Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 34 (21.8.1908)
- Date
- 1908-08-21
- Page
- Seite 406 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3228798-3228833--64813-3276894- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
W i Grund der Düsseldorfer Estherrollen herzustellenden Megilloth beweisen. Denn zu einer solchen Edition sordert die Fraubergersche Sammlung geradezu heraus. Die köstlichen, alle Momente der Hamansträgödie wirkungsvoll begleitenden Bildchen in ihrer nie ermattenden Fülle zeigen wieder so recht, daß das uns gründlich verleidete Purimfest einmal das beliebteste aller Feste war. Wohlverstanden, das beliebteste, nicht das höchste, wie Paul de Lagarde und seine. Nachbeter glauben machen wollten. Denn diese Behauptung steht auf der gleichen Stufe wie jene, die. mir gegenüber einmal ein guter Protestant, . aber noch besserer Schütze machte: Ja, wissen Sie, wir haben nur drei hohe Feste: Weihnacht, Ostern und — Schützenfest. Indem' wir von all den interessanten Dingen Abschied nehmen, müssen wir noch manches, als da sind Amulette, Opserstöcke, Waschbecken- Menorahs und so fort, mit einem einzigen Blicke streifen oder ganz beiseite lassen, zumal wir uns bei den Exkursen mehr als billig aufgehalten haben! Doch wir wollten ja zeigen: das Judentum bleibt für keine Lebensäußerung des menschlichen Geistes unfruchtbar und sieht auch in der Kunst eine gottverliehene, menschenbeglückende Kraft. Und anderseits: eine im Dienste der Gottesverehrung sich wiederbelebende gewerbliche Kunst kann nur aus der Stärkung und Vertiefung der Religion selbst hervorgehen. |gU|JtkggQ/7 hklon. Ein Fragment aus der jüdischen Geschichte. Nach dem Englischen der Miß Grace Aguilar. II. Iminen einsamen Wachenden gab es in jener Nacht, dem trübe Betrachtungen ferne lagen. Seit einer Stunde - ungefähr stand eine verhüllte schlanke Gestalt draußen vordem Fenster einer niederen Judenwohnung, völlig verzückt und ganz hingerissen von dem, was er drinnen erblickte. Rings um den Tisch, auf welchem die Lampe brannte, saß in der niederen Stube die Mutter mit ihren Kindern- Jahre waren dahingegangen, viele Jahre, seit der einsame Lauscher ferne von diesen seinen Lieben geweilt und nur in seinen Träumen in ihrer Mitte gelebt. Und jetzt, da sein Herz ihnen entgegenpochte, und er vor Sehnsucht bebte, hineinstürzen, in die Arme der geliebten Mutter sich zu werfen, ihren Kuß zu fühlen und um ihren Segen zu flehen, und wieder zu umarmen die teuren Gespielen seiner Kindheit, die er zum blühenden Jugendalter herangewachsen sah — jetzt durfte er nicht folgen dem Gebote feines Herzens. Mag, dachte er, das sehnsuchtskranke Herz im Todeskampfe menschlicher Liebe und Furcht vergehen! Besser so, als die augenblickliche Freude des Wiedersehens, tun dann für immer zu scheiden! Er sah nun in den . Mienen der Bewohner der Stube den heftigen Ausdruck der Angst und des Schreckens, konnte beobachten, wie sie so innig sich ans Leben, — an ein so elendes Leben wie das ihre klammerten, und wie der frommen Mutter frommes Wort den Schmerz und die Angst linderte. Und wieder sah er,' wie sie sich die Hände reichten und die Mutter umschlangen und aufwärts richteten die leuchtenden Augen, worin jene milde Standhaftigkeit zu erkennen war, welche das unvergängliche Eigentum des verfolgten Israels geblieben. — Und dann ward's stille, die Mutter blieb allein; schwer schien die "dumpfe Schwüle 'auf dem Gemüte zu lasten, und bald' drangen die Schmerzenslaute der flehenden. Mutter >. durch die Stille der Nacht zu den Ohren des Lauschers: „Gott, mein Gott! So wird doch eines von ihnen verschont bleiben! Er, mein Erstgeborener, mein Erstgeliebter, mein schöner Helon! Wie freut' ich mich, ihn wieder zu sehen! - Du hast mir's nicht beschieden, ich Preise Dich darum, mein Gott! Segne ihn, mein Vater, 0 segne ihn, meinen teuren, lieben Sohn! " War es der Ton ihrer eigenen Stimme, ihr Schluchzen, oder war's ein fernes Echo, " was sie aus der Versunkenheit ihres Schmerzes aufschreckte und ihre Blicke furchtsam umher schweifen ließ? Sie glaubte einen Schatten zwischen dem Fenster und dem bleichen Mondlichte zu bemerken, doch ehe sie noch die Umrisse einer Menschengestalt wahrnehmen konnte, war's wieder verschwunden. Der Morgen kam, dichte Wolken verhüllten den Himmel, es war der siebente Tag des Passahfestes, und wie gewohnt pilgerten die jüdischen Familien festlich gekleidet und mit ruhiger Haltung ans ihren Wohnungen in die Synagoge. Der Gottesdienst begann, ward fortgesetzt und ging ohne Unterbrechung zu Ende. Kaum jedoch hatten sie die heiligen 'Räume verlassen und den äußeren Hof der Synagoge betreten, als ein fürchterliches Geschrei-an ihre Ohren schlug, das mit jedem Momente immer stärker, wilder und gräßlicher wurde. Der wütende Volkshaufe zog heran, eine dichte, undurchdringliche Phalanx, die in jeder Straße noch änwuchs, schrecklich beleuchtet von den brennenden Fackeln in ihrer Hand; Klingen blitzten im roten Flammenschein, Keulen, Aexte und allerlei Waffen, wie sie ihnen zuerst in die Hand gekommen. Sie zogen heran, und je mehr sie tobten und wüteten, ward immer heftiger die Raserei, immer wilder der Durst nach Menschenblut, während das gelbliche Fackellicht ihr Nahen dem Judenviertel verkündete . Und die unglücklichen Opfer? Die standen so fest und regungslos im Schatten ihres Gotteshauses, daß die wilde Masse selbst bei ihrem Anblick zuerst betroffen zurückwich. Inmitten des gedrängtes Viereckes, welches sie bildeten, standen die Weiber, Kinder und die schwachen Greise, um sie herum die Jünglinge und die kräftigen Männer mit verschränkten Armen und aufgerichteten Häuptern. Kein Glied bewegte sich, kein Muskel zuckte, kein Laut entrang sich ihnen, selbst als der wilde Feind jetzt hervorbrach und ihnen gegenüber stand. Es war eine furchtbare Stille, die kaum einen Augenblick dauerte, aber Stunden zu währen schien, und dann stürzte der Haufe mit klirrenden Waffen und wildem Geschrei heran, um das Mordwerk zu beginnen. „Zurück"! ertönte plötzlich eine Stimme, nicht stark und streng, aber so ergreifend mild und doch durchdringend scharf, daß sie von jedem einzelnen auf beiden Seiten vernommen wurde und unwillkürliches Gehör erzwang. „Zurück! Berührt nicht jene Unschuldigen. Ihr wolltet die Schuldigen haben, seht sie hier! Ihr habt geschworen, daß ihr Leben allein Euch genügen soll; nehmet diese denn und foltert sie, wie es euch gelüstet! Aber bei Euerem Heile, berührt nicht jene Schuldlosen!" Und als die unbekannte Stimme gesprochen hätte, standen plötzlich zwischen den Mördern und ihren Opfern zwei Fremde, der eine in der lieblichsten Jugendblüte, der andere in der ersten Kraft des Mannesalters. Mit dem gellenden Wutgeschrei enttäuschter Bosheit und Rachsucht, mit erhöhtem Ingrimm stürzte die haßentbrannte Menge auf dieselben zu und umringte die.freiwilligen Märtyrer. Und hier halten wir ein. Denn wie könnte die Feder' verweile^'bei den schrecklichen Qualen, womit die beiden Edeln