Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 34 (21.8.1908)
- Date
- 1908-08-21
- Page
- Seite 407 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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WWW MZL -MMPMWWHM noch' in ihrem Todeskampfe gemartert wurden, öder bei dem Grausen der erstaunten aber geretteten Juden, als sie von den Henkern gezwungen würden, Zeugen des gräßlichen Geschickes ihrer Retter zu sein? Kein Seufzer entwand sich den Lippen der beiden Opfer, kein Wort, das ihren Brüdern verraten hätte, woher sie kamen, wer sie seien, oder daß sie nur, um jene zu retten, gesprochen hatten. Erfüllt war des Liebesliedes Prophezeiung. „W dem Sommer gefolgt der Frühling" waren Heton und seine treue Admah wieder vereint — dort vereint, wo alles Hoffen sich erfüllt und die zeitliche Freude in ewigen Segen sich wandelt. Des Sommers Pflanzen schlangen ihre Ranken um den weißen Marmor auf dem Grabhügel in der Nähe jenes altergrauen Hauses, das einst auch Helons Heimat gewesen, halb bedeckend das eine Wort „Admah" auf dem Marmor, und beim sanften Hauch des Abendwindes flüsterten sie einander zu den leisen Gruß eines reinen Geistes, der so zeitlich befreit worden aus den Banden eines gebrochenen. Herzens. Die Namen der Märtyrer sind bis auf diesen Tag unbekannt geblieben. Nnr zwei Lampen, die in der Synagoge zu Worms immer brennend erhalten werden, geben Kunde von der Wahrheit dieser Erzählung und legen Zeugnis ab von einer Glaubenstreue und Hingebung unter dem geschmähten und gehaßten Israel, die nicht übertroffen in den Annalen der Welt. , Münchener Olsuderei. ie Hundstage bilden keine Einrichtung des jüdischen Kalenders, und doch kann sich auch der wütendste Feind aller Assimilation ihrer lähmenden, einschläfernden Macht nicht entziehen. Eine geeignete Stimmung für müde, zart hingehauchte, dunkle Dekadenzgedichte und fette Zeitungsenten, aber nicht 'für heitere Plaudereien. Ja es geht im geistigen Leben wie im physischen: die Krankheit steckt an, die Gesundheit nicht; die Langweile steckt an, das Geistessprühen weniger. Langweile soll freilich für Kranke gesund sein, aber Gesunde macht sie krank. Die Langweile herrscht in diesen Tagen,unbeschränkt und absolut wie.... Ich hätte beinahe gesagt „wie die Türkei," aber — auch aus diesem letzten Reiche Europas muß sich jetzt der Absolutismus flüchten oder, wie in Rußland, sich hinter ein papiernes Feigenblatt verstecken. Man glaubt allgemein, daß dieses erste Kleidungsstück der Mensch-- heit sehr einfach geartet und den Variationen der Mode nicht unterworfen sei. Und doch, wie viele Namen und Gestaltungen hat schon dieses Kokettiermittel der Scham im Laufe der Geschichte angenommen! Bald hieß es Zivilisation, bald christliche Liebe, bald Humanität, bald europäische Gesittung. Bald sah es duftig und leicht, bald grau und schwer aus; bald lockte es graziös, bald drohte es ernst. Der neueste Name sür dieses historische Kostüm ist moderne Staatsverfassung. Die Farbe dieses modernsten Feigenblattes ist unbestimmt, es schillert in allen Schattierungen, und wie eine ausgereifte Schöne, sieht es bei elektrischer Beleuchtung viel besser als bei | Sonnenlicht aus. Es ist auch gefüttert und sieht nach innen anders wie nach außen aus. Aber —wir Juden, denen die Geschichte die Rolle des Beobachters zugedacht hat, besitzen einen scharfen Blick für all die Nuancen des menschlichen Feigenblattes. Doch —' ich. wollte ja von München sprechen. Nicht> vom fröhlichen, Urwüchsigen, bajuvarischen München — das ist jetzt verschwunden — sondern von dem München der Fremden, von dem München der Reisezeit. Das ist ein verblaßtes, ausgeputztes Stadtbild, und es zeigt das wahre Münchner Leben ungefähr mit derselben Treue, wie das Schlierseer Theater das wahre Bauernleben widerspiegelt. Ja, wir erleben jetzt in der Jsarstadt die unmünchnerischeste Zeit. Die eigentlichen Münchner sind ausgezogen, und sie haben den „damischen Preußen" nicht nur die Kunst, sondern— was viel mehr sagen will — auch das liebe Bier überlassen. Sogar die hungernden Künstler haben die Stadt mit den schönsten Perspektiven, die sür sie selten eine schöne Perspektive in die Zukunft bietet, verlassen. Sie hungern jetzt zur Abwechslung in den bayerischen Alpen oder in Tirol. Wenn man schon von der Luft lebt, dann soll es wenigstens reine Lust sein. In den schönen Straßen Münchens sieht man nur Fremde überall. Mit Ausnahme der Fremdenführer, die sich anstrengen, „preußisch" (Hochdeutsch) zu sprechen und dabei schwitzen, wie etwa ein amerikanischer Rabbiner, wenn er eine Zeile Hebräisch schreiben muß. Die Berliner sind in allem gewissenhaft, und wenn sie in die bayerischen Berge reisen, so werfen sie sich schon am Anhalter Bahnhof in die ober-. bayerische Tracht. Man sieht sie in München nur als Bergfexe mit kühner Gebärde umherwandeln, und wenn sie ins Hosbräuhaus, die erste Station Münchener Kultur, kommen, dann bieten diese nagelneuen Repräsentanten des Bajuvarentums ein malerisches Bild von eigenartigem Reiz, Das erinnert an die alte Geschichte von den beiden Konsuln. Sie kennen sie noch nicht? Sie sollten sich schämen! Ein jüdischer Redakteur braucht heute keine wissenschaftlichen Kenntnisse, das ist ein überflüssiger Ballast, aber — die jüdischen Witze muß er alle kennen. Also: Zwei Glaubensgenossen, denen das Geld sür den Kommerzienrat nicht langte, wurden persische Konsuln, der eine in Nürnberg, der andere in Augsburg. Als sie einmal aus einer Hofsestlichkeit in München einander in ihrem persischen Nationalkostüm erblickten, glaubte ein jeder, im anderen einen echten Perser zu sehen und fühlte sich ein wenig bedrückt. Der eine wagte nun eine verzweifelte Tat. Er tritt an seinen Kollegen heran, macht eine orientalische Verbeugung und begrüßt ihn echt persisch: „Aschre jauschwe wesseolio!" Prompt erfolgte der Gegengruß: „Aud jehallelucho seelo!“ Auch unsere Berliner im Hof- ‘ bräuhaus halten einander für echte Oberbayern, bis — sie den Mund auftun. Der Münchner hat ein scharfes Auge für diese Talmi-Bayern. „Schaugens, Herr Nachbar" — sagte zu mir ein biederer Biertrinker — „dös gescheerte Klüftl is fei scho echt, aber die ausgestoppten-Wadeln san Bruch!" Ja, man erkennt sie, daß sie mit Spxeewasser ge ... . Ich hätte beinahe „getauft" gesagt, wenn nicht so viele Glaubensgenossen darunter wären. Also sagen wir: gebadet. In der neutralsten und friedlichsten Stätte des Judentums, . wo der alte Ritus noch so viele Anhänger hat, in der Restauration, bei Karpfen und Apfelschalet, sieht man auch lauter fremde Gesichter. Alle Provinzen sind hier vertreten, alle Richtungen, alle Fakultäten und „ach, leider auch Theologie", viel Theologie; mehr als ein moderner Mensch vertragen kann. Wo es der Verdauung zuträglicher ist, unterhält man sich gern über leichtere Themata und kolportiert die „neuesten" jüdischen Witze in allen möglichen Variationen. Aber — wie modern man auch sein mag, darin bleibt man konservativ: die alten jüdischen Witze waren die besten. Die alten waren charakteristisch und zeigten den! jüdischen Sarkasmus, die beißende Ironie, die neuen sind