Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 35 (28.8.1908)
- Date
- 1908-08-28
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3228798-3228834--64825-3276907- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
—— 72. Jahrgang. Nr. 35. WWWWWMNZMWWWM Allgemeine kerlm, 28. ^uxu5l 1988. Gin unparteiisches Grgan für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: durch Buchhandel oder Post (in Berlin u. Vororten durch unsere verkriebsstkllen) bezogen vierteljährl. 3 M. Redakteur: Gustav Rarxeles. Begründet von Rabbiner D»- Ludwig Philixpson. Vsrlggs-Lxpeäitivll: Berlin, Jenisalemerstr. 46/49. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW., Jerusalemer Straße HS/49, zu richten. Verlag von Rudolf Masse, Berlin. VrthodoLk und Liberale. Berlin, 24. August, ie freisinnigen deutschen Juden sind wieder einmal dazu gedrängt worden und haben sich auch selbst gedrungen gefühlt, zusammenzukommen und ihr Existenzrecht als liberale Inden geltend zu machen, das ihnen die Orthodoxen rundweg absprechen wollen. Der Kampf zwischen Konservativen und Liberalen in Staaten wie in Kirchen wird ewig dauern, weil es ein natürlicher Kampf grundsätzlich verschiedener Weltanschauungen ist. Bloß im Judentum brauchte es nur einen gewissen. Gegensatz, nicht aber einen Kampf zwischen Orthodoxen und Liberalen zu geben. Sehen wir uns die Sachlage bei uns Juden, an, auch wenn wir für viele nur Bekanntes wiederholen müssen. Die jüdische Religion hat nicht ein einziges Dogma, wenn man nicht den einen Satz des „Schema", daß Gott einzig ist, als Dogma ansehen will. Wer aber nicht einmal diesen Satz akzeptiert, der ist auch kein liberaler Jude mehr, ist überhaupt kein Jude, ist ein Atheist. Bon Atheisten aber braucht man in der hier in Rede stehenden Frage gar keine Notiz zu nehmen. Alle anderen Gebote und Bräuche, soweit sie überhaupt noch heute von Orthodoxen selbst befolgt werden, sind hygienischer, sozialer, humaner, pietätvoller Natur. Der liberale Jude erkennt diesen Charakter der Gebote und Gebräuche an, der Orthodoxe schreibt denselben einen transzendentalen Charakter und eine religiöse Bedeutung zu. Diese glauben, die Gebote, weil sie göttlichen Ursprungs, in keiner Weise abändern zu dürfen — obwohl die Notwendigkeit sie mehrfach dazu gezwungen hat — jene sprechen den offensichtlich irdischen Zwecken dienenden Geboten den eigentlich religiösen Charakter ab, und glauben sie ganz oder teilweise außer acht lassen zu dürfen, ohne darum die religiöse Treue zu verletzen. Oder sie schreiben ihnen eine erzieherische, hygienische Wirkung, wie etwa vielen Speisegesetzen usw., zu.. Z. B. orthodoxe Juden waschen ihre Hände, wenn sie zu einer Mahlzeit sich hinsetzen, wenn sie bei einer Leiche gewesen sind usw. Heute, da wir wissen, wie überall und wo die Bazillen besonders zu finden sind, wo wir die Gefährlichkeit dieser unsichtbaren Lebewesen zur Genüge kennen, werden religiös liberale Juden gern diese wunderbarerweise den Juden bereits vor vielen Jahrhunderten gegebenen Borschriften befolgen. Sie werden dadurch aber noch lange keine Orthodoxe. Man kann sich denken, daß es modern gebildete und denkende Juden gibt, die, wohl wissend, daß die Juden dank dieser weisen hygienischen Gesetzgebung von vielen Krankheiten mehr als andere geschützt sind, denselben Schutz genießen und den von den vorangegangenen Generationen ererbten hygienischen Reservefonds weiter vererben möchten. Das hat aber mit dem religiösen Kern des Judentums nicht das allergeringste zu tun. Der Sabbat ist eine Grundsäule der jüdischen Religion Mit Recht, denn es scheint in der Menschennatur begründet zu sein, daß der Mensch sechs Tage arbeiten und am siebenten ruhen soll. Sind die Karäer mehr Juden, die bekanntlich den Sabbat so recht ungemütlich streng befolgen, mehr Juden als unsere Orthodoxen, die den Sabbat so wunderschön auszugestalten verstanden haben, und sind die modernen Juden nicht mehr Juden, weil sie wissen, daß die vielen, vielen, auch die nichtgeschäftliche Tätigkeit beschränkenden talmudischen Sabbatvorschriften nur gemacht worden sind als Schutzwehr für den Sabbat, die aber zu einem großen Teil infolge der technischen Entwicklung veraltet oder für manche Personen überflüssig sind? Der Seder wird von sehr vielen nichtorthodoxen Juden pietätvoll gehalten. Pietätvoll auch essen sie Mazoth usw. Begeht aber der durchaus den Sederabend besser, der die Hagada gedankenlos durchlieft, oder der, der am Sederabend auf Grund der neuesten Geschichtsforschungen in seinem Familienkreise eine angeregte Unterhaltung über den Auszug aus Aegypten pflegt, von den Gebräuchen, die befolgt worden sind, von den Leiden spricht, die das Ritualmordmärchen zur Passahzeit den Juden früher beschert hat, hier und da noch immer bringt? Er handelt unseres Erachtens weit pietätvoller, ist viel, viel mehr Jude, auch wenn er nicht überängstlich alle die kleinlichen Vorschriften befolgt, die den Zweck hatten, jedes Krümelchen Chomez aus dem Hause zu entfernen und acht Tage hindurch fern zu halten. Aehnliches könnte man von den anderen Fest-, ja auch von den Fasttagen behaupten. Wir möchten indessen nur noch auf eins zurückkommen: auf das Gebet. Die Orthodoxen halten das nicht-hebräische Gebet überhaupt für kein Gebet; genau so wie die Polen meinen, daß Gott nur polnisch spreche und verstehe, so glauben anscheinend die jüdischen Orthodoxen, daß man mit Gott nur hebräisch sprechen dürfe; der Unterschied ist nur, daß es bei den Polen die ungebildete Menge ist, die so töricht denkt, die jüdischen Orthodoxen aber - mindestens gute Talmudisten sein sollten. In Wirklichkeit hat das hebräische Gebet heute in neunzig von hundert Fällen etwa nur noch den Wert des mechanischen Rosenkranzbetens. Selbst in den Zeiten, da jedes jüdische Kind täglich sogenannten hebräischen Unterricht genoß, haben die wenigsten die täglichen, geschweige denn die außergewöhnlichen Gebete verstanden, und der jüdische Witz hat sich