Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1908-08-21 · Heft 34 (21.8.1908) · p. Seite 408

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
72 (1908)
Issue
Heft 34 (21.8.1908)
Date
1908-08-21
Page
Seite 408 (sequence 14)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3228798-3228833--64815-3276896
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

meistens allgemeine mittelmäßige Witze, denen man eine kunst- ' liche Judennase aufsetzt. In der Synagoge merkt man ebenfalls, daß man im Hochsommer lebt. Es ist alles zweite Garnitur: zweiter Rabbiner, zweiter Kantor und zweiter Vorstand. Es sind also Vertreter der Gemeindevertreter. Ich habe oft unsere - Mischen Funktionäre im Verdacht gehabt, daß sie sich vor dem Tischa-Beaw drücken. Verdenken kann ich es ihnen nicht. Ein moderner^ Tischa-Beaw ist ein Löwe ohne Mähne, ein Roman ohne Liebe, ein Chasen ohne Stimme Es ist hier alles verblaßt und zart abgetönt, ohne Kraft und ohne Poesie. Ich halte einen alten Onkel, der bei aller Frömmigkeit sich zu einer weltverachtenden Lebensweisheit und zu einer sehr toleranten Gesinnung emporgerungen hatte. Als sein jüngster Enkel sich weigerte, wie es damals Sitte war, im Totengewande unter die Chupa zur Trauung zu treten, kam man zu ihm. Milde lächelnd antwortete er: „Alle Symbole und Zeremonien werden ja heute verkleinert, die Erinnerung an den Tod wird bei einem modernen Bräutigam durch die weiße Krawatte angedeutet." Der kahle Aron-Hakodesch ohne Parochet ist heute die weiße Krawatte der Synagoge; nur dadurch allein wird im modernen Judentum die Stimmung des Tischa-Beaw angedeutet. Meine Erinnerungen von diesem Tage sind andere, originellere. Als ich Kind war, war dieser Tag noch ein gewaltiges Fest, ein trauriges Fest, aber viel Stimmung und Kraft steckte darin. Die Synagoge zeigte an diesem Tage ein schauriges Bild. Da man damals während der Klagelieder auf der - Erde saß, wurde der Boden der Synagoge mit frischem Heu belegt. Es war das einzige Mal im Jahre, wo sich ein frischer Naturduft in diesen Raum verirrte. Das hatte für uns Kinder bei aller Trauer etwas Belustigendes. Dann trugen die Leute vorschriftsmäßig, arm wie reich, alte Kleider, und — das Protzentum war wenigstens für diesen Tag aus dem Gotteshäuse verbannt. Der an diesem Tage übliche Besuch des Friedhofes war für uns eine Art Ausflug. So wirkte auf uns Kinder die Poesie des Tischa-Beaw erschütternd und erfreuend zugleich. Es war ein eigenartiger Tag mit einem ausgeprägten Charakter, und so etwas bleibt im Gedächtnis haften und ruft Erinnerungen hervor. In der modernen Synagoge ist alles zu fein frisiert; das mag ästhetisch wirken, aber die Erinnerung bleibt dann matt. Schade übrigens, daß man am Tischa-Beaw fasten muß, sonst würde längst Dr. Oetker mit seinem „Hellen Kopse" ein dunkelgraues Mehlpulver für eine besondere Speise zu Ehren dieses Tages angezeigt haben. Manche jüdische Frau merkt heute erst durch diese Annoncen, daß irgend ein jüdisches Fest herannaht. Friedrich der Große sagte: „Alle Kultur kommt aus dem Magen." Warum soll nun nicht auch die Religion durch den Magen gehen? Wenn aber die Religion schon aus dem Magen kommt, dann sollte sie wenigstens nicht so mager und dürftig aussehen. Die jüdischen Vereine haben ihre Tore geschloffen, und manche bekunden dadurch erst, daß sie — noch existieren. Sonst hört man nicht allzuviel von ihnen. Im Heißsommer ist der jüdische Jndifferentismus erträglicher als im Winter. Er steht da wenigstens mit der Natur draußen in Kontakt. Unsere Vereine ruhen häufig im Sommer aus, um im Winter desto besser nichts tun zu können. Es ist im Sommer wie im Winter ein Schlaf, nur mit anderem Namen. Es ist merkwürdig, wie leicht die Leute schöne Ausdrücke für ihre Schwächen finden. Wenn man zu bequem ist, um zu kämpfen, und sich aus feiner Philisterruhe - nicht stören lassen will. dann ist man friedliebend; wenn man sich seines Judentums schämt, dann ist man modern, und wenn man nichts gelernt hat, dann ist man aufgeklärt. Unsere Juden klagen oft über - den Antisemitismus. Dabei können sie ihn gar nicht entbehren, denn ihr ganzes Judentum ist häufig ein — Antiantisemitismus. Ob das Bier hier den Jndifferentismus besonders begünstigt, das vermag ich nicht zu sagen, aber das weiß ich, daß die Indolenz in München wie der schöne Tannenbaum im Liede ist: „Sie blüht nicht nur zur Sommerzeit, Nein, auch im Winter, wenn es schneit." Unsere Vereine leiden, wie viele moderne. Staaten, an einem Konstitutionsfehler. Sie haben alle zu viele Mitglieder und zu wenig Vorstandsmitglieder. Der jüdische Subjektivismus verlangt Betätigung, und wir alle wollen regieren und herrschen. Dieser Anlage muß ein Psychologe Rechnung tragen und ich habe daher vor, ein Mamlecheth-Kohänim en miniature zu gründen, einen Verein zu konstituieren, der wie ein modernes Spitzenkleid aussieht und aus lauter Vorstand besteht. Jeder bekommt darin ein Amt, das er auf seine Visitenkarte setzen darf. Dieser Verein wird nicht nur der größte, sondern auch der lebhafteste werden, der jemals existierte. Für die noch übrig bleibenden Gemeindemitglieder gründe ich dann einen „Verein zur Unterbringung obdachloser Vorstandsmitglieder". Wir müssen eben bei allen unseren Taten auf die Natur und die Vergangenheit der Gemeinschaft zurückgreifen. Die Zukunft muß an die Vergangenheit anknüpfen und durch die Gegenwart die Brücke dazu schlagen. Daher kommt es wohl auch, daß diejenigen, welche an die jüdische Zukunft nicht glauben, auch ihre Vergangenheit verleugnen. Doch — ich merke, ich werde philosophisch, und Sie, verehrter Herr Kollege, und auch viele Ihrer Leser sind in der Kur, und die Philosophie ist kurwidrig. Also, wünschen wir zum Schluß der Natur etwas weniger und dem Judentum etwas mehr Wärme. München, 7. August. Fabius Schach. Litersrilche Mittkttungrn. — Von der im Aufträge der historischen Kommission der israelitischen Kultusgemeinde in Wien in Angriff genommenen Publikation „Quellen und Forschungen zur Geschichte der Juden in Deutsch-Oesterreich" ist der von Dr. Arthur Goldmann bearbeitete erste Band unter dem Titel „Das Judenbuch der Scheffstraße in Wien" soeben erschienen. Auf den interessanten Inhalt dieser Veröffentlichung wollen wir bei Gelegenheit noch zurückkommen. Als zweiter Band der verdienstvollen Quellenpublikation ist die von Dr. Ignaz Schwarz bearbeitete „Geschichte des Wiener Ghettos in der inneren Stadt (bis 1420) und in der Leopoldstadt" (bis 1670) in Aussicht genommen und dürste schon im Laufe des Sommers erscheinen. Die von Goldmann und Schwarz zutage geförderten, bisher unbekannt gewesenen archivalischen Daten werden die Geschichte der Wiener Judenstadt und ihrer Bewohner, die bisher noch keinen gründlichen Bearbeiter gefunden hat, zu einem interessanten Bestandteil der Wiener Lokalgeschichte gestalten. Berichtigung. In der Notiz vom 7. August d. I. letzte Seile, Zeile 20 vom oben, muß es heißen: C. Samuel, X. Realschule. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.