Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 34 (21.8.1908)
- Date
- 1908-08-21
- Page
- Seite 405 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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schöne Stücke zieren den Tisch mit den Schaubroten, den Altar, die Lade, den Leuchter und dergleichen mehr. Ein Vorhang zeigt gar ein Brünnelein mit Schöpfrad und Eimer, als anmutige Versinnbildlichung der Gotteslehre als der Quelle des Heils. Daß sich die Weihinschrift der Spender oft sehr breit macht, können wir nicht bestreiten. Auch wollen wir nicht behaupten, daß diese Devotion, mit der sich der Spender vor Gott in Erinnerung bringt, dezenter sei als die des Kirchenbildes, auf dem jener sich gern in ganzer Figur und Porträtähnlich verewigen ließ. An einen sinnigen, im Schwinden begriffenen Brauch, der zugleich die Liebe zum Kinde illustriert, erinnern die vielen Wimpel, die man hier wie Fahnenbänder überall flattern sieht. Den kleinen Knaben gab man sie in die Hand (Mädchen waren leider ausgeschlossen), wenn man sie zum erstenmal zur Synagoge führte, und ließ sie das bunte Band der Thora verehren. Es war ein heiteres Bändchen aus Seide oder Leinwand, aber es hielt meist fürs wirkliche Leben zusammen, was hier symbolisch verknüpft werden sollte: Kind und Thora. Als Inschrift diente ein Segenswunsch, der gar kein übles Lebensprogramm enthielt: Er gelange zur Gotteslehre, zum Trauhimmel, zu edlen Werken! Alles an Passender Stelle illustriert, mit dem Sternbild, unter dem das Kind geboren ward, einer geöffneten Thorarolle, einem Trauzelt; dazu, was die freie Erfindung mit dem Kinde noch in Beziehung setzen mochte: den Storch nicht ausgenommen. Die größte Zier aber waren die hebräischen Schriftzeichen selbst; denn in der Mitte schwebend zwischen Bild und Buchstaben haben sie etwas ungemein Dekoratives. So überrascht es uns denn nicht, daß der Abteilung „Schrift und Druck" drei besondere Säle gewidmet sind. Sie bildet, um es gleich zu sagen, einen Glanzpunkt der Ausstellung. Man hat die 30 und mehr. Arten der jüdischen Schristgattung zu wissenschaftlichen Zwecken veröffentlicht, durch die Aggada von Serajewo eine Ahnung vom jüdischen Buchschmuck gegeben, sich auch an gelegentlichen Erzeugnissen jüdischer Schreibkunst ergötzt; eine solche Schreibfertigkeit und -seligkeit, wie sie sich hier offenbart, hätte man aber kaum vermutet. Da gibt es neben der Thorarolle die Prophetenstücke mit Punktation in Rollenform, Festpoesien mit wunderbaren Vignetten und Initialen, durchweg illustrierte Passah-Aggadas und Esther-Rollen, Tanaim (Verlobungs-) und Ketuboth (d. i. Ehe-Pakten) mit prächtigen Arabesken, zum Teil in durchbrochenen Papierrahmen, dazu wunderliche Omer-Büchlein, Misrach- und Votivblättn, kabbalistische Schnörkeleien. Wenn heute die Buchausstattung billige Triumphe feiert, so haben wir das den immensen Fortschritten der Reproduktionstechnik zu danken; früher mußte, mechanischer Fleiß, mit Geschmack und Kunstfertigkeit gepaart, der Schreiber zugleich Zeichner und Maler sein. Wir haben in älteren hebräischen Drucken noch zahlreich Holzschnitte und Kupfer nach jüdischen Zeichnungen, aber die feinsten jüdischem Ornamente, Miniaturen in Gold, Silber und anderen Leuchtfarben ruhen, wie verzaubert, in verschwiegenen Handschriften. Wer wollte den Fäden nachspüren, die sich zwischen Klosterzelle und dem Stübchen des jüdischen Sofer spannen! Hier wie dort ein auffallend ausgeprägter. Sinn für die Schönheit der Linie, der Wortgruppe, des Blickfeldes und seiner Wirkung aus das Auge. Und möchten wir eine Vermutung wagen, die uns je länger je mehr zur Gewißheit wird: sollte die Redensart von dem mangelnden Sinn des Juden für das' Gegenständliche, Individuelle,. Sachlich-Bestimmte nicht eine Fabel sein? Sie hat freilich einen Karl Marx zum Urheber und Richard Wagner zum Eideshelser, und jener leitete aus diesem Defekt sogar die Vorliebe für die kapitalistische Wirtschaftsordnung her! „Der Jude (abgesehen vom Sabbatjuden) verehrt bekanntlich nur das Geld; nicht so sehr das gemünzte, als das Wertpapier, die Aktie, den Kux, denn darin sieht er den vollendeten Ausdruck abstrakter Lebensansicht, die Auflösung aller realen in ideelle Werte, die aber die unbegrenzte Möglichkeit ungeheurer Machtentfaltung, also der Ueberwindung alles Schwächeren, in sich tragen." Genialer Gedanke, und verteufelt geeignet, um den Juden für die Ertötung alles bodenständigen, blutwarmen und — künstlerischen Lebens in der Nation verantwortlich zu machen. Denn daß die Kunstbegeisterung beim Juden, wo sie sich nicht abstreiten läßt, nichts als verfeinertes Protzentum sein kann, gilt in gewiffen Kreisen als Dogma. Selbst ein solcher Kenner der jüdischen Volksseele, wie Martin Buber, der Herausgeber des Bilderwerks „Jüdische Künstler", glaubt an einen Mangel sinnlicher Anschauungsgabe, und macht dafür Rasseneigenschaften, den Charakter der jüdischen Landschaft, und mehr noch „das Erbe des Wüstennomaden, die Folge von Exaltationen und Abspannungen" haftbar. — Unsere Behauptung vom Gegenteil gründet sich auf die Darstellungskunst der Bibel. Sie ist anders als diejenige Homers, aber auch sie ist anschaulich und gegenständlich, arbeitet die Personen und Situationen plastisch heraus und weiß durch Schilderung sinnfälliger Züge der ganzen Skala der Affekte Herr zu werden. Dazu kommt eine scharfe Beobachtung von Naturgegenständen und -erscheinungen, und die Vorliebe für Maß, Zahl und Ordnung. Hier sind sämtliche Grundbedingungen beieinander, aus denen der bildnerische Gestaltungstrieb seine Nahrung zieht. Und nur die Benutzung fremder Maßstäbe konnte an den wirklichen Leistungen altjüdischer Plastik, Bau - und Kleinkunst vorübergehen. Freilich wirkte ehrlicher und berechtigter religiöser Eifer bei Propheten und Gesetzgebern Israels dem Kunsttriebe entgegen; aber kein Bildersturm ohne Bilder. In der großen Renaissancebewegung empfingen Malerei und Plastik außer von der Antike die mächtigsten Anregungen von der Bibel, vornehmlich der jüdischen mit ihren heldenhaften Gestalten und reichbewegten Szenen. Was das Volk der Bibel uns an Bildwerken schuldig blieb, wurde reichlich ausgewogen durch die Fülle der Motive, die es dem schöpferischen Genius bot. Selbst das Rätsel der jungjüdischen, erst nach Jahrzehnten rechnenden Renaissance erfährt von hier aus neuen Aufschluß. Es wird uns nicht einsallen, die naiven Tusch- und Federzeichnungen der Aggada und Estherrollen, oder den in Paradiesmotiven schwelgenden Bildschmuck jüdischer Heiratsurkunden in einem Atem mit Antokolkski und Glycenstein, Joses Israels, Lesser Ury, M. Lilien zu nennen; aber sie verhalten sich dennoch zueinander wie ein lange schlummernder Keim zur späten, von den Umständen begünstigten Frucht. Zu diesen günstigen Momenten rechnen wir die Erlösung von der Verachtung des Menschenleibes als des Sitzes sündhafter Begierden und von der religiösen Scheu vor seiner künstlerischen Darstellung in Bild und Gestalt. Wir haben ein neues Verhältnis zur bildenden Kunst erhalten, das der Religion Freund und nicht Feind ist, und sich durch keinen Angstruf vor wiederkehrendem Hellenismus schrecken läßt. Mag daher um die bildlose Synagoge eine gewisse Schranke gezogen werden — die Wohnung des Juden, und zwar die der lebenden wie der toten — der Friedhof — öffne sich getrost den schönen Künsten. Daß die ästhetische Kultur nicht den streng moralischen und religiösen Trieben gefährlich werde, darauf wird freilich zu dringen sein. Was für eine Belebung die Kunst der.Religion angedeihen lassen kann, haben ja die illustrierten, der Jugend so sympathischen Aggadabüchlein gezeigt, und könnten auch die auf s§ si