Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 34 (21.8.1908)
- Date
- 1908-08-21
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
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72. Jahrgang. Nr. 34. Ber11"’ 2I* A“gust 190S- Vrllsge zur „Allgemeinen Leitung deß IudentumK". lkvrrelpondrn?m und Nachrichten. Deutschland. S. Berlin, 14. August. Der Historiker-Kongreß ist zu Ende. Von den daselbst gehaltenen Vorträgen interessieren uns namentlich zwei, so daß wir noch darauf zurückkommen müssen. Den ersten hielt Professor Dr. E. Sellin (bisher in Wien, jetzt in Rostock) über „Die Ergebnisse der Ausgrabungen in Palästina für die vorisraelitische Geschichte des Landes". Er gab zunächst eine Uebersicht über die Geschichte der bisherigen Ausgrabungen in Palästina und über die Daten, die die außerpalästinensischen Inschriften für die Geschichte Palästinas im dritten und zweiten Jahrtausend ergeben haben. Daran knüpft, er die Frage: Was haben nun jene zur Erweiterung oder Bestätigung dieser beigetragen? Eine Antwort darauf gibt er in dreifacher Richtung. 1. Neue inschriftlich verbürgte Daten für die politische Geschichte haben wir so gut wie gar nicht erhalten. Die inschristlichen Funde beschränken sich auf die von Bliß in Bakisch gefundenen keilinschriftliche Tontafel und das von Sellin in Taanach aufgedeckte kleine Tontafelarchiv des kanaanitischen Königs dieser Stadt. Die Briese sind Lokalkorrespondenz, die Namenlisten Bauern¬ oder Soldatenverzeichnisse. Neue welterschütternde Ereignisse lehren sie uns nicht kennen, aber sie bereichern das schon bekannte historische Bild um manche interessante Einzelzüge; die Listen zum Beispiel bieten uns das reichste Eigennamenmaterial der kanaanitischen Bevölkerung Palästinas dar, das wir überhaupt besitzen. Ist es in dieser Richtung also auch noch nicht viel, was die Ausgrabungen ergeben haben, so doch genug, um weiter zu hoffen und weiter zu arbeiten. 2. Ungleich reichhaltiger gestalten sich die Ergebnisse, wenn man einmal von unmittelbaren geschichtlichen Urkunden absieht und die kulturgeschichtlichen Resultate als Ganzes ins -Auge faßt. Diese spiegeln nämlich deutlich eine ganze Geschichte wieder. Zunächst, wenn man den in jenen bemerkbaren ausländischen Einflüssen nachgeht. Drei ausländische Kulturkreise haben offenbar auf das vorisraelitische Kanaan eingewirkt. Erstens der babylonische. Rein äußerlich betrachtet erhalten sich die Einzelfunde babylonischer Provenienz zu denen ägyptischer Herkunft allerdings nur wie 1:50. Aber man darf hier nicht mit einer solchen Statistik arbeiten, gerade auf die Grundlagen der ganzen geistigen Kultur Kanaans hat Babylon maßgebend eingewirkt. Das beweisen sowohl das religiöse Pantheon, wie die Schrift der Tontafeln und die Darstellung auf der in Gezer gefundenen sogenannten Zodiakustableite. Der ägyptische Einfluß macht sich am stärksten im Süden bemerkbar, die dort ausgegrabenen Städte machen in einzelnen Schichten geradezu den Eindruck ägyptischer Städte, auch in der Jesreelebene hat er kräftig gewirkt, dagegen scheint er bis Jericho nicht gekommen zu sein. Ganz neu und überraschend endlich ist das Ergebnis der Ausgrabungen, daß der mykenisch-zhprische Einfluß, besonders auf den Gebieten des Hausgerätes und des Schmuckes, tief nach Palästina hinein gewirkt hat. 3. Am allerreichhaltigsten sind aber endlich die Resultate, die das Bild der inneren Entwicklung der autochthonen Kultur Kanaans wieder vor unsere Augen erstehen lassen. Sellin verweist in dieser Beziehung auf das die bisherigen Ergebnisse verarbeitende Buch von Vincent „Kanaan apres Texploration röcente“ und schildert in ein paar Strichen die Entwicklung der einheimischen Kultur von der Zeit der Höhlenbewohner an bis in die der israelitischen Invasion. Zum Schluß streift er noch zwei Fragen/ deren Beantwortung man wohl gerade von ihm als alttestamentlichen Exegeten erwarten würde, erstens die: ergeben die Ausgrabungen pro oder contra die sogenannte biblische Vätererzählung? Er antwortet: das Milieu, in das diese die Väter hineinstellt, kontrastiert allerdings in mehreren Zügen mit dem kultur- und städtereichen Bilde, das die Ausgrabungen von dem Palästina des zweiten Jahrtausends ergeben, aber der Bericht von 1. Mose 14 ist gerade durch die Ausgrabungen wieder als ein historisch zuverlässiger wahrscheinlich gemacht. Die zweite -Frage lautet: Lehren die Ausgrabungen etwas für die Geschichte der israelitischen Invasion? Diese bezeichnete Sellin erst dann als spruchreif, wenn mehrere palästinensische Städte vollständig wieder aufgedeckt sind; vorläusig gilt es nur an dem sich aus der Bibel selbst ergebenden Leitsätze festzuhalten, daß diese Invasion eine ganz allmähliche war, rund drei Jahrhundert gedauert hat. Liegt hier also vorläufig auch noch kein festes Resultat vor, so haben im übrigen doch die bisherigen Ausgrabungen Mühe, Zeit und Geld reichlich gelohnt, so daß es auch auf diesem Gebiete unbedingt in Zukunft heißen muß „Vorwärts". — Den zweiten Vortrag, der uns besonders interessiert, hielt Prof. Paul Haupt von der Universität Baltimore, ein gelehrter Kenner der semitischen Sprachen und Direktor des Orientalischen Seminars, der die bekannte englische. Ausgabe der Bücher des Alten Testaments leitet, mit Friedrich Delitzsch zusammen die Assyriologische Bibliothek herausgibt; er brachte durch seinen Vortrag über die Galiläer die religionswissenschaftliche Streitfrage über Jesus, ob er ein Jude oder ein Arier gewesen sei, in Fluß. Haupt entwickelte: Jesus ist nicht in Bethlehem geboren, wie die altchristliche Tradition aus dem Mincha-Spruch herausgelesen hat, sondern in Nazareth. Die von dem ersten Evangelium erwähnte Steuereinschätzung, die den Anlaß gab zu Josephs Reise nach Bethlehem, fand frühestens im Jahre 7. also elf Jahre nach Christi Geburt statt, auch brauchte Maria den Joseph durchaus nicht zu begleiten. Wellhausen läßt darum seinen Text des ersten Evangeliums erst mit dem dritten Kapitel beginnen, bringt ihn also in Uebereinstimmung mit dem Markus-Evangelium und läßt die legendenhaften Geburtssagen und Kindheitsgeschichten mit um so mehr Grund fort, als Jesus selber die Meinung, der Messias sei ein Abkömmling Davids, für einen unhaltbaren Aberglauben der Pharisäer gehalten habe(?). Es ist für Haupt sehr wahrscheinlich, daß Jesus und seine Jünger jüdischer Rasse waren, sehr wahrscheinlich, daß die Galiläer Arier waren. Die nichtjüdische Abkunft Jesu habe schon Jhering vor 40 Jahren behauptet mit den Worten: „Dem Boden seines Volkes ist Christi Lehre nicht entsprossen; das Christentum bezeichnet im Gegenteil eine Ueberwindung des Judentums, es steckt bereits bei seinem ersten Ursprung etwas vom Ariertum in ihm." Diese Vermutung greift Haupt aus; er hat, wie. er erzählt, bei einer Ueberfahrt über den Ozean in der Dampferbibliothek ein Buch gefunden, das ihm diesen Glauben suggeriert hat. Der Beweis, den er erbringt, hat denn auch etwas viel von amerikanischer Knotenpunktgeschwindigkeit an sich und zeigt die eilige Geburt während einer Dampferüberfahrt. Die Einwanderung arischer Kolonisten in Galiläa unter Tiglathpileser begann 16 Jahre vor Samarias Fall; sie waren nicht Griechen, sondern aus Medien und dem Südabhang des armenischen Taurus, als Bogenschützen berühmt wie ihre Vorgänger. Haupt kommt zu dem Resultat: es ist sehr unwahrscheinlich, daß Jesus ein Abkömmling Davids war, aber mindestens ebenso wahrscheinlich, daß er ein Nachkomme ist des von Sargon II. nach dem galiläischen Hamat zur Kolonisation gesandten medischen Fürsten — oder gar ein Nachkomme Zoroasters (!). Diese kühnen „Behauptungen", vorgetragen mit einem in Formeln der Bescheidenheit sich hüllenden stattlichen Selbstbewußtsein, mit der lässigen Randbemerkung: Ich trage hier nur einen Teil meines Materials vor, andere Seiten des Themas werde ich auf den internationalen Kongressen in Kopenhagen und Oxford entwickeln, reizten zu scharfem Widerspruch. Haupt wurde zweimal von Professor Adolf Deißmann, dem neuen ausgezeichneten Berliner Neutestamentler, sehr gründlich abgeführt. Deißmann will die Frage offen lassen, ob Jesus seinem Blut nach Jude war, die Frage sei. (trotz der Erklärung des Paulus im Römerbrief) wissenschaftlich nicht zu erledigen. Aber seiner Religion nach war Jesus unzweifelhaft ein Jude, und das Christentum ist unzweifelhaft jüdischer Abkunft. Deißmann, unterstützt von Sellin, zerpflückte im einzelnen die auffallend dürftigen Argumente des Deutschamerikaners in vorzüglicher