sogenannten Ausweisungen. Fast regelmäßig kehren Berichte über einzelne, mehr als seltsame Vorgänge wieder. Die liberalen Blätter beklagen sich dann darüber, wenn mal ein politisch ganz harmloser Ausländer zufällig nicht nur ausgewiesen, sondern sogar ausgeliefert wird. Gelegentlich kommt es auch zu Massenausweisungen, ohne daß hierfür ein ausreichender Grund vorläge. Alle diese Dinge werden bei der Beratung des neuen Gesetzentwurfs über, die Reichsangehörigkeit zur Sprache gebracht werden müssen. Es steht zu erwarten, daß die liberalen. Abgeordneten stets ihre Pflicht und Schuldigkeit tun werden. Aber es wäre wünschenswert, wenn schon jetzt das überreiche Material zur Verhandlung dieser Frage gesammelt und gesichtet würde. Der „Verband der deutschen Juden" wird sicher das Seinige tun, um die wichtige Angelegenheit in Fluß zu bringen. . $ Mit dem Schicksal und den Erfolgen des Grafen Zeppelin beschäftigte sich in diesen Tagen die ganze gebildete Welt. Und mit Recht. Das traurige Schicksal aber eines Mannes, der dem kühnen und genialen Erfinder wirksam vorgearbeitet, ist dagegen nur sehr wenigen bekannt. Er ist verzweifelnd zugrunde gegangen, und niemand gedenkt des armen und erfolglosen Mannes mehr. Und doch hat Graf Zeppelin bei seinem Luftschiffdarüber ist wohl kein Zweifel zulässig, die Idee des Juden Schwärz nach eigenem Geständnis verwertet. Von großem Interesse ist gegenwärtig der Passus in einem Briefe der Witwe Schwarz, in welchem sie, polemisierend gegen ein Gutachten, das die Leistung ihres Gatten verkleinert, unter anderem folgendes ausführt: „Vor allem ist es unrichtig, daß der Ballon meines Mannes David Schwarz dasselbe. Schicksal hatte wie das Zeppelinsche Lust- - schiff und daß mein Mann bei einem Versuche durch Feuerzugrunde gegangen ist. Mein Mann ist im Jahre 1897 .eines Plötzlichen Todes gestorben; er wurde in der Rotenturmstraße-von einem Schlaganfall betroffen, und nach seinem Tode habe ich mit Hilfe des > %

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