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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1908-08-21 · Heft 34 (21.8.1908) · p. Seite 402

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
72 (1908)
Issue
Heft 34 (21.8.1908)
Date
1908-08-21
Page
Seite 402 (sequence 8)
Language
German
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zündend' und begeisternd wirkten, doch-Hat er nur einen kleinen Bruchteil derselben der Oeffentlichkeit übergeben. Sv erschien z. B. „Zwölf Predigten" (Würzburg 1833) und „ZweiPredigten" von ihm unter dem Titel: „Israels Klage und Israels Trost bei der Erinnerung an die Zerstörung Jerusalems." (Offenbach 1835.) In den „dem verehrungswerten und wohllöblichen Vorstande der Israelitischen Gemeinde zu Offenbach a. M. aus Liebe und Dankbarkeit achtungsvoll gewidmeten" 12 Predigten offenbart sich in so klarer und lichtvoller, ja plastischer Weise die ganze Lebens- und Weltanschauung, der religiös-philosophische Standpunkt und das Ringen und Streben Formstechers, daß wir nicht umhin können, auf diese auch formell bedeutsame Kanzelreden hier näher einzugehen) In der Gegenwart, wo die Zahl der in deutscher Sprache publizierten Predigten geradezu Legion ist, hat man keinen Begriff davon,. welches Aufsehen es erregen mußte, als ein Prediger in hochdeutscher gewählter, bisweilen klassisch schöner und formvollendeter Sprache) das Gotteswort von der Kanzel herab verkündete, dem alten Jargon den Garaus machend und für Reform und Fortschritt in die Schranken tretend. Es ist daher natürlich und erklärlich, daß S. Formstecher seiner Gemeinde, die ihn in seinen Bestrebungen allezeit aufs wärmste unterstützte, seinen Dank auch öffentlich bezeugte. In dem Vorwort führt der Verfasser aus, daß die Predigt im Judentum eine neue Erscheinung sei, aber es werde gepredigt nicht nach objektiven Grundsätzen, sondern nach subjektiven Ansichten. Die christliche Homiletik könne dem israelitischen Prediger nicht genügen, denn wenn auch beide Vertreter der positiven Religionen die wahre Frömmigkeit als ein gemeinschaftliches Ziel zu erstreben haben, so sei es doch unverkennbar, daß dem israelitischen Prediger andere Anknüpfungspunkte gegeben seien als dem Geistlichen. Freilich würde eine solche Homiletik mehr in die Dogmatik spielen, allein ein jeder Zug der theologischen Wissenschaft finde mehr oder weniger in der Dogmatik seine Wurzel. Die Aufgabe der israelitischen Predigt sei eine hohe. Das Judentum des Mittelalters sei veraltet, und es befriedige nicht mehr den aufstrebenden Geist der neuen Zeit. Diese bedürfe eines konkreten Organs und dieses sei die Predigt. Sie müsse den Genius der Zeit wahrhaft erfassen und als sokratischer Geburtshelfer ihm beistehen, die Geburt ans Licht zu bringen. Mit Nachdruck bekämpft er die Ansichten derjenigen, die gegen die Predigt in der Synagoge eifern, seiner Entrüstung über die widersinnigen Behauptungen der Zeloten Ausdruck gebend, daß eine deutsche Rede in der Synagoge den Ohren Gottes zuwider sei, und daß das deutsche Predigen die Grundfesten der Religion untergrabe und das ganze Gebäude des israelitischer: Glaubens zum Einsturz bringe. Mit berechtigtem Hohn überschüttet er die Finsterlinge, die nur auf die Unwissenheit und den Aberglauben des Volkes spekulieren. Ebenso verwahrt er sich gegen die Zweiselsüchtigen und Pessimisten, die an die Wiedergenesung der israelitischen Gemeinschaft nicht glauben und jeden Versuch in dieserBeziehung für töricht und erfolglos halten. Mit stammender Begeisterung vertritt er vielmehr den Standpunkt, daß gerade die deutsche Predigt dazu beitragen werde, neues Leben aus den Ruinen emporblühen zu lassen und den alten abgeklärten Geist Israels in neuem Lichte zu zeigen. Zwei Predigten Formstechers hat der Vorstand seiner Gemeinde als ein charakteristisches Vorwort mit auf den Lebensweg gegeben, das für das innige Verhältnis, das zwischen dem Prediger und seiner Gemeinde bestand, ein wichtiges Zeugnis ablegt. Aus dieser Vorrede hebe ich jene Steller: hervor, die von den zeitgemäßen Verbesserungen, die der Vorstand' in der' Gemeinde - eingeführt hatte.erzählen." Aus den öffentlichen Sabbatgebeten wurdenjene Gebete-, die an den ' Sabbaten zwischen Ostern und Pfingsten eingeschaltet werdengänzlich entfernt, in denen das gebeugte und zerknirschte Gemüt in finsteren Jahrhunderten über die unsäglichen Bedrückungen. und Verfolgungen sich in Qualen auflöste. — Es trat eine neue Synagogenordnung ins Leben, in deren Folge? der Gottesdienst' mit der größten Ruhe und Ordnung in der ihm gebührenden Würde abgehälten und alle früheren Unanständigkeiten und' Veranlassungen zur. Störung..der Andacht beseitigt wurden. — Das die Heiligkeit des Ortes entehrende profane Versteigern der Mizwot wurde gänzlich abgeschafft. — Alle Eheverbindungen wurden nach einer vorangegangenen deutschen Traurede nur in der Synagoge vollzogen. Die Funktionen des Predigers bestanden darin, jeden Sabbat und Festtag in der Synagoge eine deutsche Predigt zu halten, ein Gebet für die Erhaltung und das Wohlergehen des Regentenhauses in deutscher Sprache zu verrichten und für Knaben und Mädchen einen höheren Religionsunterricht zu erteilen, sowie mit mehrstimmigem deutschen Chorgesange die Konfirmation zu vollziehen. Nicht ohne einen gewissen Humor find die Anordnungen des Vorstandes für den Gottesdienst zur Erinnerung an die Zerstörung Jerusalems, die wir hier wörtlich folgen lassen wollen. 1. Das'Erscheinen in der Synagoge in bloßen Strümpfen ist untersagt) in Filzschuhen jedoch gestattet. 2. Das bisher von Privatpersonen stattgesundene Absingen einzelner Kinoths hört gänzlich auf. Nur der Vorsänger hat die ihm vorgezeichneten abzulesen. 3. Damit auch das weibliche Geschlecht an diesem.Gottesdienste Anteil nehmen könne, werden während desselben die Frauensynagogen geöffnet werden. Es ist der dem Gotteshause schuldige Ehrerbietung angemessen, daß das Erscheinen in demselben nur in anständiger, womöglich schwarzer Kleidung geschehe. Mit Freuden konstatiert nun der Vorstand, daß alle diese Anordnungen von den Gemeindemitgliedern mit größter Genauigkeit befolgt wurden und daß das Gotteshaus, das stüher an diesem Tage nur sehr spärlich besucht wurde, nunmehr mit Andächtigen beiderlei Geschlechts angefüllt war. „Auf den Synagogenstufen, aus denen in früheren Jahren nur Kinder sich lärmend Herumtrieben, weilten diesmal in stiller Feierlichkeit Männer, deren Gesichtszüge schon die Erhebung des Geistes und die Erbauung des Herzens aussprachen. Auch durch diese Einrichtung darf demnach der israelitische Gemeindevorstand sich gestehen, einer Aeußerung des Religionslebens solch eine Gestalt gegeben zu haben, die nicht nur manchen unwürdigen Mißbrauch entfernte, sondern auch dazu beitragen wird, der immer mehr um sich greifenden Gleichgültigkeit und Kälte gegen die Religion entgegenzuwirken, das religiöse Gefühl zu wecken und die wahre Herzensfrömmigkeit zu nähren." Ich habe bereits erwähnt, daß Formstecher auch als Praktischer Theologe, beziehungsweise Religionslehrer durch manche pädagogische Arbeit den Beweis von seinem hervorragenden erzieherischen Talent gegeben. Hier sind besonders seine nachstehenden beiden Werke: „Israelitisches Andachtsbüchlein zur Erweckung und Ausbildung der ersten religiösen Gefühle und Begriffe, ein Geschenk für Kinder" (Offenbach a.M. 1836) und „Mosaische Religionslehre" (Gießen 1860) hervorzuheben. Das letztere bedeutsame religiös-pädagogische Werk, das ungemein klar und faßlich gehalten ist, besteht aus drei Teilern In dem ersten behandelt der Verfasser die Lehre über Gott, wie er sich uns offenbart in seiner Schöpfung, dann die Welt als das Werk Gottes, sowie den Menschen als das vollkommenste Werk der göttlichen Schöpfung auf Erden und ferner di.e menschliche Seele als Ebenbild Gottes und. als

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