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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1908-08-21 · Heft 34 (21.8.1908) · p. Seite 2

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
72 (1908)
Issue
Heft 34 (21.8.1908)
Date
1908-08-21
Page
Seite 2 (sequence 16)
Language
German
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Werse, und der .Vorsitzende Geheimrat Dachau hatte Mühe, die' streitenden Parteien durch liebenswürdigen. Hinweis auf einige brauchbare allgemeine Gedanken in Haupts Vortrag zu besänftigen. Diese „brauchbaren" Gedanken sind aber allerdings nicht seinem Haupt entsprungen, sondern längst Gemeingut der Wissenschaft. s. Berlin, 12. August. Sein 50jähriges Doktorjubiläum feierte am 10. d. M. Professor Dr. Moritz Jutrosinski, der ehemalige Direktor des Reichenheimschen Waisenhauses. Daß der im 83. Lebensjahre stehende Hochverdiente Mann erst jetzt dieses Fest feiern kann, liegt an den Schicksalen seiner Jugend. Zu Sandberg in Posen 1825 geboren, auf dem Gymnasium zu Lissa herangebildet, setzte Jutrosinski 1847 seine Studien an der Universität Breslau fort. Jutrosinski genoß hier den Unterricht bewährter Universitätslehrer, so des durch seinen Scharfsinn und die Klarheit seines Vortrages anregenden Philosophen Prof. Braniß, des gelehrten Altphilologen Haase, vor allem des Prof. Richard Röpelt, des späteren Vertreters der Universität Breslau im Herrenhause, der durch seine scharf zugespitzte Darlegungen neuerer, besonders preußischer Geschichte, seine Hörer anreizte, und des derben, knorrigen Geheimrat G. A. Stenzel, eines Mitgliedes des Frankfurter Parlaments. Auch nahm Jutrosinski an den parlamentarischen Redeübungen teil, die Röpelt und später der aus Amerika heimgekehrte Volkswirtschaftler Prof. Tellkampf leitete, und bei denen sich zuerst die feurige Beredsamkeit des späteren Abgeordneten Laster, mit dem Jutrosinski sich eng befreundete, enthüllte. Die Breslauer Burschenschaft der Raczeks, der Jutrosinski angehörte, entsandte diesen als einen ihrer Vertreter zu dem Eisenacher Studentenkongreß von 1848. Hier gehörte er mit zu den Wortführern und wurde dadurch auch mit Karl Schurz bekannt, mit dem er noch späterhin in Verbindung blieb. Lange Zeit lebte Jutrosinski als Hauslehrer im Ausland, so in Oesterreichisch-Schlesien und besonders in Wien. -Nach Breslau zurückgekehrt, erwarb er sich am 10. August 1856 die- Doktorwürde auf Grund seiner gediegenen Dissertation über Johann Jac. Fuggers Ehrenspiegel des .Erzhauses Oesterreich, von dem er eine Handschrift im Wiener Archiv aufgefu'nden hatte. Im darausfolgenden Jahr bestand er die Prüfung für das höhere Lehramt und leistete sein Probejahr in Breslau unter Leitung des Direktor Kletke. Von diesem und Prof. Röpell empfohlen, gewann Jutrosinski in jener Zeit großer Lehrernot die Stellung als unbesoldeter Hilfslehrer am Realgymnasium der Stadt Posen. Die Regierung versagte ihm jedoch die Bestätigung als ordentlicher Lehrer unter dem damals mehrfach gebrauchten, fadenscheinigen Vorwände, daß einem Juden dev Unterricht in der Geschichte an einer preußischen Schule nicht übertragen werden könne. In dieser Not bewilligte die Stadtgemeinde Jutrosinski einen halbjährigen Urlaub behufs Erlernung der englischen Sprache in England, wodurch er sich die Lehrbefähigung für neuere Sprachen erwerben sollte. Aber es bedurfte noch langer Kämpfe und mehrfacher Besprechungen im Abgeordnetenhaus, bei denen der Abgeordnete Röpell, sein ehemaliger Lehrer, warm für ihn eintrat, und wobei seinem Charakter und seiner Lehrbefähigung auch behördlicherseits volle Anerkennung zuteil wurde, ehe die Bestätigung seiner Anstellung durch den Kultusminister von Mühler 1868 erfolgte. Nun war die Leidenszeit zu Ende. Vier Jahre waltete Jutrosinski nun pflichttreu und erfolgreich seines Amtes. Da wurde er an die Stelle berufen, für die er wie geschaffen war, nämlich an die Spitze des nengegründeten Reichenheimschen Waisenhauses für jüdische Knaben und Mädchen am Weinbergsweg. In den 34 Jahren seiner Wirksamkeit an der Anstalt war er ihr ein unablässiger Förderer, ein liebevoller Vater und Fürsorger der Verwaisten, ein treuer Helfer und Berater der Entlassenen auch auf ihrem späteren Lebenswege. In seinen Bestrebungen stand ihm treulich seine edle, nun verstorbene Frau zur Seite. Nach Vollendung des 80. Lebensjahres trat er 1906 in den wohlverdienten Ruhestand. Möge dem Jubilar beschieden sein, sich der erneuten Doktorwürde in körperlicher und geistiger Frische noch lange zu erfreuen! . ££2 Berlin, 16. August. Am 15, d. M. feierte Frau Direktor Therese Gronau ihren 80. Geburtstag. Frau Direktor Gronau, die mehr als 40 Jahre in Berlin ein großes Töchterpensionat besaß, hat auf diesem ihrem Gebiete bahnbrechend gewirkt. Zu den von ihr eingerichteten Lehrkursen zog' sie die allerersten Lehrkräfte heran. Zwei Generationen -bewähren dieser, ihrer runermüdlichen- Lehrerin ' und Erzieherin, ein-warmes Andenken. Frau Direktor Gronau, die'.-', sich noch guter Gesundheit erfreut, ist seit einigen Jahren auch,lite-^> rarisch mit Erfolg tätig'. . N. Berlin, 14. August. Am 11. d. M. feierte, wie bereits ge- - meldet, Herr Siegfried Brünn, hier, seinen 70.. Geburtstag. Der Jubilar, der in weiten Kreisen durch seine Mildtätigkeit und sein opfermütiges Wesen bekannt ist, wurde von seinen Freunden und Bekannten, von den Vereinen und Stiftungen, die er aufs tatkräftigste unterstützt, in herzlichster Weise gefeiert. So von der Armenkommission der jüdischen Gemeinde, der er seit langen Jahren an^ gehört, von dem Verein für Arbeitsnachweis, dem Lokalkomitee der Alliance Israelite Universelle, dem Deutsch-Israelitischen Gemeindebund, J der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums und vielen anderen , wissenschaftlichen und gemeinnützigen Institutionen. Unter anderem erschienen auch als Abordnung des „Hilfsvereins für israelitische Kantoren und Kultusbeamte, deren Witwen und Waisen in Deutschland", in dessen Vorstand der Jubilar lange Jahre tätig war, der Vorsitzende Herr Michalski und die Herren Hauptkantoren Joseph Epstein und Max Sacher. Herr Hauptkantor I. Epstein rühmte die .großen Verdienste des Jubilars in beredten Worten, worauf Herr S. Brünn erklärte, auch fernerhin dem Verein sein warmes Interesse bewahren zu wollen. 8. Berlin, 14. August. Wie wir schon kurz gemeldet, ist am 9. d. M. hier Frau Geheime Kommerzienrat Jenny Meyer Cohn, geb. Haymann, im 78. Lebensjahre nach langen Leiden' gestorben. Eine Tochter des in der jüdischen Gemeinde zu Berlin unvergeßlichen A. H. Heymann, erbte sie von diesem den religiösen Sinn und die Teilnahme für alle wohltätigen Bestrebungen. In der Altersversorgungsanstalt der jüdischen Gemeinde, im jüdischen Mädchenstift und vielen anderen Vereinen hat sie mit unermüdlicher Hingebung sich betätigt. An der Seite ihres Gatten hatte sie reichlich Gelegenheit, Beides zu betätigen und ihre beiden Söhne in gleicher Weise zu erziehen. Sie erlebte den tiefen Schmerz, beide, Alexander Meyer Cohn, den bekannten Autographensammler, und Justizrat Dr. Heinrich Meyer Cohn, dessen Namen in Israel nie vergessen werden wird, in blühendem Mannesalter sterben zu sehen. Nun ist sie selbst nach schwerem Leiden heimgegangen. Das Leichenbegängnis fand am 11. d. M. auf dem Friedhof in der Schönhauser Allee unter zahlreicher Beteiligung statt. An der Bahre hielt nach einleitendem Gesang Rabbiner Dr. Weisse eine warm empfundene Gedenkrede, in der er unter den vielen Tugenden der Entschlafenen, besonders ihren Wohltätigkeitssinn hervorhob. Die Bestattung erfolgte im Erbbegräbnis an der Seite des vor vielen Jahren im Tode vorangegangenen Gatten. o. Berlin, 16. August. Am 15. d. M. ist hier im 81. Lebensjahre der namhafte Bildhauer Professor Louis Sußmann- Hellborn verschieden. Er war am 28. März 1828 in Berlin geboren, besuchte die Akademie seiner Vaterstadt und bildete sich auf Reisen in Italien, Griechenland, im Orient, in England und in Frankreich weiter. Seit 1857 wirkte er in Berlin auf den Gebieten der Monumentalplastik und der dekorativen Kunst. Lange Jahre hindurch war er Direktor der Königlichen Porzellan-Manufaktur. Ehre seinem Andenken! e. Dmizig, im August. Der fünfte Rechenschaftsbericht über die Verwaltung des Casper Lachmannschen Provinzial-Waisenhauses zu Graudenz. für das Jahr 1907 gedenkt zunächst der Toten. Leider wurden im Laufe des Jahres zwei bewährte Mitglieder der Verwaltung durch den Tod entrissen: Philipp Simson, der Anfang 1904 als Nachfolger von Gustav Davidsohn zum ersten Vorsteher der Synagogengemeinde Danzig gewählt war, und Frau Dr. Else Cohn, geborene Herzfeld, aus Graudenz, die seit der Begründung der Anstalt uns eine treue Mitarbeiterin, allen Waisen eine mütterliche Freundin, allen Beamten eine fürsorgliche Beraterin war. Für Herrn Philipp Simson trat Herr Justizrat Steinhardt-Danzig als erster Vorsteher der Danziger Synagogengemeinde in den Vorstand ein, für Frau Dr. Cohn übernahm Frau Justizrat Grün-Graudenz bereitwillig das Amt einer Ehrendame. Am 1. Januar 1907 befanden sich im Hause 13 Knaben und 10 Mädchen, von denen am 1. April 1907 vier Knaben und.ein Mädchen entlassen werden konnten; sie haben alle die Volksschule mit gutem Erfolg besucht. Die am

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