Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 34 (21.8.1908)
- Date
- 1908-08-21
- Page
- Seite 403 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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unsterblichen Geist. Im zweiten Teil'erörtert der Autor die ' Lehre über Gott, wie er sich uns offenbart in seinem Waltensöwie das Offenbaren des göttlichen Willens in der Geschichte der Menschheit und in der Geschichte Israels, und im dritten Teil bespricht er die Lehre über Gott, wie er sich in seinen Lehren und Befehlen offenbart. In dev Einleitung zu seiner „Mosaischen Religionslehre" redet der Autor in wärmster Weise das Wort für die Konfirmation. Einen bedeutenden Namen in der Wissenschaft des Judentums hat sich aber Formstecher geschaffen durch sein umfangreiches, bahnbrechendes We^k: „Die Religion des Geistes", eine wissenschaftliche Darstellung des Judentums nach seinem Charakter, Entwicklungsgänge und Beruf in der Menschheit (Frankfurt a. M. 1841). Dieses Buch gehört zu den namhaftesten religionsphilosophischen Schriften in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. In streng philosophischer Weise versucht hier Formstecher eine Auffassung der jüdischen Religion in ihrem rein geistigen Gehalt zu geben. Sein philosophisches Religionsgebäude des Judentums ist durchaus wissenschaftlich und faßlich gehalten. Das reichhaltige und gedankenvolle Werk beschäftigt sich mit Gott und Welt, Natur und Geist, Vernunft und Offenbarung, dem Guten und dem Bösen, der göttlichen Vorsehung und dem menschlichen Willen, der Bestimmung des Menschen, der vorhistorischen und historischen Offenbarung sowie dem Heidentum und Judentum. Formstecher erörtert die Grundlinien des Judentums und findet die Quelle der Religion in der Offenbarung, Prophetie und in der Heiligen Schrift und Ueberlieferuug. Von seiner gründlichen und unbefangenen geschichtlichen Kenntnis geben seine historischen Exkurse einen Beweis. Die Geschichte des Judentums beschäftigte ihn außerordentlich. Dieselbe teilt er ein in den Zeitraum der Prophetie, den der patriarchalischen Vorzeit, Begründung der Theokratie und Behauptung derselben. Das Schlußkapitel — es ist das 13. — ist dem Judentum und der Menschheit in der Gegenwart gewidmet. Hier führt der Autor in geistvoller Weise seine Anschauungen über das veränderte Verhältnis des Judentums zur Kunst und zur Wissenschaft aus. „Solange beide das Gepräge der Naturvergötterung trugen, solange mußte das Judentum entweder sie als feindselige Elemente abstoßen oder doch als seiner Religion fremdartige Elemente behandeln. welches Verhältnis aber die -Gegenwart in christlicher Umgebung ganz anders modifiziert. Die plastische Kunst erscheint nicht mehr als eine himmlische Kraft, die idealistische Gottheiten schafft, sondern als die Manifestation des Geistes. In der Kunstschöpfung der Gegenwart vergöttert der Geist nicht mehr wie früher, und deshalb kann auch das Judentum die plastische Kunstschöpfung in sich aufnehmen, doch wird der jüdische Künstler da, wo er fürchten muß, daß fein Kunstprodukt zur Idolatrie führt, gern der Kunst entsagen oder nur solche Kunstwerke schaffen, die zu einer Stütze des Heidentums nicht verwendet werden können. Unter den Wissenschaften kann nur die sogenannte spekulative Metaphysik als eine solche erwähnt werden, die das Judentum als eine heidnische erklärt, alle übrigen dagegen wurden und werden von ihm gefordert und gefördert. Die Jurisprudenz und die Medizin, die Naturwissenschaft in allen ihren Zweigen, die Grammatik und Rhetorik fand.-zu ihren Zeiten sorgsame Pflege im Judentum. Die größte Sorgfalt aber nahm die Bearbeitung der Theologie in Anspruch, weil in ihr das Judentum als solches sein Selbstbewußtsein darstellt. Die Aufgabe der rein jüdischen Theologie war und ist die Bearbeitung und Fixierung der Ethik... In ihrer Reinheit zeigt sich die jüdische Theologie als Ethik vorzüglich dann, wenn sie in ihrem ungetrübten prophetischen Charakter sich darstellt und sich dadurch als Gegensatz zum Heidentum manifestiert."; ' Nicht minder bedeutsam sind die Blicke, die der Verfasser in die Zukunft der Menschheit wirft, indem er Aufschlüsse über die bedeutendsten Fragen zu geben sucht. Von den vielen Fragen, die er. hier auswirft, und deren Beantwortung sei nur die eine hervorgehoben. „Wird einst die ganze Menschheit des goldenen Zeitalters teilhaftig werden? so fragt er, „oder wird sich ein Uebergang zwischen Natur und Geist derart behaupten, daß die Erde stets eine aufsteigende Gradation zwischen dem Repräsentanten der Natur und dem des Geistes darstellen wird?" In bezug auf das Judentum beantwortet er diese Frage dahin: „das Judentum bewahrt bei allen Stürmen der Weltgeschichte stets das absolut wahre Ideal der Menschheit, stellt die reine Humanität stets als Zielpunkt des menschlichen Strebens dar und umhüllt diesen edlen Kern sorgfältig mit schützenden Schälen, damit er nach geendeten Weltstürmen unversehrt der Menschheit dargeboten werden könne. Das Judentum weiß sich im Besitze der Herrschaft auf dem Gebiete des Geistes, darum entsagt es freudenvoll derselben auf dem Gebiete der Natur; es fühlt sich erkoren zu dem hohen Berufe: der Menschheit die Wahrheit und die Glückseligkeit zu bewahren und zu bringen, gern bot es deshalb dem Schläger die Wange hin und duldete für seinen Glauben; es fühlte sich gestärkt durch die Ueberzeugung, daß der Wahrheit Träger durch diese Wahrheit selbst vor den: Untergänge geschützt ist. Israel sollte durch, sein Dasein die Menschheit lehren, wie die Wahrheit allen Anfeindungen Widerstand leistet, wie der wahrhaft Fromme allen Leiden und Qualen trotzt aus Liebe zu seinem Gotte und zu seinem Nebenmenschen. Aus Liebe zur Menschheit, um diese zu ihrer Vollkommenheit und Glückseligkeit zu leiten, hat Israel standhaft gelitten und geduldet und stellte dadurch das Bild des leidenden Messias dar, welches die Propheten erschauten und verkündeten. Doch auch diese Leiden gehen vorüber, der große furchtbare Tag des göttlichen Weltgerichts neigt seinem Ende sich zu, der Kampf zwischen der antiken und modernen Zeit und den zwischen Heidentum und Judentum beschließt letzteres durch einen glänzenden Sieg, welcher auf das Gebiet des Geistes eine neue Erde, ein neues Menschengeschlecht schaffet. Natur und Geist feiern mittels des Geistes dann in der Menschheit ihre Versöhnung, das Ideal des geistigen Jndividuallebens ist realisiert, die relativ wahre Offenbarung des Judentums als absolut wahre erkannt, Objektivität und Subjektivität des tellurischen Bewußtseins sind zur Identität gelangt, die Erde zeigt sich in sich selbst versöhnt, ihre geliebtesten. freien. Kinder, Menschen genannt, haben den Gipfel ihrer Glückseligkeit erstiegen, ihre Schöpfung ist vollendet, die Menschheit hat die volle Blüte der Humanität entfaltet, sie ist vollkommen — glückselig. — „In der Zukunft schlägt Jakob Wurzel, Israel sproßt hervor und blüht und füllet die Oberfläche der Erde mit Frucht (Jos. 27,6.)." „Vom Aufgange der Sonne bis zu ihrem Niedergange wird man dann erkennen: daß nur Gott allein die wahre Gottheit sei und außer Ihm kein anderer (idiä. 45, 6.)." „Dann schmieden sie (die Nationen) ihre Schwerter zu Pflugscharen und ihre Speere zu Winzermessern, nicht mehr erhebt Nation gegen Nation ein Schwert, nicht ferner lernen sie Kriegskunst noch (ibick. 2, 4.)." „Ein jeder ruhet dann unter seinem Weinstocke und unter seinem Feigenbäume. Niemand erschreckt, denn der Mund des Gottes Zebaoth spricht (Micha 4, 4.)." „Ich gebe ihnen dann ein einmütiges Herz und einen neuen Geist gebe ich in ihr Inneres, und ich entferne das steinerne Herz aus ihrem Körper und gebe ihnen ein Herz von Fleisch (Jeche sk. 11. 19 cs. 36, 26.)." „Und so wie die Erde hervortreibt ihre Sprößlinge und der Garten wachsen läßt seine Aussaat, so läßt der Herr, Gott, Tugend und Lob wachsen vor allen Nationen (Jes. 61, 11.)." Zum Schluß müssen wir noch der belletristischen Tätigkeit Formstechers Erwähnung tun. In einer Zeitschrift, die er zusammen mit Leopold Stein, dem Rabbiner der israelitischen Gemeinde zu Frankfurt a. M., im Jahre 1859 herausgab und von der leider nur ein Band erschienen ist, betitelt der „Freitagabend", eine Familienschrift, und in der von ihm und K. Klein redigierten „Israelitischen Wochenschrift" (1861) hat er so manche hübsche Erzählung, Novelle, Fabel, Legende und Parabel veröffentlicht. Leider sind diese Arbeiten nicht gesammelt und